Auf Tour - Mit dem Fahrrad zum Nordkap und weiter nach Tarifa

Reisebericht einer Fahrradreise quer durch Europa

Absprung

22. June 2007, 06:11

Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur,
darum Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist’s: Reise, reise!

Wilhelm Busch

Rothsee - 142 km

23. June 2007, 05:13

Dass bei meinem Abschied auch der Himmel weint, war ja zu erwarten. Dass er das dann aber drei Stunden durchhaelt, schien mir doch etwas uebertrieben. Am Ende war es aber noch ein richtig schoener Tag mit Sonnenschein und ab und an etwas Rueckenwind geworden.
Da ich Augsburg ueber die Waldwege am Lech entlang verlassen habe, waren die ersten 20 km eine ziemliche Schlammschlacht. Ich habe mich deswegen in Hoehe von Nordendorf fuer die kleine Landsrasse westlich des Lechs entschieden.
Diese fuehrte mich bis zur Donau. Lustigerweise ist diese so etwa wie der Ursprung meiner Leidenschaft fuer das Radreisen. An ihr entlang bin ich 2004 meine erste längere Fahrrad-Tour gefahren.

Weiter ging es relativ huegelig bis nach Solnhofen, wo ich meinen Weg an der Altmuehl fortsetzte. Ueber Weissenburg fuhr ich dann bis nach Hilpoltstein. Leider war der schoene Stellplatz am Main-Donau-Kanal wegen eines Triathlons gesperrt, so warteten meine Eltern mit dem Wohnmobil am Rothsee auf mich.

Ein Blick aus dem Fenster verspricht mir heute einen trockeneren Start. Heutiges Ziel: Bayreuth.

Bild aufgenommen am
22.06.2007, 08:55.
So federleicht sehe ich mein Fahrrad die nächste Zeit vermutlich nicht wieder.
 
Bild aufgenommen am
22.06.2007, 09:35.
Dass es gleich am ersten Tag regnet, war ja zu erwarten.
 
Bild aufgenommen am
22.06.2007, 12:08.
Nicht nur ich kann die Sonne nicht ausmachen.
 
Bild aufgenommen am
22.06.2007, 18:32.
200 Meter vor dem Tagesziel am Rothsee:
 

Bayreuth - 138 km

24. June 2007, 22:04

Gestern ist es etwas spaeter geworden. Ich habe deshalb nichts mehr geschrieben, was ich hiermit nachholen moechte.
Morgens bin ich bei schoenstem Wetter am Rothsee entlang gefahren, leider hielt dieses aber nicht lange. Es hat den groessten Teil des Tages geregnet, zum Glueck aber nur so leicht, dass die Regenjacke in der Tasche bleiben konnte. Wann immer die Tropfen etwas dicker wurden, war eine Bushaltestelle, eine Telefonzelle oder etwas aehnlich gut Schuetzendes in der Naehe.
Erst auf den letzten 30 km kam dann wieder die Sonne durch.
Meine Eltern hatten sich auf dem Parkplatz der Therme in St. Johannis einquartiert, wo ich dann wie gewohnt mit einem kuehlen Radler und reichlich Staerkung empfangen wurde.
Diese Staerkung war aber auch bitter noetig. Die “Die Form kommt waehrend der Tour”-Einstellung trifft zwar wie immer zu, raecht sich aber angesichts der vielen Steigungen doch ein wenig.

Bild aufgenommen am
23.06.2007, 10:36.
Die Wolken hielten leider nicht den ganzen Tag über dicht. Insgesamt aber ein akzeptabler Tag zum Fahrrad fahren.
 
Bild aufgenommen am
23.06.2007, 15:55.
Ich hätte mich dort lieber vor der Sonne versteckt, aber so konnte ich mich samt Fahrrad immerhin zum Schutz vor dem Regen unterstellen.
 

Triptis - 140 km

24. June 2007, 22:30

Heute duerfte der Tag mit den meisten Hoehenmetern innerhalb Deutschlands gewesen sein. Mein kleiner Steigungsmesser zeigte haeufig Werte um die 10 Prozent an. Erst noerdlich von Schleiz liessen die Steigungen an Schaerfe nach, allerdings war ich dann auch nicht mehr weit von meinem Tagesziel nahe Triptis entfernt.
Ich hoffe dieser Trend der nachlassenden Steigungen setzt sich fort.
Es ist nicht so, dass ich ungern Berge hinauf fahre, aber wenn dann bitte auch solche mit ordentlicher Hoehe und toller Aussicht. Hier faehrt man 50 Hoehenmeter rauf und hat diese eine Kurve weiter bereits wieder verloren. Dies wiederholt sich dann den ganzen Tag ueber.
Vom Wetter her war heute ein kaum zu uebertreffender Tag. Viel Abwechslung von Sonne und Wolken, und dazu nicht ein Regentropfen. Der leichte Rueckenwind machte die Sache nahezu perfekt.
Der erste Ausfall am Fahrrad ist auch zu vermelden: die Tageskilometer sind geschaetzt, da mein Tacho seinen Dienst quittiert hat. Eines der wenigen Teile die auf allen meinen Touren dabei waren. Ich werde mir Morgen im Baumarkt oder im Fahrradgeschaeft (wie ich meine schwaebische Ader kenne eher im Baumarkt) einen Neuen kaufen.

Bild aufgenommen am
24.06.2007, 11:08.
Und genau so steil hat es sich trotz des nur leicht beladenen Fahrrads auch angefühlt.
 

Leipzig - 125 km

25. June 2007, 22:43

Entgegen meiner gestrigen Planung habe ich mich heute spontan fuer die Strecke durch Gera entschieden, auch wenn das einen kleinen Umweg bedeutete. Ab Gera konnte ich ein grosses Stueck entlang eines sehr schoen ausgebauten Fahrradwegs entlang der Weissen Elster fahren. Auch meine Hoffnung auf weniger Steigungen wurde erfuellt. Zudem zeigte sich Petrus von seiner besten Seite. So ging es dann mit viel Tempo und mal wieder etwas Rueckenwind Richtung Norden um den vorhergesagten Gewittern zu entgehen. Kaum war ich in der Naehe von Leipzig am Wohnmobil angekommen, frischte der Wind auf und es begann zu regnen. Inzwischen stellt sich der Blick aus dem Fenster wieder etwas erfreulicher dar. Fuer Morgen ist Regen angesagt, allerdings auch sturmartige Winde aus der Richtung meines Hinterrades.

Noch bei Leipzig

26. June 2007, 07:32

Der Wind hat tatsaechlich aufgefrischt, von Regen ist aber noch nichts zu sehen.
Gestern habe ich einen Fahrrad-Tacho beim Bahr in Gera gekauft und diesen soeben montiert. Ab heute gibt es also wieder gemessene, nicht nur geschaetzte Kilometerangaben.

Beelitz - 147 km

26. June 2007, 20:13

Ein Tag zum “Strecke machen”. Der Rueckenwind zwischen 4 und 6 Beaufort liess mich auch im ebenen Gelaende hin und wieder die 30 km/h von oben sehen. Dies kommt bei mir sonst sehr selten vor, bei solch langen Tagesetappen meist gar nicht. Es kam mir waehrend der Fahrt auch gar nicht so weit vor, aber ein Nachmessen meiner gefahrenen Route auf der Karte bestaetigt die Angabe des neuen Tachos.
Nass geworden bin ich erst 15 km vor dem Etappenziel, dafuer aber dann richtig.
Morgen werde ich nur eine kuerzere Strecke mit dem Fahrrad zuruecklegen und dafuer ein paar Stunden in Berlin verbringen. Ich bin zwar kein besonderer Kunst- und Kulturkenner, aber ich finde Berlin hat schon einen gewissen (Grossstadt-) Flair und genau den moechte ich nochmal geniessen bevor ich mich in das eher einsame Skandinavien verabschiede.

Bild aufgenommen am
27.06.2007, 09:09.
Das Größenverhältniss Fahrrad-Wohnmobil wirkt beeindruckend.
Im Hintergrund ist mal wieder das "tolle Wetter" zu erkennen. Wenn ich schon in Deutschland solch einen Himmel habe, was ist dann erst am Nordkap los?
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 09:10.
Nochmal "Fahrrad gegen Wohnmobil".
 

Berlin

27. June 2007, 14:23

Das erste kleine Ziel meiner Reise ist erreicht. Gegen 13 Uhr bin ich in Berlin angekommen.
Ich habe die hohe Dichte an Fahrradgeschäften genutzt, um mir neue Bremsklötze einbauen zu lassen, so kann ich dann guten Gewissens in den Norden aufbrechen. Einen neuen Mantel hatten sie nicht in meiner Reifengröße, aber dass werde ich dann morgen im Wohnmobil selbst machen. Bremsklötze hätte ich zwar auch dabei, aber so kann ich mir meine Eigenen noch für die weitere Tour aufheben.
Momentan sitze ich in einem Internet-Cafe um die Ecke des Fahrradgeschäftes und warte ein Stündchen bis mein Fahrrad wieder einsatzbereit ist. Danach werde ich noch eine Runde durch Berlin drehen und mich anschließend mit Marco, einem alten Schulfreund, treffen.

Ich möchte die Gelegenheit auch nutzen, um mich bei all denen zu bedanken, die mir per E-Mail, per SMS, telefonisch oder durch meine Freundin Grüße, Glückwünsche oder Durchhalteparolen :-) haben zukommen lassen. Es waren so viele, dass ich nicht jedem persönlich geantwortet habe, deshalb auf diesem Weg nochmal ein ganz herzliches Dankeschön.

Übrigens: weiter unten gibt es nun noch ein paar Bilder. Viel Spaß damit.

Berlin - 76 km

28. June 2007, 11:12

Wie angekuendigt habe ich mir gestern, nachdem ich mein Fahrrad zurueck hatte, noch ein wenig Berlin angesehen. Den Reichstag, den neuen Hauptbahnhof und natuerlich das Brandenburger Tor, unter dem ich vor dem einsetzenden Regen Schutz gesucht habe.
Meist war es aber trocken, nur hin und wieder fielen ein paar Tropfen.
Spaeter traf ich dann noch Marco. Wir gingen thailaendisch essen und quatschten ueber die weitere Tour, ueber die “guten alten Zeiten”, ueber sein Studium und was man eben nach einer so langen Zeit sonst noch so zu besprechen hat. Anschliessend gingen wir in seine Wohnung, wo ich einen sehr beeindruckenen Einblick in verschiedene Animationstechniken erhielt. Ich sollte vielleicht erwaehnen, dass Marco eben das studiert.
Es ist wirklich erstaunlich, wie realistisch sich bewegende Objekte wie Tiere oder Menschen am PC nachbauen lassen, und vor allem mit welchem personellen Aufwand.
Ich bin bisher davon ausgegangen, dass eine ganze Truppe von Spezialisten notwendig waere, um beispielsweise ein Tier auf digitalem Weg zum Leben zu erwecken.
Seit gestern weiss ich, dass eine Person und wenige Tage Arbeit ausreichen - das noetige Talent sollte natuerlich auch nicht unerwaehnt bleiben.
Ich glaube man kann es meinen Worten entnehmen: Ich bin nach wie vor erstaunt ueber das Gesehene.

Bild aufgenommen am
27.06.2007, 10:09.
Die Fahrrad-Wege sind nicht überall erstklassig ausgebaut. Vorteil dabei: Man fährt so gut wie alleine.
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 11:19.
Wenn ich richtig liege, ist das im Park Potsdam-Babelsberg der Flatowturm.
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 15:08.
Die Siegessäule in Berlin. Ich war zwar schon mehrmals dort, aber noch nie per Fahrrad.
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 15:18.
Natürlich dürfen Gruppenbilder der Sehenswürdigkeiten mit meinem Fahrrad nicht fehlen:

Hier mit dem Brandenburger Tor
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 15:32.
Und hier vor dem Reichstag.
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 15:44.
Blick über die Spree zum Reichstagsgebäude.
 
Bild aufgenommen am
27.06.2007, 15:46.
Am Berliner Hauptbahnhof gab es eine Ausstellung mit Sand-Skulpturen.
 

Wredenhagen - 138 km

29. June 2007, 07:24

Haette ich gestern noch laufen muessen, der Tag waere als Triathlon durchgegangen.
Es hat zwar wieder mal nicht dauerhaft geregnet, es erwischten mich aber einige heftige Schauer.
So kam ich dann total durchnaesst am Wohnmobil an. Ich nutzte den Tag auch, um die bisher getragene Kleidung nochmal zu waschen. Das kann ich zwar spaeter auch noch, aber die Moeglichkeit, die nassen Teile witterungsunabhaengig trocknen zu lassen, wird mir fehlen.
Heute steht der Faehrhafen in Rostock als Etappenziel an. Morgen duerfte ich im Laufe des Tages mit der Faehre in Trelleborg ankommen. Vorher wollte ich noch meine beiden Maentel am Fahrrad wechseln. Um moeglichst weit mit den Neuen zu kommen, habe ich das so lange wie es ging hinausgezoegert. Vermutlich mache ich das heute Abend.
Der Wind, der gestern auch manchmal etwas bremste, hat wieder auf eine “bessere” Richtung gedreht und duerfte heute als Mitstreiter Unterstuetzung bringen. Wolke ist keine am Himmel zu sehen und nennenswerte Steigungen gab es seit Gera auch nicht mehr.
Es scheint ein schoener Fahrrad-Tag zu werden.

Bild aufgenommen am
28.06.2007, 17:43.
Schnurgerade in Richtung Etappenziel, kaum Verkehr, perfekter Straßenbelag, dazu noch mitten durch den Wald. Besser kann ein "Fahrrad-Weg" wohl nicht sein.
 

Rostock, Seehafen - 138 km

30. June 2007, 06:47

Auch gestern auf dem Weg nach Rostock durfte ich mir mein gelbes Trikot ueberziehen (so nennt meine Mutter meine gelbe Regenjacke), es hat trotz des vielversprechenden Tagesbeginn gegen Nachmittag wieder ziemlich geschuettet.
Wie schoen, dass laut Radio das aktuelle Tief nun langsam “nach Suedschweden abzieht”.
Momentan stehen wir mit dem Wohnmobil auf einem Parkplatz im Rostocker Seehafen und koennen den Faehren bein Ein- und Auslaufen zusehen.
Der Himmel ist mal wieder strahlend blau, aber wie der gestrige Tag gelehrt hat, laesst das keine verlaessliche Prognose fuer den Tag zu.
Ich freue mich jedenfalls schon riesig darauf, gegen 15 Uhr auf die Faehre zu steigen und Richtung Schweden aufzubrechen. Noch nie zuvor habe ich Deutschland fuer einen so langen Zeitraum verlassen.
Vermutlich werde ich in Schweden und Finnland etwas kuerzere Tagesetappen fahren. Im Gegensatz zu bisher muss ich mich dort auch noch “um den Haushalt” kuemmern, sprich ich muss das Zelt auf- und abbauen sowie mich mit Essen und Trinken versorgen, was ich bisher auf dieser Tour nicht selbst erledigen musste. Trotzdem werde ich versuchen, mich auf dem Weg mit dem Fahrrad nach Norden zu beeilen, da die Mitternachtssonne am Nordkap nur bis Ende Juli zu sehen ist und ich dieses Schauspiel gerne miterleben moechte.

Bild aufgenommen am
29.06.2007, 14:21.
Auch so ein Straßenbelag kam heute leider mehrfach vor. Mit einem Rennrad wäre das sicherlich kein Spaß gewesen, mit meinem breit bereiften Reiserad war es zwar unkomfortabel aber fahrbar.
 
Bild aufgenommen am
29.06.2007, 16:23.
Die letzte Station meiner Fahrradreise in Deutschland - zumindest auf dem Weg zum Nordkap. Auf dem Weg Richtung Spanien/Tarifa fahre ich ja wieder einige Tage durch Deutschland.
 

Ankunft in Schweden

1. July 2007, 07:08

Nach einem verregnetem Abschied und einer reibungslosen Ueberfahrt habe ich gerade die erste Nacht auf einem schwedischem Campingplatz nahe Trelleborg verbracht.
Der erste Eindruck von diesem Land, in dem ich die kommende Woche verbringen werde, ist recht positiv.
Ich musste zwar noch nicht weit fahren, aber bisher gab es top Fahrradwege mit einer guten Beschilderung. Besonders angenehm ist, dass bei den Wegweisern auch die folgenden Ortsnamen mit angegeben sind. In Deutschland liest man oft nur den Namen das Radwegs und muss sich darauf verlassen, dass der ausgeschilderte Weg auch halbwegs sinnvoll gewaehlt wurde - was aber nicht immer der Fall ist.
Aber wo Licht ist gibt es natuerlich auch Schatten, der Preis fuer den Campingplatz zaehlt mit zu den Hoechsten die ich je bezahlt habe.

Als ich gestern an dem Campingplatz ankam habe ich mir ein grosses freies Stueck der Zeltwiese ausgesucht. Heute Morgen stehen direkt neben mir vier Tunnelzelte und ich habe nichts von deren Aufbau bemerkt. Ich scheine einen sehr gesunden Schlaf zu haben.
Werde jetzt erst mal fruehstuecken und mir dann einen genaueren Eindruck von diesem Land machen.

Bild aufgenommen am
30.06.2007, 15:17.
Die beiden Punkte in der Mitte des Bildes sind meine fleißig winkenden Eltern. Bis hierher haben sie mich mit dem Wohnmobil begleitet, ab jetzt bin ich mit meinem Fahrrad auf mich gestellt.
 
Bild aufgenommen am
30.06.2007, 20:06.
Ein Blick auf das Meer von der Fähre aus.
So kann das Wetter bleiben.
 
Bild aufgenommen am
30.06.2007, 22:22.
Mein Zelt und mein Fahrrad samt Gepäck auf dem ersten Zeltplatz in Schweden, nahe Trelleborg.
 

Baskemoella

1. July 2007, 15:51

Der gute Eindruck von Schweden setzt sich fort. Nicht nur das Wetter ist mit viel Sonne und einer kuehlen Brise von der Ostsee her kommend geradezu exzellent zum Fahrrad fahren, auch die Strassen sind in einem prima Zustand.
Vielleicht ist es verzeihbar, wenn ich nach einer Woche in der Regenjacke noch ein klein wenig den Neidfaktor zu erhoehen versuche :-)
Momentan liege ich naemlich im Schatten eines grossen Baumes direkt am Meer. Ein laues Lueftlein weht, ich hoere dem Meer beim Rauschen zu und verspeise die Vorraete, die ich von meinen Eltern mitgenommen habe.
Damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, ich wuerde NUR faulenzen fuege ich noch hinzu, dass zwischen dem Campingplatz heute morgen und diesem schoenen Plaetzchen etwa 70 km Fahrrad-Strecke liegen.
Spaeter werde ich weiter Richtung Ahus fahren, um mir dort in der Gegend einen Platz fuer die Nacht zu suchen.

Bild aufgenommen am
01.07.2007, 07:37.
Fahrrad und Zelt sonnen sich morgens vor der Abfahrt auf dem Campingplatz bei Trelleborg.
 
Bild aufgenommen am
01.07.2007, 09:18.
Fahrradweg durch Feld und Wiese, unweit des Meers.
 
Bild aufgenommen am
01.07.2007, 10:01.
Sonne und Meer - eine kleine Entschädigung für die vielen Regentage auf dem Fahrrad in Deutschland.
 
Bild aufgenommen am
01.07.2007, 10:16.
Ein Rastplatz direkt am Meer.
 

Ahus - 129 km

1. July 2007, 21:04

Inzwischen habe ich genau das getan, was ich vorhin geschrieben habe: mich auf den Weg nach Ahus gemacht, einen kleinen Zwischenstop an einen Supermarkt eingelegt und mir dann einen Platz fuer die Nacht gesucht.
Eigentlich wollte ich ja direkt am Meer campen, an den beiden Stellen an denen ich es versucht habe waren jedoch Schilder die gerade dies verbieten.
So bin ich dann kurz vor Ahus einem Trampelpfad in den Wald hinein gefolgt und habe dort an einer geeigneten Stelle mein Zelt aufgeschlagen. Jetzt liege ich also mitten im Wald, hoere in grosser Entfernung eine stark befahrene Strasse und sehe ansonsten keine Menschenseele.
Ein klein wenig fuehle ich mich an meine Wehrdienstzeit erinnert. Ich hoffe allerdings, dass die heutige Nacht erholsamer wird als die damals erlebten.

Bild aufgenommen am
02.07.2007, 09:02.
Zelt und Fahrrad mitten im Wald.
Nicht so komfortabel wie auf dem Campingplatz, aber Tatsache ein ungestörtes Plätzchen zum Übernachten.
 

Urshult - 98 km

2. July 2007, 19:45

In Deutschland schien das Wetter morgens immer recht gut. Kaum war ich losgefahren, begann es schon zu regnen.
Hier in Schweden lief es heute genau umgekehrt. Nach einem Nieselregen von etwa drei Minuten wurde es zusehends besser, am Ende hatte ich strahlenden Himmel.

Meine Strecke fuehrte mich nun weg von der gestern so schoen zu befahrenden Kuestenstrasse. Kristianstad habe ich oestlich passiert und bin dann zwischen Oppmannasjoen und Ivoesjoen weiter Richtung Norden gefahren. Kurz nach Vanga ist mir fuer etwa eine halbe Stunde kein einziges Auto begegnet. Da macht Fahrrad fahren Spass.
Generell fuehle ich mich hier wohl auf den Strassen. Es wird nicht gerast und die ueberholenden Autos halten viel Abstand.

In Kyrkhult habe ich meinen ueblichen taeglichen Versorgungsstop an einem Supermarkt eingelegt. Auch bei Nahrungsmitteln sind die Preise nicht so guenstig wie man das von einem deutschen Discounter gewoehnt ist. Wenn man sorfaeltig auswaehlt, wird man aber auch in Schweden nicht arm.

Morgen werde ich vermutlich wieder einen Campingplatz anfahren, heute zelte ich nochmal wild. Allerdings nicht wie gestern mitten im Wald (obwohl der Boden mit vielen Moosen sehr angenehm weich war) sondern am Rand einer grossen asphaltierten Flaeche. Ich habe keine Ahnung wozu diese da ist, aber sie steht einfach mitten in Nichts und so duerfte ich auch niemanden stoeren.

Bild aufgenommen am
02.07.2007, 11:55.
Rastplatz am See.
 
Bild aufgenommen am
02.07.2007, 13:22.
Meine Wenigkeit auf einem der vielen Heuballen.
 

Regentag

3. July 2007, 09:31

Seit Stunden regnet es ohne Unterbrechung. Ich bin noch nicht sicher ob ich mich heute ueberhaupt auf das Fahrrad schwingen soll um einen Campingplatz aufzusuchen oder ob ich doch lieber im Zelt bleibe. Der Akku fuer das Handy ist auch bald leer, die naechste Meldung koennte also etwas auf sich warten lassen.

Bild aufgenommen am
03.07.2007, 10:04.
Die Asphaltfläche mitten im schwedischen Nirgendwo bei Regen.
In der Mitte war bereits ein kleiner See entstanden. Zum Glück hatte ich mir deswegen ein höheres Plätzchen am Rand für Zelt und Fahrrad ausgesucht.
 

Noch immer bei Urshult - 13 km

3. July 2007, 21:43

Nachdem der Regen gegen Mittag das erste mal kurz aussetzte und am spaeten Nachmittag sogar die Wolkendecke ein wenig aufriss, beschloss ich, auf einen Campingplatz umzuziehen. Mir war nach einer Dusche zumute und ich wollte das Zelt auch bei Regen verlassen koennen.
Ich bin also nicht weit gekommen heute, aber ich hatte einfach keine Lust auf eine laengere Tour mit dem Fahrrad durch den Regen. Inzwischen ziehen zwar immer noch viele Wolken durch, es ist aber ueberwiegend trocken.
Der Campingatz liegt an einem See (ok, welcher schwedische Campingplatz tut das nicht), was sich auch an der Mueckendichte deutlich bemerkbar macht.
Der Platz ist nun nicht so komfortabel wie der bei Trelleborg, dafuer kostet er auch nur 65 % von diesem. Es gibt viele ueberdachte Moeglichkeiten zum Raussetzen, sogar Kuehlschraenke stehen bei zwei ueberdachten Grillstellen dabei. Nur leider habe ich nichts, was ich bei diesen Aussentemperaturen noch kuehlen muesste.

An der Rezeption lag ein Ausdruck fuer das Wetter der naechsten Tage. Reden wir besser nicht darueber.
Ich habe mir fest vorgenommen morgen weiterzufahren, auch wenn es regnet. Kommt das gute Wetter nicht zu mir, gehe ich es eben suchen.

Bild aufgenommen am
03.07.2007, 19:24.
Ich war zwar nicht der einzige Gast, aber überbevölkert war der Campingplatz auch nicht gerade.

Die Feuerstelle konnte ich nutzen um meine nasse Kleidung etwas zu trocknen.
 
Bild aufgenommen am
03.07.2007, 19:25.
Fahrrad und Zelt auf dem Campingplatz.
 
Bild aufgenommen am
04.07.2007, 08:02.
Diesen beiden Kollegen haben es sich während der Nacht in meinen Fahrrad-Schuhen gemütlich gemacht.
 

Berga - 142 km

4. July 2007, 21:35

Ich erinnere mich noch genau als ich zuhause ueberlegte, welches Kettenoel ich mitnehmen soll. Schliesslich verlangt die Kette und das ein oder andere bewegliche Teil mit der Zeit nach etwas Schmierung. Die Entscheidung war aus zwei Kandidaten zu treffen: Entweder fuer “trockene und staubige” Gebiete oder alternativ fuer “feuchte und schlammige” Einsaetze. Wie so oft siegte der Optimist in mir.
Dieser Running-Gag verfolgt mich nun schon seit der Abfahrt in meinem Kopf und nach der erneuten Regenfahrt heute, sollen nun auch alle Mitlesenden darueber lachen duerfen.

Die Landschaft war heute so wie ich sie mir erst in Finnland vorgestellt habe. Lange Geraden, sehr wellig, jedoch ohne zu scharfe Anstiege. Und immerzu im Wald.
Man hat praktisch keine Aussicht, kann nur schwer einschaetzen, ob man Hoehe gewinnt oder verliert. Es gibt immer nur die vor einem liegende wellige Gerade, die irgendwo in einer Kurve oder nach einer Kuppe endet.
Da die Strassen heute nicht gerade stark befahren waren, faehrt man auf einer solchen Geraden die meiste Zeit allein.
Es ist eine ganz andere Art des Radwanderns als dies in Deutschland auf den Radwegen mit unzaehligen Unterbrechungen oder den viel befahrenen Landstrassen der Fall ist. Ich bin gespannt, ob sie mir nach drei Wochen immer noch so gut gefaellt wie heute. Ich weiss zwar nicht genau was mich in Finnland erwartet, ich glaube aber, die Fahrt heute kommt dem sehr nahe.

Wegen des Regens habe ich wieder einen Campingatz angefahren. Ich moechte endlich meine Waesche trocken bekommen, die ich gestern Abend gewaschen habe und die momentan unter einem kleinen Vordach des Waschhauses baumelt.

Es haette die perfekte Abendidylle sein koennen. Ich sass auf einer Bank, direkt an einem See, ass zu Abend, studierte Strassenkarten und beaeugte das Wolkenspiel. Und schon regnete es wieder. Jetzt stehe ich also in einer vier qm grossen Campingplatzkueche, warte bis es aufhoert zu regnen und ich in mein Zelt gehen kann ohne klitschnass zu werden.
Das Gute ist, dass das Wetter noch viele Monate Zeit hat, um das wiedergutzumachen, was es momentan verbockt.

Ich will aber nicht nur ueber das Wetter schimpfen, das wird der bisherigen Reise nicht gerecht. Man sollte auch die positiven Aspekte nicht unerwaehnt lassen, die gerade weil sie so gut laufen, hier nicht hervorgehoben werden.
So laeuft mein Fahrrad nun schon deutlich ueber 1000 km ohne Schwaechen zu zeigen. Auch koerperlich habe ich keine Schaeden zu vermelden. Insgesamt also kein schlechter Start.

Bild aufgenommen am
04.07.2007, 20:12.
Traumhafte Abend-Idylle am See, direkt am Campingplatz.
Noch sind keine Einschläge auf dem Wasser zu erkennen.
 
Bild aufgenommen am
05.07.2007, 07:27.
Blick aus meinem Zelt - direkt auf mein Fahrrad im Regen.
 

Vimmerby - 79 km

5. July 2007, 17:28

Die heutige Strecke war landschaftlich die bisher schoenste in Schweden. Der erste Tag entlang der Kuestenstrasse war auch nicht zu verachten, mit den heutigen Waeldern und dem damit verbundenen Duft konnte er aber nicht mithalten. Es riecht, als haette man in einer Sauna einen Aufguss mit Fichtennadel-Aroma gemacht. Zumindest erinnert mich der Geruch immer genau daran. Und dann ein richtig dichter Wald, ueberall sieht man nur Gruen.
Dort mit dem Fahrrad auf Nebenstrassen durchzuschlaengeln, macht richtig Spass.

Vom Wetter gibt es nichts Neues. Es regnet nach wie vor immer mal wieder. Die letzten 40 km heute konnte ich trocken fahren, beim Aufbauen des Zelts war die Herrlichkeit dann schon wieder vorbei.
Der Campingplatz, auf dem ich gerade bin, hat immerhin einen Trockenraum fuer Waesche. Sehr vorteilhaft.
Urspruenglich wollte ich heute gar nicht so “weit” fahren, heute Morgen regnete es so stark, ich haette auch einen Campingplatz nach 30 km genommen. Es kam nur keiner, so bin ich dann weiter nach Vimmerby.
Gluecklicherweise kam im Laufe des Tages Wind auf. Er weht zwar nicht gerade aus einer hilfreichen Richtung beim Radeln, dafuer vertreibt er diese feuchte, daempfige Luft, an der nichts trocknet. So hoffe ich, dass der Wind noch ein paar Stunden anhaelt und ich mein Zelt morgen seit laengerer Zeit mal wieder trocken einpacken kann.

Der gestrige Campingpatz war uebrigens sehr guenstig. Als ich kam, war die Rezeption bereits geschlossen. Als ich heute ging, war sie es immer noch.

Bild aufgenommen am
05.07.2007, 17:25.
Aufenthaltsraum im Campingplatz.

Nach vielen Stunden auf dem Fahrrad-Sattel sind richtige Stühle statt "Isomatte auf Waldboden" durchaus etwas Feines.
 

Norsholm - 136 km

6. July 2007, 21:55

Der Tag begann praechtig. Schoenstes Wetter veranlasste mich um 8 Uhr, als die Rezeption des Campingatzes oeffnete, bereits mit gepacktem Fahrrad vor der Tuere zu stehen um mich abzumelden. Nach einem kleinen Einkauf in Vimmerby ging es dann Richtung Linkoeping. Bei Linghem war der Himmel bereits wieder zugezogen und es begann zu regnen. Ich stellte mich fuer gut eine Stunde am Bahnhof unter, versuchte dann erneut mein Glueck.
Ich kam nicht weit, da goss es schon wieder. Bei Norsholm hatte ich dann die Schnauze gestrichen voll und suchte eine Bleibe fuer die Nacht. Auf eine Regenfahrt hatte ich keine Lust, auf das Campen im Regen aber ebenso wenig.

Ich fand in der Naehe des Hafens einige ueberdachte Stellplaetze fuer Schiffe, manche nur mit dem leeren Trailer belegt. So sitze ich nun in einem eben solchen Stellplatz und hoffe, dass ich keinen Stoere. Nicht unbedingt komfortabel, aber immerhin trocken.
Das Zelt werde ich nicht aufbauen, bisher sind keine Muecken in Sicht.

Waehrend ich diese E-Mail schreibe sind noch 2 Fahrradfahrer mit viel Gepaeck und suchendem Blick durch das Gelaende gefahren. Mein Winken haben sie nicht gesehen und meinen Pfiff habe sie wohl eher abschreckend interpretiert. Schade, ich haette mich gerne mit ein paar Gleichgesinnten unterhalten. Auf der Strasse sind mir die letzten Tage keine Fernradler begegnet.

Bild aufgenommen am
06.07.2007, 15:09.
Ich liebe solche Übersichtskarten. Sie sind immer eine große Hilfe in der Umgebung von größeren Städten, da die Ausschilderung entlang der Straßen für Fahrräder oft nicht zu gebrauchen sind.
 
Bild aufgenommen am
06.07.2007, 16:46.
Als würde das Wasser von oben nicht ausreichen...
 
Bild aufgenommen am
06.07.2007, 17:42.
Hier hatte ich noch Hoffnung, dass sich der Regen mit der Zeit wieder verzieht, deshalb habe ich mich samt Fahrrad in ein Wartehaus am Bahnhof gesetzt.
 
Bild aufgenommen am
06.07.2007, 21:51.
Eine dieser Luxus-Hütten sollte mein Domizil für die Nacht werden.
 
Bild aufgenommen am
06.07.2007, 21:51.
Und diese Garage hat die Auswahl gewonnen.

Nicht gerade hübsch, aber immerhin ein dichtes Dach über Schlafsack und Fahrrad.
 

Arnoe - 107 km

7. July 2007, 18:07

Geistig habe mit Schweden bereits abgeschlossen. Ich moechte das Land auf kuerzestem Weg verlassen. Nach einem weiteren Tag mit viel Regen muss ich einsehen, dass ich das, was Schweden zu bieten hat, auf dieser Tour nicht geniesen konnte und auch nicht mehr werde. In Deutschland war das schlechte Wetter nicht schlimm, es war nur als “Transitland” eingeplant. Schweden haette ich aber schon gerne von einer anderen Seite kennengelernt. Ich habe unzaehlige schoene Uebernachtungsplaetze ungenutzt gelassen, bin an vielen verlockenden Badeplaetzen nur vorbeigefahren und auch die wunderbare Aussicht des heutigen Campingplatzes auf einen nahen See wird von den vielen Einschlaegen des Regens auf der Wasseroberflaeche mehr als nur getruebt.

Wenn es klappt, werde ich morgen bis etwa Tumba fahren, dort uebernachten und am Montag nach Finnland uebersetzen.

Ich bin mir allerdings sicher, dass ich nicht das letzte mal mit dem Fahrrad in Schweden gewesen bin. Wenn das Wetter nicht in die Betrachtung eingeht, zaehlt es zu den besten Laendern fuer Radreisen, die ich je besucht habe. Freundliche Menschen, wenig Verkehr und eine gute Infrastruktur fuer Fahrräder sind gute Argumente fuer Schweden.

Da die gestrige Nacht nicht unbedingt als komfortabel bezeichnet werden kann und der Schlaf entsprechend flach ausfiel, werde ich den Aufenthaltsraum des Campingplatzes bald verlassen und mich in mein Zelt verabschieden.

Bild aufgenommen am
07.07.2007, 11:12.
Ein schöner Ausblick, wie man ihn in Schweden sehr oft hat. Durch das langsame Fahrrad-Tempo (wie in diesem Fall auch durch den Anstieg bedingt) kann man die Landschaft besonders ausgiebig genießen .
 

Flemingsberg - 121 km

9. July 2007, 07:41

Der Schweden-Aufenthalt neigt sich dem Ende zu, ich bin in Schlagdistanz zur Faehre.
Nach etwa sieben Stunde Treten im Regen habe ich gestern die Vororte von Stockholm erreicht.

Fuer die Zeit von 8-10 Uhr habe ich den Waescheraum des Campingplatzes fuer mich reserviert. Sollte ich meine nasse Kleidung dort trocken bekommen, werde ich gegen Mittag nach Stockholm hinein rollen und mich nach der Faehre gen Turku umsehen.
Wenn das mit der Waesche nich so laeuft wie ich mir das vorstelle, bleibe ich eventuell noch eine Nacht in Schweden. Ich habe keine trockene Kleidung mehr, so moechte ich ungern nach Finnland starten.

Die Campingplaetze der letzten Tage hatten immer gut ausgestattete Kuechen, ich hatte nur nie etwas zum Kochen dabei. In der Hoffnung, die Ausstattung des jetzigen Campingplatzes waere ebenso gut, habe ich gestern voller Vorfreude auf eine warme Mahlzeit ordentlich eingekauft. Und natuerlich: es gab einen Herd, sonst aber auch nichts. Freundlicherweise hat mir dann ein Paerchen aus Gelsenkirchen, die unweit neben mir zelten, mit Kochutensilien ausgeholfen. So kam ich doch noch zu etwas Warmem im Magen.
Mit diesen beiden Outdoor-Begeisterten habe ich dann noch den ganzen Abend gequatscht und gefachsimpelt. Somit also erst heute Morgen die Meldung ueber mein Abbleiben.

Bild aufgenommen am
08.07.2007, 19:08.
Eines der wichtigsten Utensilien auf einer Fahrrad-Reise: die Wäscheleine. Bei Regen hilft sie allerdings leider nur wenig.
 
Bild aufgenommen am
08.07.2007, 19:08.
Auf diesem Campingplatz war etwas mehr Leben als auf den meisten Bisherigen. Andere Radreisende habe ich hier aber keine gesehen.
 
Bild aufgenommen am
08.07.2007, 19:49.
Wolkenspiel über dem Campingplatz bei Flemingsberg.
 
Bild aufgenommen am
09.07.2007, 10:52.
Fahrrad mit reisefertiger Beladung - nur die Fronttaschen sollte ich noch verschließen :-)

Das "gelbe Trikot" packe ich erst gar nicht mehr ein, es ist eh fast immer im Einsatz.

In wenigen Minuten breche ich auf nach Stockholm.
 

Die Philosophie der schwedischen Waschküchen

9. July 2007, 10:34

Bei einem Campingausflug mit mehreren Tagen Regen ist nicht das nass sein mein Problem. Auch nicht, wie in meinem Fall, das Radfahren im Regen. Das Problem ist das Trocknen von all dem, was durch den Regens nass wurde. In Schweden gestaltet sich dies, wie im Folgendem beschrieben, nicht immer einfach.

Vor einigen Tagen entschied ich mich, hauptsaechlich aus dem Grund des Waeschetrocknens, einen Campingplatz anzufahren. An der Rezeption war niemand erreichbar, auch bei meiner Abfahrt am naechsten Morgen noch nicht. Nun gut, “war einige guenstige Nacht”, doch leider leider: Die Waschkueche war abgeschlossen. Ich durfte durch das Fenster die Waschmaschine, den Trockner sowie die schoen im Trocknen gespannten Waescheleinen begutachten, waehrend meine nasse Waesche unter einem Dachvorsprung eher an Feuchtigkeit gewann.

Kurz darauf versuchte ich mein Glueck erneut an einem Campingplatz, der Blick durch das Fenster in die Waschkueche hinein lies mein Herz erneut hoeher schlagen - es war alles da, was man brauchen koennte. Doch wieder verwehrte mir die Tuere den Zugang. Die Rezeption war besetzt, also schien es mir nur ein monetaeres Problem zu sein, dass sich schnell aus Welt schaffen laesst. Weit gefehlt.
In Schweden werden die Waschkuechen taeglich nur an eine begrenzte Anzahl von Benutzern fuer je ein paar Stunden vergeben. Die Dame an der Rezeption bedauerte, fuer die Zeit meines Aufenthalts waere kein Termin mehr frei. Ich sah auf der Liste, dass das letzte buchbare Zeitfenster um 21 Uhr endete. So fragte ich, ob ich danach wenigstens die Waesche dort aufhaengen koennte - ich wuerde sie auch frueh morgens wieder entfernen bevor der erste Benutzer den Raum gebucht hat. Leider war dies nicht moeglich, da, so die Dame, ich den Raum nur waehrend der von mir gebuchten Zeit betreten duerfte, die Waschkueche nachts aber nicht zu buchen sei.

So stand ich nachts wieder vor einer abgeschlossenen Trockenmoeglichkeit, die stundenlang ungenutzt blieb. Meine Skrupel sanken, aber der Versuch, die Tuere mit dem vorhandenen Werkzeug gewaltsam aber zerstoerungsfrei zu oeffnen, scheiterte klaeglich. Nach einer erneuten Regenfahrt in meinen letzten (zumindest bei der Abfahrt) trockenen Klamotten, erkundigte ich mich direkt beim Eintreffen an der Rezeption nach der Belegung der Waschkueche und ich hatte Glueck. Am darauffolgenden Tag, also heute,sollte ich von 8-10 Uhr die goettergleiche Gnade in Form einer mir zur Verfuegung stehenden Waschkueche empfangen.

Ich stand somit fuenf Minuten vor acht an der Rezeption um den benoetigten Schluessel in Empfang zu nehmen und eine Muenze fuer den Trockner zu kaufen. Die Dame erklaerte mir, dass ich eine solche fuer die Waschmaschine brauchen wuerde. Um nicht ohne Muenze fuer den Trockner dazustehen, merkte ich an, das sich mein Verlangen hauptsaechlich auf den Trockner richtet. “This is the coin for the washing-mashine, the dryer is broken” entgegnete sie mir mit einem Laecheln im Gesicht.

Um wieviel schoener waere es doch mit einem einfachen Sonnentag.

Manchmal kommt es dann aber doch besser als es scheint, bisher laeuft der Trockner trotz der Unkenrufe, die Trommel dreht sich, der Abzug blaesst, die Chancen auf einen heutigen Aufbruch nach Turku stehen nicht schlecht.

Stockholm - 47 km

9. July 2007, 20:38

Die Faehre laeuft gerade aus, also nutze ich das Handy-Netz noch eben um letzte Gruesse aus Schweden in die Heimat zu senden.

Die Einfahrt nach Stockholm war problemlos, unmittelbar nach dem Campingplatz begann bereits die Ausschilderung Richtung Innenstadt. So kam ich gemuetlich zwischen Schnellstrassen und Autobahnen hindurch ans Ziel - nur leider eben wieder klitschnass.
Zwei trockene Stunden heute Nachmittag sorgten dafuer, dass ich mir Stockholm doch noch etwas genauer anschauen konnte, als ich urspruenglich befuerchtet hatte.
Es war ein halbwegs versoenlicher Abschied von Schweden.

Ich habe auf der Faehre einen Fensterplatz ergattert und erhalte so noch eine kleine Sightseeing-Tour durch die schwedische und spaeter finnische Inselwelt. Dunkel wird es ja erst sehr spaet und dann nur kurz.

Mal sehen, was Finnland die naechsten zwei Wochen fuer mich und mein Fahrrad bereithaelt. Ich bin gespannt.

Bild aufgenommen am
09.07.2007, 13:58.
Stockholm: viel Wasser und nette Menschen.

Die letzte Stadt in Schweden auf dem Weg zum Nordkap.
 
Bild aufgenommen am
09.07.2007, 14:18.
Passagierschiffe vor Anker in Stockholm.
 
Bild aufgenommen am
09.07.2007, 14:18.
Damit würde ich auch gerne nach Finnland übersetzen.
 
Bild aufgenommen am
09.07.2007, 14:54.
Um diesem körperlichen Ideal zu entsprechen, werde ich wohl eher 6 Jahre, anstatt 6 Monate, Fahrrad fahren müssen
 
Bild aufgenommen am
09.07.2007, 18:22.
Zum Warten auf die Fähre habe ich mir einen Platz mit schönem Ausblick auf Stockholm ausgesucht.
 

Lebenszeichen aus Finnland

10. July 2007, 06:55

Soeben bin ich gut in Turku angekommen.
Schlafen konnte ich nicht viel, vielleicht wird es deshalb heute nur ein kurze Fahrrad-Etappe.

Bild aufgenommen am
10.07.2007, 06:18.
Noch ein letztes Bild von der Fähre, dich mich und mein Fahrrad sicher nach Finnland und somit dem Nordkap ein Stück näher gebracht hat.
 

Rauma - 109 km - 2025 km

10. July 2007, 17:07

Na also, die Sonne gibt es doch noch.
Bei so schoenem Wetter wie heute konnte ich nicht widerstehen und habe mein Fahrrad doch etwas weiter bewegt als geplant.

Grosse Unterschiede zwischen Finnland und Schweden konnte ich bisher nicht feststellen.
Die Landschaft ist recht aehnlich, die Menschen verhalten sich ebenfalls sehr nett. Alles ist so, wie man es von Skandinavien erwartet. Auch das Wetter: viel Sonne, einzelne (teils dunkle) Wolken, ordentlich Wind und die Temperatur liegt bei etwa 20 Grad.
Zum Ausruhen und spaeter auch Uebernachten hat es mich an das Meer gezogen. Bei Rauma fand ich einen schoenen Platz mit Moeglichkeit zum wilden Camping. Das Zelt habe ich noch nicht aufgebaut, ansonsten habe ich mich aber bereits ausgiebig breit gemacht. Von der Optik wirkt die Stelle wie ein typischer Badeplatz an einem Binnensee, es ist aber Salz- oder zumindest Brackwasser, so genau habe ich das nicht getestet.

Vielleicht schreibe ich spaeter noch ein paar Zeilen zur Ueberfahrt mit der Faehre, zuerst aber noch eine Neuerung: Da ich nicht wollte, dass ich oder jemand der Mitlesenden die Tour an den zurueckgelegten Kilometern misst, hatte ich mir ueberlegt, keine km-Angaben zu den Tagesberichten zu schreiben. Wenn ich einen Bericht eines anderen Fernradlers lese, dienen mir die km-Angaben aber auch immer zur Einstufung der erbrachten Leistung, was besonders fuer Nachahmer interessant ist. Ich entschloss mich also fuer die Angabe der Tageskilometer.
Da ich nun gehoert habe, dass es Leser gibt, die den Gesamtstand taeglich mitrechnen, schreibe ich die insgesamt zurueckgelegte Distanz zukuenftig auch mit in den Betreff, mein Tacho zeigt ihn eh mit an, so spart sich dieses Grueppchen die Arbeit. Kleinere Abweichungen zur Summe der Tagesetappen sind auf Rundungsfehler zurueckzufuehren. Heute gibt es auch gleich ein kleines Jubilaeum, die 2000er Marke ist gefallen.

Bild aufgenommen am
10.07.2007, 16:01.
Rast- und wilder Zeltplatz in Finnland, wunderschön direkt am Meer gelegen.
 
Bild aufgenommen am
10.07.2007, 17:55.
Auf das Wetter bezogen scheint sich der Wechsel von Schweden nach Finnland gelohnt zu haben.

Ich war erstaunt, dass ich an einem solch wassernahen Platz nicht mit Mücken zu kämpfen hatte.
 

Ueberfahrt Stockholm > Turku

10. July 2007, 19:02

Schweden habe ich als gut organisiertes Land kennen gelernt. Manchmal fast zu gut organisiert, siehe das Buchen der Waschkuechen.
Gestern am Faehrhafen in Stockholm durfte ich es aber auch auf eine andere Art kennenlernen. Es fehlten saemtliche Aushaenge bezueglich Ankuenfte, Abfahrten oder Bezugsmoeglichkeiten der Tickets. Von den Ticketpreisen ganz zu schweigen. Man stelle sich eine Bahnhofshalle vor, in der weder Fahrplan, Gleisauskunft, nicht einmal eine Uhr haengt. So stand ich gestern erst einmal unbeholfen da und musste mich durchfragen, was auch nicht unmittelbar erfolgreich war.
Die kompetenteste Antwort erhielt ich von meiner Schwester per Telefon, die einfach das Internet befragte. Nochmals vielen Dank fuer den spontanen Einsatz.

Da ich nicht reserviert hatte, hiess es also warten bis alle Fahrzeuge mit Reservierung eingecheckt hatten, und hoffen, dass ein Plaetzchen fuer mich bleibt. Mit dem Fahrrad war das kein Problem, obwohl ich erst dachte, ich darf nicht mit. Die Einweiserin kam auf mich zu und sagte, nachdem sie allen wartenden Autos abgewunken hatte, dass leider keine Kabine mehr fuer mich frei waere. Erst bei meiner Nachfrage, ob denn wirklich dieses “kleine” Fahrrad auf dieser “grossen” Faehre nicht mehr unterzubringen sei, erklaerte sie mir, dass es keine Schlafkabine fuer MICH mehr gaebe. Falls mich das nicht stoere, koenne ich mit.
Erleichterung!

So kam ich also doch mit an Bord.
Die meisten Mitlesenden werden wissen, dass ich in meinem bisherigen Leben nun wirklich nicht gerade wenige Naechte auf Wasser verbracht habe, sei es vor Anker, im Hafen oder auf hoher See, aber die ersten Stunden der gestrigen Ueberfahrt waren wirklich ein besonderes Erlebnis. Die Faehre steuerte stundenlang durch die schwedische Inselwelt und das in einer Entfernung, dass man etwas an Land haette werfen koennen. Dies in Kombination mit dem Wolkenspiel und der untergehenden Sonne war beeindruckend.

Spaeter begann dann der Kampf gegen die Muedigkeit. Die meisten Passagiere ohne Schlafkabine hatten das gleiche Problem wie ich: Es war viel zu kalt an Bord. Platz gab es genuegend, ich haette locker ein paar Stunden schlafen koennen, aber mir war kalt wie noch nie auf der bisherigen Fahrrad-Tour. Der Schlafsack war leider im verriegelten Autodeck, so blieben mir auch nur die kostenlosen Ausgaben einer Zeitung der Faehrgesellschaft als Isolierung. Viel geholfen hat es nicht. Entsprechend durchgefroren war ich bei der Ankunft, aber dieses Gefuehl legte sich nach einigen Kilometern auf dem Fahrrad.

Bild aufgenommen am
09.07.2007, 23:42.
Im Vergleich zu meinen bisherigen Behausungen auf dieser Fahrrad-Reise ist die Fähre der pure Luxus.
 

Merikarvia - 127 km - 2151 km

11. July 2007, 19:22

Der Tag begann nicht sehr vielversprechend mit Regen. Dieser hielt zwar auch bis Mittag an, war aber nur so schwach, dass mein geliebtes gelbes Trikot nicht zum Einsatz kommen musste. Nachmittags wurde die Wolkendecke immer lueckenhafter, ab und zu schien gar die Sonne. Auf das Wetter bezogen also ein ganz passabler Fahrrad-Tag.

Zuerst machte ich einige Kilometer Richtung Norden auf der E8, diese wurde mir dann aber bei Porti trotz des breiten, fuer Mofas und Fahrradfahrer gut nutzbaren Seitenstreifens etwas zu voll. So bog ich nach Westen ab, um entlang der Kuestenstrasse etwas ruhiger unterwegs zu sein.
Erwartungsgemaess kam ich dort nicht ganz so schnell nach Norden, die Fahrt war aber wesentlich entspannter. Leider sieht man auch auf der kuestennahen Strasse das Meer nicht, aber man kann nun mal nicht alles haben.
Denke ich an die Kuestenstrasse mit dem wunderbaren Ausblick zwischen Genua und Nizza zurueck, faellt mir immer auch der viele und hektische Verkehr ein. Muesste ich waehlen, ich wuerde der finnischen Variante den Vorzug geben.

In Merikarvia gibt es einen Campingplatz, der schon knapp 30 km vorher ausgeschildert wird. Dieser wurde mein heutiges Etappenziel.

Schoen gelegen, wieder direkt am Meer, sitze ich dort gerade auf einer Bank, esse zu Abend (der gekaufte Kartoffelsalat schmeckt uebrigens grauenhaft) und geniesse den Ausblick.

Es kam auch noch ein weiterer Fahrradfahrer mit aehnlicher Beladung wie ich auf den Campingplatz. Ich und mein Fahrrad standen keine 10 m von ihm entfernt, er machte aber keine Anstaende, meinen Gruss zu erwidern. Auch zog er ein Gesicht bei allem was er tat, als wuerde es ihm nicht sonderlich Spass machen. Als ich heute Morgen, zugegebenermassen etwas spaeter als gewoehnlich, aus dem Zelt kroch, war keine Spur mehr von ihm zu sehen. Komischer Kauz, sind die Fernradler untereinander doch sonst sehr kontaktfreudig.

Bild aufgenommen am
11.07.2007, 13:57.
So lange es nicht regnet, schätze ich solch schöne Wolkenspiele wie diese.
 
Bild aufgenommen am
11.07.2007, 15:10.
Dieses Bild beschreibt einen Großteils des Weges in Finnland sehr gut.
Wenig Verkehr und viele Bäume.
 
Bild aufgenommen am
11.07.2007, 15:33.
Für eine Badeaufenthalt war mir das Wetter doch zu kühl. Ich wechselte die Sportart nicht und blieb beim Fahrrad fahren.
 
Bild aufgenommen am
11.07.2007, 18:36.
Auf dem Campingplatz bei Merikarvia: Direkt hinter mir ist die Sauna, aus der ab und an Finnen ins Wasser und wieder zurück gingen.
 

Molpe - 159 km - 2310 km

12. July 2007, 21:15

Finnland laesst sich nicht echt nicht lumpen. Sonnenschein, beste Strassen und dann auch noch ein Hauch von Rueckenwind. So kann es weitergehen - Nordkap ich komme.

Zuerst bin ich von Merikarvia auf die E8 zurueck, um wieder ein paar Kilometer nach Norden gut zu machen. Ab Kristinestad bin ich dann in Kuestennaehe weiter bis nach Molpe. Urspruenglich wollte ich schon bei Norrnaes uebernachten, der dortige Badeplatz war aber zu gut besucht, so dass ich mein Zelt dort nicht aufschlagen wollte.
Aehnlich auch in Molpe, ich bin am Badeplatz vorbei, um etwa 300 m weiter mein Zelt aufzubauen. Danach bin ich wieder zum Badeplatz zurueck, die Baenke und Tische sowie die Aussicht dort waren zu einladend.

Alt werde ich hier aber nicht, fuehle mich bereits jetzt ziemlich muede.

Gestern Abend hat mich noch ein Finne aus Helsinki ueber mein Vorhaben befragt. Er meinte, ich solle mir das mit dem Nordkap nochmals ueberlegen, es waere recht weit. Als er hoerte, dass ich anschliessend gen Sueden moechte, lachte er nur noch und erklaerte mich fuer verrueckt. Ausserdem gab er vor, ein Fan der deutschen Fussballer zu sein und lobte Deutschland fuer die Austragung der WM letztes Jahr.
Ich habe festgestellt, dass die Finnen oft recht grimmig schauen. Spricht man sie an, sind sie aber immer sehr herzlich und hilfsbereit.

Bild aufgenommen am
12.07.2007, 14:34.
Auf dem Steeg habe ich eine schöne Mittagspause verbracht.

Für das Selbstauslöser-Bild danach war ich aber dann leider zu langsam :-)
 
Bild aufgenommen am
12.07.2007, 17:33.
Es gab so viele schöne Rastplätze, ich wusste gar nicht so recht wo ich mein Fahrrad überall zum stehen bringen sollte.
 
Bild aufgenommen am
12.07.2007, 17:32.
Mein Fahrrad auf einem Rastplatz am See.
 
Bild aufgenommen am
13.07.2007, 06:43.
Der wilde Zeltplatz war nicht ganz so idyllisch gelegen, wie er hier auf diesem Bild aussieht.
 

Nykarleby - 130 km - 2442 km

13. July 2007, 21:24

Zuerst plante ich heute nur eine kurze Etappe zu fahren und mich den Nachmittag ueber auf dem Campingatz um den “Haushalt” zu kuemmern, also Waesche waschen, Fahrrad putzen, Fahrradtaschen und Schlafsack auslueften, mal wieder warmes Essen kochen etc.
Ich wollte den ersten ausgeschilderten Campingplatz nach Vaasa nehmen. Der Plan blieb im Grunde so aufrecht erhalten, der naechste Campingplatz liess nur leider sehr lange auf sich warten. In meiner Karte war auch keiner eingezeichnet, was aber normalerweise nichts zu bedeuten hat. Dieses mal sollte sie aber Recht behalten, so konnte ich doch erst abends mein Zelt aufschlagen und war wieder eine durchschnittliche Tagesdistanz gefahren.

So unguenstig war diese Gegebebheit aber nicht, das Wetter entwickelte sich naemlich von strahlendem Sonnenschein zu einem gewitterbehangenen Himmel. Es hat zwar nur etwa zwei Stunden geregnet, es duerfte aber trotzdem der niederschlagsreichste Tag der bisherigen Fahrrad-Tour gewesen sein. Es blitzte, donnerte und schuettete so richtig.
Diese Gewitterfront konnte ich aber schon lange anruecken sehen, so hatte ich mein trockenes Plaetzchen zum Unterstehen schon vor dem ersten Tropfen aufgesucht. Nass bin ich also nicht geworden.

Wenn das Wetter morgen besser sein sollte, mache ich morgen meinen Waschtag. Ansonsten kann der auch noch etwas warten.

Uebrigens ist der heutige Campingplatz bisher der billigste und er wird in Ausstattung und Zustand diesem Anspruch mehr als gerecht.

Wie unterschiedlich die Reaktionen doch ausfallen koennen: Lachte der Finne vorgestern noch ueber das Ziel das Nordkap mit dem Fahrrad zu erreichen, fragte mich die Dame an der Rezeption heute direkt, ob ich denn dort hin wolle. Als ich zustimmte, sagte sie nur leicht gelangweilt “they all do”.

Bild aufgenommen am
13.07.2007, 09:30.
Teilweise kann man meinen Fahrrad-Weg schon kilometerweit voraus sehen.
Hier, wie fast immer in Finnland, wird er flankiert von dichtem Wald.
 
Bild aufgenommen am
13.07.2007, 10:38.
Hier nutze ich die letzten Sonnenstrahlen für eine Rast aus.
 
Bild aufgenommen am
13.07.2007, 11:11.
Kurz danach, als ich wieder auf dem Fahrrad saß, zogen dunkle Wolken über mir auf.
 
Bild aufgenommen am
13.07.2007, 14:05.
Was bereits seit einiger Zeit absehbar war, trat dann auch ein: es schüttete wie aus Kübeln.
 
Bild aufgenommen am
13.07.2007, 15:39.
Durch die längere Vorwarnzeit hatte ich meinen Unterschlupf bereits angesteuert und Fahrrad samt Fahrer ins Trockene gebracht.
 

Kokkola - 62 km - 2504 km

14. July 2007, 20:16

Da das Wetter mitspielte, legte ich heute einen Waschtag ein und erledigte sonst noch einige Kleinigkeiten waehrend des Vormittags. Gegen Mittag zog ich dann los Richtung Jakobstad und weiter bis kurz vor Kokkola.
Ich folgte dort der Ausschilderung eines Badeplatzes einige km in den Wald hinein und kam so an einen abgelegenen, kaum besuchten See und verbrachte dort den restlichen Tag.

Direkt an dem Badeplatz angrenzend befindet sich ein Wald, in dem nun mein Zelt steht. Zumindest das Innenzelt, es sieht bisher nicht so aus, als waere die Aussenhaut notwendig. Hoffentlich behalte ich recht.

Am Fahrrad zeigt sich nun auch eine erste Ermuedungserscheinung: Der Verschluss des linken Pedals hat sich heute in seine Bestandteile aufgeloest. Zum Glueck ist das kein Ausfall, der mich an der Weiterfahrt hindert. Vielleicht lasse ich an der naechsten Fahrradwerkstatt neue Pedale anschrauben, vielleicht fahre ich aber auch einfach so weiter. Mal sehen.

Bild aufgenommen am
14.07.2007, 09:49.
Bei so einem Ausblick aus dem Zelt kann ich es gar nicht erwarten auf das Fahrrad zu hüpfen. Aber vor dem Vergnügen steht bekanntlich die Arbeit, also machte ich mich erst mal an das Wäsche-Waschen und das Fahrrad musste warten.
 
Bild aufgenommen am
14.07.2007, 10:56.
Kurz vor Start der heutigen Etappe.
 
Bild aufgenommen am
15.07.2007, 07:14.
Der Kleine streunte an dem Badeplatz umher (wo Hunde natürlich verboten waren) und als ich der letzte Besucher in der umgebung war, gesellte er sich einfach zu mir. Er blieb fast die ganze Nacht in der Nähe meines Zeltes, manchmal quetschte er sich auch auf Tuchfühlung zu mir an mein Zelt heran.
So brauchte ich keine Sorge um mein Fahrrad oder die Fahrrad-Taschen haben. Da hätte sich bestimmt niemand heran getraut.
 
Bild aufgenommen am
15.07.2007, 09:13.
Am nächsten Morgen tat mir der Abschied schon fast etwas leid. Aber bei meinen Fahrrad-Etappen hätte er sicherlich nicht dauerhaft mithalten können.
 

Kurz nach Kokkola

15. July 2007, 15:12

Etwa 40 km nach Kokkola fand ich ein Internet-Cafe (immer dort, wo man es am wenigsten vermutet), somit gibt es wieder ein paar Bilder.

Pyhaejoki - 134 km - 2638 km

15. July 2007, 22:46

Den ganzen Tag konnte ich heute fast ringsum am Horizont einen hellen Himmel erkennen, aber ueber mir blieben graue Wolken mit Regen haengen. Es war wie verhext, zum Glueck regnete es nicht sehr stark.

Ein Stueck nach Kokkola war dann abseits jeder groesseren Ortschaft ein Internet-Cafe angeschrieben. Ich folgte der holprigen Strasse knapp 3 km und stand an einem kleinen Hafen. Gab es da doch tatsaechlich mitten im Nichts ein Cafe mit Zugang zum Datenhighway. So schickte ich, wie schon in Berlin, meine Bilder Richtung Heimat und versah auch den Blog mit einigen Aufnahmen.

In Pyhaejok hatte ich gerade ein Campingplatz-Schild passiert, als ich beschloss noch weiter bis Raahe zu fahren. In diesem Moment veraenderte sich das Fahrgeuehl deutlich, ich hatte meinen ersten Platten. So entschied ich mich doch nicht weiter zu treten und wechselte auf dem angeschriebenen Campingplatz den Schlauch im hinteren Reifen. Im Mantel steckte ein duennes Stueck Draht mit einem knappen Zentimeter Laenge. Dies lies sich mit der Zange leicht entfernen. Leider brach beim Aufpumpen ein Stueck vom Ventil des zerstochenen Reifens ab, er dient nun auch geflickt nicht mehr als Ersatz. Vielleicht finde ich ja Morgen in Raahe, ansonsten dann in Oulu, einen neuen Schlauch. Es war der erste Platten mit diesem Rad, ich hatte also etwa 8000 km keinen Schlauch geflickt oder gewechselt. Die hin und wieder zu lesende Behauptung, die BigApple-Reifen waeren anfaelliger als andere Maentel, kann ich bisher (und hoffentlich auch nach der Fahrrad-Tour) nicht nachvollziehen.

Wenn ich aber schon beim Thema Material bin, sollte ich erwaehnen, dass es zwar fuer alle dort Beschaeftigten bedauerlich, angesichts der Qualitaet dieses Handys aber nur die logische Konsequenz war, dass Benq-Mobile oder eben die ehemalige Siemens-Handysparte frueher oder spaeter den Geschaeftsbetrieb einstellen musste. Zwar laesst es sich mit der ausklappbaren Tastatur prima tippen, nur stuerzt das Geraet taeglich mehrmals ab. Dies bedeutet, dass der Akku kurz entfernt und das Handy neu gestartet werden muss. Wird die E-Mail waehrend des Schreibens nicht dauernd zwischengespeichert, muss man diese eventuell mehrmals schreiben.

Bild aufgenommen am
15.07.2007, 19:40.
Die Flüsse in Finnland sind meist herrlich klar.
Bei besserem Wetter hätte ich an dieser Stelle sicherlich nicht widerstehen können mich nach der Fahrrad-Etappe etwas abzukühlen. Aber so war es mir zu kalt.
 
Bild aufgenommen am
16.07.2007, 08:34.
Es wirkt wie ein wilder Zeltplatz, aber das war tatsächlich ein offizieller Campingplatz auf dem mein Zelt und Fahrrad da geradae stehen.
Direkt im Hintergrund ist der Fluss vom vorherigen Bild zu erkennen.
 

Pateniemi - 125 km - 2763 km

16. July 2007, 22:07

Vom Wetter her der schoenste Tag bisher. Es schien von morgens bis zum jetzigen Zeitpunkt durchgehend die Sonne.
Dazu passend zelte ich heute an einem Badeplatz etwas noerdlich von Oulu. Es gibt auch eine Grillstelle, von der ich gerade Gebrauch gemacht habe.

Kurz vor Raahe kam mir ein anderer deutscher Fernradler aus Dresden entgegen, der den Bottnischen Meerbusen im Uhrzeigersinn umfaehrt und dann weiter nach Russland moechte. Wir unterhielten uns fuer etwa eine Stunde und gingen dann wieder getrennt unsere Wege. Er warnte mich noch vor dem Massentourismus am Polarkreis und
der Unzahl an Muecken, die es weiter im Norden gaebe.

In Oulu war richtig viel los. Auf dem Marktplatz wurden gerade die Staende abgebaut und um den Platz herum waren Strassen-Cafes und -Restaurants prall gefuellt. Dazu gab es noch eine Ein-Mann-Band, die bekannte Pop-Lieder spielte und den ganzen Platz beschallte.
Nachdem ich die letzten Tage nicht gerade viel unter Menschen war, setzte ich mich eine Zeit lang an den angrenzenden Hafen und staerkte mich fuer die Weiterfahrt.
Ein Finne sprach mich dort an, er konnte aber weder Englisch noch Deutsch. “Germany” verstand er aber wohl, er deutete auf die Flasche Bier in seiner Hand: “Schwaben-Bier” stand darauf. Manchmal trifft der Zufall den Nagel auf den Kopf. Nachdem er von mir und ich von ihm (natuerlich samt der Flasche) jeweils Bilder gemacht hatten, zog ich weiter.

Die Sonne geht uebrigens noch unter, es ist aber durchgehend so hell, dass ich auch um 1 Uhr denke, ich muesste laengst aufstehen.
In der Nacht vor zwei Tagen gab es ein stundenlanges Abendrot.

Bild aufgenommen am
16.07.2007, 14:25.
Typisch Finnland: Wasser wohin man blickt.
 
Bild aufgenommen am
16.07.2007, 18:33.
Blick auf den Marktplatz in Oulu.
Hier eine Webcam in Oulu.
 
Bild aufgenommen am
16.07.2007, 18:39.
Springbrunnen in Oulu.
 
Bild aufgenommen am
16.07.2007, 19:24.
Im Hintergrund ist noch Oulu zu sehen.

Nur wenige Meter von dieser Badestelle entfernt habe ich mein Zelt aufgebaut.
Und da das Wetter mitspielte, ging ich heute auch noch eine kleine Runde schwimmen.
 
Bild aufgenommen am
16.07.2007, 21:16.
Zelt und Fahrrad direkt an der Badestelle bei Oulu.
 

Tervola - 173 km - 2935 km

17. July 2007, 23:48

Ein Tag mit Hoehen und Tiefen.
Das schoene Wetter war mit 3 Beauforts Gegenwind billig erkauft, so fuhr ich, wenn auch nicht gerade flott, die ersten Stunden bei schoenstem Sonnenschein. Nach etwa 35 km entdeckte ich beim Ueberqueren des Iijoki einen der schoensten Badeplaetze bisher. Das Angebot wollte ich nicht abschlagen, also stellte ich mein Fahrrad ab, schwamm  eine kleine Runde und blieb fuer knapp zwei Stunden faul auf der Wiese liegen.

Der Wind wurde nach der Pause nicht weniger, die Fahrt war trotz der flachen Landschaft relativ anstrengend.

In Kemi sprachen mich zwei Finnen an. Nach den ueblichen Fragen (woher, wohin, wie lange, wieviel) teilten sie mir mit, was ich am Himmel bereits absehen konnte: Es wuerde Regen geben.

Ich hatte urspruenglich geplant, morgen in Rovaniemi anzukommen und mir dort ein paar Stunden in der Stadt zu goennen. Ich wollte deshalb das noch gute Wetter ausnutzen um der Stadt naeher zu ruecken und liess trotz des inzwischen abgeflauten Windes den Druck auf den Pedalen. Doch diese Flucht nach vorne ging nach hinten los. Ich musste die Hauptstrasse, somit die ausgeschilderte Strecke nach Rovaniemi, verlassen, da sie in eine Autobahn ueberging. Die ausgesuchte Nebenstrasse fuehrte zwar in die richtige Himmelsrichtung, entpuppte sich aber nach etwas mehr als zehn km als Sackgasse, die an einem riesigen Steinbruch endete. So habe ich also 20 km in den Sand gesetzt.
Nachdem die richtige Strasse gefunden war, ging es zuegig weiter bis nach Tervola. Den in meiner Karte eingezeichneten Campingplatz konnte ich dort aber nicht finden. Ein schoen gelegener Badeplatz am Kemijoki wurde somit mein heutiges Etappenziel.

Keine fuenf Minuten nachdem das Zelt stand, begann es auch schon zu regnen. Sollte es morgen so bleiben, werde ich eventuell einen Tag Pause einlegen. Vielleicht taete es mir koerperlich sogar ganz gut. Verpflegung haette ich genuegend dabei, aber bekanntlich stirbt die Hoffnung (auf besseres Wetter) immer zuletzt.

Bild aufgenommen am
17.07.2007, 11:30.
Auch hier konnte ich nicht widerstehen und machte eine Rast samt Badepause.
 
Bild aufgenommen am
17.07.2007, 15:02.
Interessant, aber nicht so wirklich hilfreich.
Die Beschilderung in Finnland ist aber alles in allem gut brauchbar.
 
Bild aufgenommen am
17.07.2007, 17:41.
Als "Luftlinie" angegeben schmelzen die Entfernungen ordentlich zusammen.
Das Nordkap war leider nicht angeschrieben.
 
Bild aufgenommen am
17.07.2007, 22:01.
Auf dem nächsten Bild ist im Hintergrund eine Brücke zu erkennen. Genau von dieser wurde das Foto aufgenommen.
Links am Bildrand liegt der wilde Zeltplatz für die kommende Nacht.
Rechts der Brücke befindet sich Tervola.
 
Bild aufgenommen am
18.07.2007, 13:02.
Wilder Zeltplatz mit Sanitärgebäude direkt am Kemijoki.
Wann hat man das schon mal?
 

Rovaniemi - 82 km - 3017 km

18. July 2007, 20:49

Wie vorhergesagt begann der Tag mit Regen. Bis Mittag begnuegte ich mich damit, mich von einer Seite auf die andere zu drehen, das Zelt verliess ich erst gegen 13 Uhr, als das Wetter sich besserte. Ich entschied mich am Ostufer des Kemijoki entlang zu fahren, die Strasse dort schien wenig befahren und so war es dann auch tatsaechlich.
Entlang des Ostufers gibt es unzaehlige schoene Uebernachtungsmoeglichkeiten, ich hoffe das bleibt die naechsten Tage so.

Als ich in Rovaniemi ankam, war der Himmel schon recht dunkel. Kurz nachdem Fahrrad und Zelt standen, regnete es wieder. Es blieb aber bei einem kurzen Guss.

Erneut stuerzte ich mich in den Kampf um die Waschkueche, haben die Finnen doch das gleiche umstaendliche Buchungssystem wie die Schweden. Ich war fest entschlossen auf die Barrikaden zu gehen, sollte der Raum wieder unbenutzt die Nacht ueber leer stehen, und die Dame an der Rezeption schien mir das anzumerken. Nach nur kurzer halbherziger Gegenwehr willigte sie ein, dass ich in diesem Ausnahmefall auch nach 23 Uhr noch eine Ladung waschen duerfte.
Ich verstehe diesen Terz nicht. Bin ich es doch, der sich die Nacht um die Ohren schlagen muss, nicht sie.
Einen Vorteil habe ich aber: Die Zeitumstellung in Finnland um eine Stunde habe ich nicht mitgemacht. Ich denke, schreibe und lebe noch in deutscher Zeit. So bekomme ich die Waschkueche also schon um 22 Uhr.
Der Preis fuer das nasse und anschliessend trocknende Vergnuegen ist aber gesalzen: 8 Euro fuer beide Maschinen zusammen. Kaum eines der zu waschenden Kleidungsstuecke hat mehr als zehn Euro gekostet.

Eigentlich wollte ich heute ein wenig Rovaniemi anschauen, durch den spaeten Start fiel dies aber ins Wasser. Vielleicht hole ich das morgen Vormittag nach. Wer schon mal mit mir im Urlaub war, weiss ja, dass eine Stadt bei mir schnell besichtigt ist :-)

Die Leute sitzen hier mit dicken Pullis und Muetzen auf dem Kopf vor ihrem Zelt. Radfahrer kamen mir heute schon mit Handschuhen entgegen. Das Thermometer zeigt noch 15 Grad, der Wind laesst es aber kuehler wirken.

Bild aufgenommen am
18.07.2007, 15:45.
Ob die hier wohl Kabel-Anschluss haben?
 
Bild aufgenommen am
18.07.2007, 16:41.
Das erste Rentier auf meiner Radreise.
Unbeeindruckt von mir und meinem Fahrrad trottete es über die Fahrbahn.
 
Bild aufgenommen am
18.07.2007, 17:32.
Auf dem Weg nach Rovaniemi habe ich eine weitere 1000er-Marke erreicht.
Jetzt fühlt sich das Nordkap und die Mitternachtssonne schon "zum Greifen nahe" an.
 
Bild aufgenommen am
18.07.2007, 18:28.
Der Campinplatz in Rovaniemi. In wenigen Minuten werde ich mein Zelt dazu stellen.

Der Fluss ist wieder der Kemijoki, an dem ich schon seit einigen km entlang fahre.
 
Bild aufgenommen am
19.07.2007, 09:41.
Mein Zelt auf dem Campingplatz in Rovaniemi.
Der Polarkreis ist nicht mehr weit.
 
Bild aufgenommen am
kein Aufnahmedatum vorhanden.
Die Webcam in Rovaniemi hat mich auf meinem Fahrrad eingefangen.
 

Korvala - 70 km - 3087 km

19. July 2007, 18:50

Puenktlich zur Ueberschreitung der Grenze des Polargebietes war “Schluss mit Lustig”, zumindest was das Wetter anbetraf. Heftiger Wind aus Norden bremste mein Fahrrad immer wieder fast bis in den einstelligen Geschwindigkeitsbereich herunter. Dazu kam fuer etwa zwei Stunden noch Regen. Ein Thermometer zeigte beim Vorbeifahren neun Grad, durch den Wind fuehlte es sich aber mindestens fuenf Grad kaelter an.
Ich fuhr deshalb als Tagesziel einen Campingplatz an. Wenn man einen Tag lang so durchgelueftet wird, finde ich eine heisse Dusche beinahe unbezahlbar.

Vor der Abfahrt habe ich noch eine kurze Runde durch Rovaniemi gedreht und etwas eingekauft. Ich kam deswegen erst gegen 13 Uhr vom Campingplatz los.

Auf der Fahrt bin ich an dem “Nikolausdorf” beim Polarkreis vorbei gekommen.
Es sah fuer mich aber nicht sonderlich einladend aus. Ich konnte nichts erkennen, fuer das sich ein Halt gelohnt haette. Es gab von aussen nur Weihnachtsdeko, das “Postamt des Weihnachtsmannes” und Souvenirshops zu sehen.
Davor standen viele Wohnmobile, fast alle mit finnischem Nummernschild.
Allgemein sieht man hier wenig auslaendische Kennzeichen. Auf dem momentanen Campingplatz habe ich eine Schweizer Familie gesehen und ansonsten auch nur Finnen. Ich haette erwartet, dass der Tourismus hier internationaler ausfallen wuerde.

Auf der bisherigen Tour habe ich ja schon unterschiedlichstes Getier gesehen. Rehe, Hasen oder grosse Raubvoegel habe ich zigfach gesichtet, gestern dann auch erstmals Rentiere. Seitdem sehe ich staendig welche. Der Fahrradfahrer aus Dresden hatte mir schon berichtet, dass sie sich fast wie an eine Art Grenze halten wuerden. So kommt es mir auch vor.
Seit gestern stehen sie am Waldrand oder auf der Strasse, rennen mal panisch weg wenn sie mich sehen, andere bleiben stoerrisch an ihrem Platz und schauen mich fragend an wenn ich in 2 m Abstand mit dem Fahrrad an ihnen vorbei fahre.
Manche Exemplare zeigen ein Verhalten, dass ich auch bei Rindern schon oft beobachten konnte: Die lauten Autos, gar LKWs, stoeren sie nicht im geringsten. Entdecken sie aber mich, rennen sie panisch davon und scheuchen dabei die ganze Herde auf, die den Initiatoren der Flucht dann meist folgt. Sehe ich denn nach gerade mal vier Wochen wirklich schon so schlimm aus? :-)

Bild aufgenommen am
19.07.2007, 10:35.
Nochmal ein Blick auf den Kemijoki beim Verlassen von Rovaniemi.
 
Bild aufgenommen am
19.07.2007, 12:48.
Das Dorf des Weihnachtsmannes, nahe Rovaniemi.
 
Bild aufgenommen am
19.07.2007, 13:24.
Während des Fahrrad fahrens war mit bitter kalt. Die Temperatur in Kombination mit dem Wind haben mich kräftig durchgelüftet.

Als Rastplatz kam mir so eine windgeschütze Behausung gerade Recht.
 
Bild aufgenommen am
19.07.2007, 13:24.
Nicht unbedingt der pure Luxus, aber dafür gut geschützt während der Rast.
 

Sodankylae - 77 km - 3164 km

20. July 2007, 18:18

Frueh morgens wurde ich durch zwei Hunde geweckt, die sich quer ueber den Campingplatz anbellten. Mir war bereits vorher aufgefallen, dass die Hunde hier ein wesentlich dickeres Fell haben als in unseren Breiten. Jedenfalls ist es auf den Campingplaetzen oft so, dass der Hund nicht mit ins Wohnmobil oder mit in die Huette kommt, so wie es bei eben diesen beiden Klaeffern der Fall war. Die Besitzer schien die Geraeuschkulisse nicht zu stoeren, so dauerte das Gebell eine knappe Stunde. Als ich nach dem Aufstehen in die Kueche des Campingplatzes ging, war dort bereits der Besitzer von einem der beiden Hunden. Auf die Frage ob er englisch sprechen koenne, antwortete er nur mit einem hoeflichen Schulterzucken. Ich glaube, er hat mich ganz genau verstanden und wusste, was ich ihm erzaehlen wollte. Vielleicht war es besser so, ich startete jedenfalls keinen Versuch, ihm mit Haenden und Fuessen zu erklaeren, dass ich sein Verhalten als respektlos den anderen Gaesten gegenueber empfinde.

So kam ich immerhin zu einem fruehen Aufbruch, der sich aber nicht in einer langen Tagesdistanz niederschlagen sollte. Eigentlich plante ich noch ein paar km mehr auf dem Fahrrad zu treten, aber in Sodankylae entschloss ich mich spontan fuer den Campingplatz statt fuer die Weiterfahrt.

Ueber das Wetter konnte ich heute nicht klagen. Aus der anfaenglichen Wolkendecke spitzte immer haeufiger die Sonne hindurch, jetzt scheint sie sogar recht konstant. Der Wind kam immer noch vorne, war aber weit weniger stark als gestern.
Ich wuerde sogar behaupten, dass mir der Wind heute lieber war als eine absolute Flaute. Die Muecken scheinen nur bei Windstille eine Starterlaubnis zu bekommen und auch die Luft ist viel angenehmer als an den Regentagen in Schweden, an denen die daempfige Luft richtig in den Taelern stand. Dann lieber etwas Gegenwind, ich liege ja gut in meinem (recht groben) Zeitplan und habe keine Eile.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Preise fuer die Campingplaetze werden ausgewuerfelt: Der Platz hier kostet die Haelfte von dem gestern, obwohl die Ausstattung heute viel moderner und sauberer ausfaellt. Auch die Lage rechtfertigt keinen solchen Preisunterschied. Ich verstehe es zwar nicht, aber es soll mir heute recht sein. Insbesondere weil es hier einen kostenlosen Trockner gibt, und in genau den werde ich jetzt meine abgetropfte Waesche befoerdern.

Bild aufgenommen am
20.07.2007, 10:20.
SO stelle ich mir einen Fahrradweg vor. Mehr als fünf Meter breit und somit weit entfernt von den wenigen vorbeifahrenden Autos.
 
Bild aufgenommen am
20.07.2007, 15:22.
Die Etappe war kurz, aber trotzdem bin ich für eine kleine Stärkung auf der Campingplatz-eigenen Grillstelle immer zu haben.

Leider kam der Schwabe in mir beim Einkauf durch, was sich in einer sehr schlechten Fleischqualität niederschlug. Es sieht auf dem Bild leckerer aus als es letztendlich schmeckte.
 
Bild aufgenommen am
21.07.2007, 09:10.
Mein Fahrrad und Zelt auf dem Campingplatz bei Sodankylä.
 
Bild aufgenommen am
21.07.2007, 09:10.
Tolle Grillstelle auf dem Campingplatz. Die kann man auch bei schlechtem Wetter zu etwas gebrauchen.
 

Saariselkae - 143 km - 3308 km

21. July 2007, 21:53

Das “gelbe Trikot” war heute wieder im Einsatz, gluecklicherweise immer nur kurz. Anfangs gab es noch viel Sonne, die verschwand aber bald hinter grauen Wolken. Der Gegenwind war nicht sehr stark, er kam auch meist nicht direkt von vorne. Insgesamt also ein ganz brauchbarer Tag für eine Fahrrad-Tour.

Die Landschaft hat sich gestern ein wenig, heute dann radikal veraendert. Bisher war an eine Fernsicht nicht zu denken, ueberall war man von Baeumen umgeben.
Am Ende der heutigen Etappe, als es zum Skigebiet in Saariselkae hinauf ging, waren die meisten Baeume nur noch wie duenne Streichhoelzer ohne weit ausladende Aeste und oft keine 5 m hoch, zudem stehen sie weit weniger dicht.
Auch fallen die Hoehenunterschiede zwischen Berg und Tal inzwischen groesser aus. Ich hatte heute deshalb gegen Ende viele Stellen mit schoenem Ausblick. Der graue Himmel mit ein paar Luecken und eine tief stehende Sonne, dazu die recht karge Landschaft, diese Mischung gab ein duesteres Bild ab.

Das erwaehnte Skigebiet ist nicht unbedingt riesig. Ich habe von unten die Bergstation gesehen. Ich sage mal so: Haette ich an dieser vorbei fahren muessen, haette ich davon morgen auch keinen Muskelkater gehabt. Die Alpen sind es (gluecklicherweise fuer mich) nicht gerade.

Bei einer Rast traf ich einen Liegeradfahrer, der an seinem einspurigen Anhaenger eine Bayern-Flagge baumeln hatte. Wir kamen ins Gespraech und tauschten Informationen darueber aus, was dem jeweils Anderen noch bevorsteht, er fuhr naemlich Richtung Sueden.
Er riet mir davon ab, das Nordkap zu besuchen, es waere nur eine Touristen-Abzocke. Das kommt fuer mich aber nicht in Frage. Ich weiss, dass ich dort einiges zu sehen bekommen werde, dass ich lieber nicht sehen wuerde, aber ich werde mir das Nordkap samt dem dortigen Treiben trotzdem anschauen, weil es mich interessiert.
Er hatte aber noch weitere Empfehlungen fuer meine Route bis zum Nordkap auf Lager. Manches davon klang sehr interessant. Ich werde die kommende Nacht darueber schlafen, morgen weiss ich dann bezueglich der Streckenfuehrung fuer die kommende Woche mehr.

Bild aufgenommen am
21.07.2007, 17:07.
Rentiere sieht man alle paar km.
Mal sind sie alleine unterwegs, mal ziehen sie in ganzen Herden durch die Lande.
 
Bild aufgenommen am
21.07.2007, 17:08.
Noch mehr Rentiere am Straßenrand in Lappland.
 
Bild aufgenommen am
21.07.2007, 18:21.
Eine solch weite Aussicht hatte ich lange nicht mehr. Der ständig umgebende Wald und die eher flache Landschaft verhindern jede Weitsicht.

Das war übrigens eine Querstraße, ich musste also nicht über dieses Gerümpel auf dem Boden fahren.
 
Bild aufgenommen am
21.07.2007, 20:39.
Mein wilder Zeltplatz im Wald.

Je weiter ich nach Norden komme, desto kleiner werden die Bäume. Auf diesem Bild ist das sehr schön zu erkennen.
 

Inari - 68 km - 3376 km

22. July 2007, 18:20

Kaum hatte ich das Skigebiet und die “Hoehenlage” wieder verlassen, war der Baumbestand wieder dichter und die Baeume zeigten einen normaleren Wuchs.
Die dann folgende Strasse zwischen Ivalo und Inari gehoerte zum landschaftlich Reizvollsten, das ich je beradelt habe. Immer wieder faehrt man auf einer Art Damm durch einen See oder zumindest so nahe am Wasser, dass “noch naeher” gleichzeitig nasse Fuesse bedeuten wuerde. Dazu kamen Rentiere am laufenden Band. So 150 Stueck habe ich heute bestimmt gesehen.
Das Wetter passte zur eher rauen Umgebung: kaum Sonne, aber auch nur selten fielen ein paar Regentropfen.

Der Inarisee ist recht schoen, wenngleich ich das von bisher fast jedem See in Finnland haette sagen koennen. Etwas enttaeuscht bin ich vom Campingplatz in Inari. Zelte werden abseits der Wohnwaegen und -mobile auf ein wenig attraktives, tiefergelegenes, somit aussichtsloses Stueck Wiese direkt an der Strasse ausgelagert. Aber auch fuer die bevorzugten motorisierten Gaeste bietet der Platz nicht die Aussicht, wie sie einige Parkplaetze der E75 aufweisen koennen. Ich kann nicht empfehlen diesen Platz anzufahren, es gibt wesentlich schoenere Alternativen. Leider habe ich dies erst bemerkt, nachdem ich mich angemeldet hatte.
Inari selbst bietet in meinen Augen auch nichts Erwaehnenswertes. Ein Lufttaxi mit einem Wasserflugzeug ist bisher noch die groesste Attraktion, die ich gesehen habe. Man muss wirklich wegen der Natur hier sein, ansonsten lohnt der Weg keinesfalls.

Ich habe mich entschieden, vor dem Nordkap das Oertchen Gamvik anzufahren.
Schon seit einigen Tagen ueberlege ich, ob ich von Honnigsvag mit der “Hurtigruten” nach Hammerfest fahren und von dort aus die Westkueste von Norwegen in Angriff nehmen soll. Alternativ koennte ich auch von Gamvik mit dem Schiff nach Honningsvag und dann mit dem Fahrrad nach Hammerfest fahren.
Jetzt muss ich aber erst entscheiden, wie ich nach Tana komme. Entweder direkt ueber die E75 oder mit einem kleinen Umweg an die Grenze zu Russland durch Neiden bei Kirkenes. Liest jemand mit der ortskundig ist? Ich freue mich ueber jede Empfehlung.

Bild aufgenommen am
22.07.2007, 15:17.
Viel Wasser und ebenso viele dunkle Wolken: so habe ich Lappland kennen gelernt.
 

Naeaetaemoe - 151 km - 3527 km

23. July 2007, 23:19

Zur ja bereits gestern sehr schoenen Landschaft kam heute noch Einsamkeit hinzu. Nach Verlassen der E75 kurz vor Kaamanen sah ich nur alle paar Minuten ein Auto. Ab und an auch mal eine Viertelstunde gar keines. An meinem letzten Tag in Finnland habe ich das Land so erlebt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Was bisher noch gefehlt hatte, waren die Mueckenplagen - bis heute. Es ist hier zwar nicht so schlimm wie ich das in Schottland vor einigen Jahren erleben musste, aber auch hier sah ich beim Zeltaufbau sicher aus, als wuerde ich einen Regentanz auffuehren. Staendig fuehlt man, das es irgendwo am Koerper krabbelt, oder dass wieder gestochen wurde. Zum Fahrrad fahren ist die Gegend hier ein Traum, beim Campen mit dem Zelt vergeht einem aber schnell der Spass. Man sieht auch kaum Menschen auf der Strasse, wobei hier allerdings auch nicht gerade dicht besiedeltes Gebiet ist.

Uebernachtungsmoeglichkeiten gibt es entlang der 971 massenhaft. Sowohl fuer Wohnmobile als auch fuer Camper mit Zelt. Ich schaetze das Verhaeltnis von Autos zu Wohnmobilen (Caravan-Gespanne inbegriffen) auf dieser Strasse auf annaehernd 1:1. Entsprechend stehen auch auf fast jedem Parkplatz ein oder mehrere Campingfahrzeuge.

Ich bin nun nur noch etwa fuenf km vor der Grenze nach Norwegen entfernt. Da ich aber noch keine Kronen habe, will ich morgen nochmal in Euro einkaufen. Wer weiss, wann hier ein Geldautomat kommt. Ich hoffe, dass ich entweder an der Grenze oder dann in Kirkenes einen finde.

Morgen haette ich vor bei entsprechendem Wetter an die russische Grenze zu fahren und dann wieder bis nach Neiden zurueck zu radeln. Ich gewinne zwar dadurch keine Strecke, aber wann bin ich schon mal wieder mit dem Fahrrad in dieser abgelegenen Ecke?

Bild aufgenommen am
23.07.2007, 13:41.
Sumpflandschaft im Norden von Finnland, nahe der russischen Grenze.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 17:56.
Die Ortschaften in Finnland sind regelrechte Zungenbrecher.

Zum Glück muss ich die Namen nur schreiben und niemandem vorlesen.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 21:37.
Noch so ein Kandidat entlang meiner Reiseroute.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 16:00.
Hier habe ich mir eine warme Zwischenmahlzeit über dem Feuer gemacht.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 18:19.
Ein imposantes Eingangstor.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 18:33.
Mein voll beladenes Fahrrad mit einem schönen See im Hintergrund.

Hier hatte ich überlegt zu übernachten, aber die Stelle war mir dann doch zu nahe an der Straße.
 
Bild aufgenommen am
23.07.2007, 20:42.
Malerische Seenlandschaft in der untergehenden Lappland-Sonne.
 

Mittagspause in Kirkenes

24. July 2007, 15:42

Gerade habe ich mir in Kirkenes die ersten Kronen geholt. Auch ein Paar neue Fahrrad-Maentel wurden faellig. Zwar habe ich vor ein paar Tagen die Gummis von Hinter- und Vorderreifen getauscht, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich vor Hammerfest noch ein Sportgeschaeft finde, das passende Maentel auf Lager hat. Auch hier in Kirkenes wurde ich erst beim zweiten Anlauf fuendig. Der Verkaeufer sprach im zweiten Geschaeft sogar besser Deutsch als Englisch.

Die Landschaft ist inzwischen bergig geworden. Ein staendiges Auf und Ab. Die Steigungen liegen meist zwischen fuenf und acht Prozent, sind mit dem Fahrrad also anstrengend aber machbar. Man kommt nicht mehr so schnell vom Fleck wie im flachen Finnland, aber damit habe ich in Norwegen gerechnet. Zum Ausgleich gibt es eine grandiose Fernsicht. Von Neiden bis Kirkenes hatte ich staendig eine wunderbare Aussicht auf den Fjord, an dem die Strasse entlang fuehrt. Manchmal direkt vom Ufer aus, oft aber auch von weit oben auf das Wasser hinunter :-)

Ich werde jetzt wieder ein Stueck aus der Stadt hinaus radeln, der Campingplatz, den ich anfahren moechte, liegt knapp 10 km von hier entfernt in Hesseng. Zur Grenze nach Russland ist es uebrigens nur etwa doppelt so weit.

Bild aufgenommen am
24.07.2007, 10:22.
An der Grenze Finnland-Norwegen: Es sind wieder mehr Berge am Horizont zu sehen, da kann Norwegen nicht weit sein.
 
Bild aufgenommen am
24.07.2007, 14:01.
Oslo: 2502 km.
Dieses Land ist (nach deutschen Maßstäben) einfach riesig.

Ich kann an dieser Stelle etwas vorgreifen: In Oslo wird mein km-Zähler 7235 km anzeigen, also fast 4000 mehr als momentan. Der Umweg über das Nordkap schlägt sich deutlich nieder.
 
Bild aufgenommen am
24.07.2007, 15:08.
Der stolz der russischen Flotte?

Da fahre ich lieber mit meinem Fahrrad bis zum Nordkap.
 

Hesseng - 67 km - 3594 km

24. July 2007, 18:42

Kurz nach der Grenze traf ich einen sehr netten Fahrradfahrer aus Daenemark, der von seinem Heimatland aus Norwegen beradelt hat und nun ueber Finnland wieder nach Hause faehrt. Wir konnten uns gegenseitig mit reichlich Tips fuer die weitere Reise versorgen. Er stimmte mich gleich auf die bevorstehenden Steigungen ein: “not much more then 10%”. Leider erzaehlte er mir auch, dass die Muecken in Norwegen nicht weniger werden, was ich bisher bestaetigen kann. Am liebsten haette ich bei meinem Besuch in Kirkenes meine Isomatte in der Fussgaengerzone ausgebreitet. Es war seit einigen Tagen der erste Ort, wo man ohne Moskitonetz oder wildes Fuchteln unter freiem Himmel sitzen konnte. Hier auf dem Campingplatz in Hesseng ist die Mueckenanzahl mittelmaessig, ein gemuetliches Abendessen im Freien ist aber leider nicht moeglich. Trotzdem haette ich mir aufgrund vieler Berichte die Plagegeister unangenehmer vorgestellt. Vielleicht habe ich ein gutes Jahr erwischt, oder das Vergnuegen steht mir noch bevor.

Ich habe mich entschieden, welche Route ich die naechsten Tage nehmen werde. Ueber Tana werde ich bis nach Ifjord und anschliessend weiter bis nach Gamvik fahren. Von dort moechte ich mit der Hurtigruten nach Honningsvag, von wo aus ich wieder mit dem Fahrrad Hammerfest besuchen werde. Das ist zwar nicht unumstoesslich in Stein gemeiselt, aber es ist mein momentaner Plan.

Dass Norwegen teuer ist, kann ich bestaetigen. Finnland war fuer mich das billigste skandinavische Land, Norwegen scheint mir bisher das teuerste.

Vom Wetter gibt es heute nicht viel zu berichten, es war bewoelkt aber trocken. Auch die Temperaturen sind tragbar. Ich habe kein Thermometer mit, aber so um die 15 Grad wuerde ich schaetzen. Nachts ist es nicht unangenehm kalt. Es reicht meist, meinen Schlafsack als Decke zu benutzen. Bisher war es nur zweimal notwendig, ihn komplett zu schliessen, was aber nicht direkt an den Temperaturen, sondern am Wind lag.

Am Varangerfjorden - 92 km - 3688 km

25. July 2007, 22:42

Der Regen stand einem fruehen Aufbruch im Weg, so blieb ich bis etwa elf Uhr in meinem Zelt liegen und hoffte auf Wetterbesserung. Aus Langeweile begab ich mich spaeter in die Kueche des Campingplatzes und traf dort Bjoern, einen Radreisenden aus Schweden. Wir unterhielten uns und so verging die Zeit wie im Flug. Er wollte noch nach Kirkenes fahren um Geld zu tauschen, also nahm ich seinen Aufbruch gegen 14 Uhr ebenfalls als Signal, meine sieben Sachen zu packen und zog im Regen los. Ich bezeichne es mal als das “Glueck des Tuechtigen”, jedenfalls hoerte der Regen wenige Minuten nach dem Verlassen des Campingplatzes auf. Ich blieb waehrend der ganzen weiteren Fahrt von Regen verschont, zudem schob der Wind mein Fahrrad manchmal merklich an. So schaffte ich trotz des sehr spaeten Aufbruchs doch noch eine brauchbare Tagesdistanz.

Der Wind, der auch jetzt noch heftig weht, ist richtig eisig. Waehrend der Fahrt ist mir immer gut warm, aber sobald ich aufhoere zu treten, brauche ich den warmen Flies zum Ueberziehen. Beim Abendessen haette ich mir fast Handschuhe gewuenscht.

Regen und Wind bedeuten natuerlich auch mueckenfreie Zone. Ich konnte das eben erwaehnte Abendessen endlich wieder draussen mit herrlichem Blick auf den Varangerfjord zu mir nehmen, nicht nur innerhalb des Zeltes, wo ich mich bisher vor den Plagegeistern verstecken musste.

Zur Landschaft fallen mir zwei Worte ein: faszinierend und anstrengend.
Die Strecke war heute ein staendiges Auf und Ab, man wird aber nach jedem Anstieg mit einem Blick belohnt, der die vorangegangenen Hoehenmeter vergessen laesst.

Bild aufgenommen am
25.07.2007, 16:09.
Reisender Fluss nahe des Munkfjorden.
 
Bild aufgenommen am
25.07.2007, 17:17.
Hier wächst so gut wie gar nichts mehr, was über meine Kopfhöhe hinausgeht.
 
Bild aufgenommen am
25.07.2007, 17:53.
Karge Landschaft und eine tief hängende Wolkendecke.
Optisch passt das sehr gut zusammen.
 
Bild aufgenommen am
25.07.2007, 19:50.
Das Wetter könnte noch eine Schippe zulegen, aber so eine Straße, mit diesem Ausblick und absolut keinem Verkehr: es ist einfach nur traumhaft.
 
Bild aufgenommen am
25.07.2007, 19:32.
Mein Fahrrad auf einem Parkplatz nahe dem Varangerfjorden.
 
Bild aufgenommen am
25.07.2007, 21:26.
Wilder Zeltplatz mit Blick auf den Varangerfjorden.
 

Vestertana - 103 km - 3791 km

26. July 2007, 20:49

Nach 30 km zum Aufwaermen am Varangerfjorden entlang ging ich in Varangerbotn mein Fruehstueck besorgen. Am Supermarkt stand bereits ein schwer bepacktes Fahrrad. Es gehoerte einem 56-jaehrigen Norweger, mit dem ich mich nach dem Einkauf lange unterhielt. In Norwegen steht an jedem Supermarkt auch eine Sitzgelegenheit, so machten wir es uns bequem und redeten ueber alles Erdenkliche. Er erzaehle mir, wo es in Norwegen am schoensten sei, wie ich wo fahren koenne und was ich besser meiden sollte. Er bestaerkte mich auch in meiner Absicht nach Gamvik zu fahren, es waere lohnender als das Nordkap, wenn auch muehsamer.
Ebenso konnte ich ihm ein paar Ratschlaege fuer das Radreisen in Zentraleuropa, speziell in Deutschland und Frankreich, mit auf den Weg geben. Er plant in absehbarer Zeit ans Mittelmeer zu radeln.

Spaeter entfernten sich unsere Gespraechsthemen vom Reisen.
Ich habe die Unterhaltung sehr genossen und mir schien, er tat das ebenso. Ich weiss nicht, wann ich schon mal so eine herzliche Unterhaltung mit jemandem hatte, den ich eine Stunde zuvor nicht im geringsten kannte.

Nach knapp zwei Stunden fuhr ich weiter nach Tana und an dem gleichnamigen Fluss entlang nach Norden. Kaum hatte ich den Fluss verlassen, wurde es bergig. Die Qualitaet des Strassenbelags war deutlich schlechter als auf der E6, er sollte aber selbst fuer Rennrad-Reifen noch kein Problem darstellen.
Es ging mehrmals auf geschaetzte 150-200 Hoehenmeter hinauf, um kurz darauf wieder auf Meereshoehe zu landen. Ich war staendig am An- und Ausziehen. Bei den Auffahrten ist einem heiss, obwohl oben an wenigen Stellen noch Schnee liegt, die Abfahrten sind dann aber bitterkalt.

Bei Vestertana gab es eine so verlockenden Zeltmoeglichkeit, dass ich mein Fahrrad in den Feierabend schickte und mein Zelt aufschlug. Ich habe eine traumhafte Aussicht auf den Tanafjorden, man koennte meinen, eine Postkarte hinge vor meinem Zeltfenster. Vielleicht muesste ich mir die grauen Wolken noch weg denken, immerhin brachten sie heute keinen Regen.

Bild aufgenommen am
26.07.2007, 10:59.
So sieht eine typische Ortschaft im Norden von Lappland aus.
 
Bild aufgenommen am
26.07.2007, 10:59.
Blick auf den Fjord.
 
Bild aufgenommen am
26.07.2007, 15:11.
Sandstrand mit Berg-Kulisse.
 
Bild aufgenommen am
26.07.2007, 15:34.
Solche Rastplätze gibt es in Skandinavien sehr häufig am Straßenrand.

Hier sieht man die in Kirkenes gekauften Fahrradmäntel auf dem Gepäckträger meines Fahrrads.
 
Bild aufgenommen am
26.07.2007, 17:15.
Bis auf die karge Vegetation könnten man mir diesen Ausblick im Norden Norwegens auch für die Alpen verkaufen.
 
Bild aufgenommen am
26.07.2007, 18:57.
Einer der schönsten Zeltplätze der ganzen Fahrrad-Reise, nahe Vestertana.
 

Ifjord - 40 km - 3830 km

28. July 2007, 08:09

Heute Morgen standen mein Zelt und Fahrrad etwas ungeschickt vor einem Bootstrailer, aber der Boden war eben dort am wenigsten huegelig. Durch den Regen blieb ich wieder lange im Zelt, bis ich Schritte kommen hoerte und ich durch die Zeltwand von einem Mann auf norwegisch angesprochen wurde. Ich oeffnete das Zelt und gab zu verstehen, dass ich nur Englisch spreche, was er aber widerum nicht konnte. Er signalisierte mir freundlich, dass der Bootstrailer gebraucht wird. Ich pellte mich aus dem Zelt und machte mich daran es abzubauen. Sofort signalisierte er hektisch, ich solle das bleiben lassen. Etwas verwundert schaute ich dann zu, wie er mit zwei weiteren Maennern und einem Traktor den Trailer kompliziert um mein Zelt herummanoevrierte. Die drei schienen richtig Spass dabei zu haben.
Da ich eh schon im Regen stand beschloss ich danach mein Lager abzubauen und aufzubrechen. Als ich vor dem Zelt im Stehen fruehstueckte, schrie mir einer der Maenner auf englisch zu, ich solle mich zu ihnen in ihren hoelzernen Pavillon setzen und einen Kaffee mittrinken. Das Erste nahm ich gerne an, den Kaffee lehnte ich dankend ab. Nach einer Viertelstunde brach ich dann wieder auf, die Unterhaltung war durch die Sprachschwierigkeiten nicht sehr ergiebig.

Ich hatte erwartet, bei Bedarf des Trailers unsanft vertrieben zu werden, stattdessen werde ich zum Kaffee eingeladen. Die Norweger sind wirklich ein ausgesprochen nettes Voelkchen.

Das Wetter meinte es nicht so gut mit mir. Es regnete auch bei meiner Abfahrt noch, waehrend der weiteren Fahrt war es ebenfalls nur selten trocken.
Es galt einige hundert Hoehenmeter zu bewaeltigen, dann kam die Abfahrt nach Ifjord, wo ich am Campingplatz die Fahrt beendete. Inzwischen wechseln sich Regen und Sonne ab, fuer morgen ist es trocken vorhergesagt - fuer heute war es das allerdings auch.

Der Campingplatz ist fuer mich unguenstig gelegen. Gerne waere ich noch etwas gefahren, aber es gibt in der Naehe keinen anderen und nach zwei Tagen wildes Campen war eine Dusche zu verlockend. So kam es heute also zu einer aeusserst kurzen Fahrrad-Etappe.

Auf dem Campingplatz gibt es nur ein einziges Fahrzeug mit deutschem Kennzeichen: ein Wohnmobil aus Augsburg.

Bild aufgenommen am
27.07.2007, 12:09.
Noch geht es bergab, aber Richtung Nordkap muss ich dort hinten über die Berge.
 
Bild aufgenommen am
27.07.2007, 17:09.
Anhand der Wäscheleine bin ich auf jedem Campingplatz immer sehr schnell ausfindig zu machen.
Leider trocknet bei dieser Suppe aus Wolken und Nebel nichts.
 

Mehamn

28. July 2007, 21:12

Gestern Abend zogen einige Gewitter durch, ich konnte deshalb keine E-Mails verschicken. Heute morgen hatte ich dann wieder Empfang. Sehr viel besser wurde das Wetter waehrend der Nacht aber nicht, es regnete auch morgens noch. Ich war wirklich deprimiert, schon wieder ein Regentag. Hinzu kam, dass ich langsam auch keine trockene Kleidung mehr hatte. Ich war mir nicht schluessig, ob ich aufbrechen oder nur im Zelt bleiben und den Tag abschreiben sollte. Mit der Zeit geht der Regen wirklich auf die Nerven. Es klingt vielleicht etwas dramatisch fuer eine freiwillige Urlaubsreise, aber ich musste an ein Zitat von Churchill denken:
“If you are going through hell, keep going!”

Bei stroemendem Regen baute ich also mein Lager ab, fuhr mit dem Fahrrad vom Campingplatz und erwartete eine unschoene Regenetappe.
Doch so kam es nicht. Nach knapp 20 km hoerte der Regen auf und erste blaue Luecken waren am Himmel zu sehen. Eine Stunde spaeter hatte ich strahlenden Sonnenschein.
Dazu kam eine der schoensten Strecken der Tour. Auch vor Lebesby war nicht viel los auf der Strasse, danach war es aber wie ausgestorben.
Es gab einige deftige Anstiege, dann wurde es relativ flach. In dieser “Hoehenlage” war die Landschaft richtig bizarr. An manchen Stellen gab es viele Seen und kleine Baeche, dann gab es wieder nur Steine und Gras. Es waechst dort nichts was hoeher als 30 cm ist. Ab und an war selbst dieses letzte Gruen verschwunden und es gab nur noch eine Steinwueste. Es sah aus wie in einer nachgebauten Mondlandschaft.

Die Strassen waren meist super asphaltiert, der Belag schien mir neu gemacht worden zu sein. Auf etwa 15 km war der Strassenbelag jedoch abgetragen und nur mit Schotter versehen, ich war dadurch bergab genauso schnell wie bergauf.

Nach etwa 70 km machte ich fuer 1,5 Stunden Rast, spannte meine Waescheleine an einem Baucontainer auf und trocknete meine Waesche. Endlich wieder trockene Kleidung!

Momentan sitze ich in Mehamn am Hafen (wobei der Ort praktisch nur aus Hafen besteht) und ueberlege, ob ich die 20 km nach Gamvik heute noch fahren soll. Eigentlich hatte ich das vor, aber hier ist fuer heute Abend eine Buehne fuer ein Konzert aufgebaut und ein bisschen Trubel koennte ich schon mal wieder vertragen. Ich bin mir noch nicht so ganz schluessig was ich machen werde.

Durch das schoene Wetter habe ich die Hoffnung, heute das erste mal die Nacht ueber durchgehend die Mitternachtssonne am Horizont zu sehen. Die Sicht auf das offene Meer nach Norden haette ich.
Hoffentlich klappt es.

Bild aufgenommen am
28.07.2007, 09:51.
Türkisfarbenes Wasser und dazu eine sich langsam lichtende Wolkendecke.
Da kamen Glücksgefühle auf, die ich so erst am Nordkap erwartet hätte :-)
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 11:49.
Was kann man sich als Radreisender mehr wünschen?
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 12:26.
Wasser auf verschiedenen Etagen.
EIN See und dahinter DIE See.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 12:58.
Es wirkt auf mich ein wenig wie eine Mondlandschaft.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 13:28.
Weiter unten hingegen ist es noch grün.
Hier mein Fahrrad mit kompletter Reise-Beladung.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 13:57.
Wie ich schon geschrieben hatte, liegt auf manchen Passhöhen noch Schnee.

Hier der Beweis dafür.
Kurze Fahrrad-Kleidung und dazu ein Schneefeld.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 13:55.
Zugegebenermaßen ist dieses Schneefeld hier aber nicht sehr groß.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 14:48.
Bald habe ich wieder trockene Kleidung.

YUHUUU!!!
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 18:23.
Mein erster Blick auf Mehamn.

Wunderschön gelegen, hier unten auf Meereshöhe auch wieder mit viel Grün umgeben.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 18:28.
Hier in Mehamn scheint jemand viel Schnee zu erwarten.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 14:35.
Rentiere versuchen gerne die "Flucht nach vorne".
Bis sie es dann irgendwann Leid sind vor mir herzulaufen und sich links oder rechts in die (nicht vorhandenen) Büsche schlagen.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 14:20.
Auf der Abfahrt hinab nach Mehamn.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 19:44.
Hier, unweit der letzten Häuser von Mehamn, ist ein geeigneter Platz zum wild campen.
 
Bild aufgenommen am
28.07.2007, 21:57.
Mein Zelt im Sonnenuntergang an der Grenze von der Barentssee und dem Europäischen Nordmeer.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 01:16.
01:15 Uhr
Mitten in der Nacht aus meinem Zelt fotografiert.
Die Mitternachtssonne ist schon wieder am steigen.

Links im Bild fährt die Hurtigruten durch die Abendidylle.
Morgen um die gleiche Zeit werde ich auch mit an Bord sein Richtung Honningsvag.
 

Noch immer in Mehamn - 112 km - 3942 km

29. July 2007, 01:27

Die Entscheidung fiel fuer “Trubel in Mehamn”. Ich goennte meinem Fahrrad eine Pause und fuhr nicht mehr weiter. Stattdessen hoerte ich mir das Konzert an. Es wurden zum Glueck nicht nur norwegische Volkslieder gespielt, sondern fast ausschliesslich bekannte englische Rock-Songs. Die Musik war grossteils nach meinem Geschmack und die Band machte auch ordentlich Stimmung. Genauer gesagt tut sie das noch immer, ich bin aber muede und habe deshalb das Fest verlassen.

Das Gefuehl, nach langer Zeit wieder unter vielen Menschen zu sein, war angenehm. Ein wenig langweilig war es allein natuerlich trotzdem. Beim Fahrrad fahren oder Campen fuehle ich mich nicht einsam, heute Abend habe ich eine Begleitung aber schon sehr vermisst.

Die Mitternachtssonne zeigt sich nur durch viele Wolken am Horizont. Ueber mir ist aber blauer Himmel, was mir in diesem Fall das Wichtigere ist.

Bild aufgenommen am
28.07.2007, 23:52.
Dorffest in Mehamn: die einheimische Bevölkerung beim Tanzen und dahinter die Band.
 
Bild aufgenommen am
kein Aufnahmedatum vorhanden.
Die Webcam in Mehamn hat mich eingefangen.
Wie man sehen kann, war das Wetter sommerlich warm.
 

Erneut Mehamn - 53 km - 3995 km

29. July 2007, 16:34

Nach einem kurzen Abstecher nach Gamvik habe ich es mir an einer abgelegenen Stelle am Hafen von Mehamn bequem gemacht. Erst heute Nacht um 1:15 legt das Schiff ab, die Zeit bis dahin werde ich noch faulenzen.

Die Fahrt nach Gamvik war wie erwartet anstrengend. Es gab zwar nur drei scharfe Anstiege, allerdings hatte ich starken Gegenwind. Gluecklicherweise fuhr ich die Strecke spaeter wieder zurueck und konnte mir auf dem Rueckweg das Fahrrad vom Wind ueber die Berge schieben lassen.
Im Schatten ist der Wind sehr kalt, aber das Wort Schatten birgt natuerlich etwas Positives: Heute scheint schon den ganzen Tag die Sonne. 24 Stunden ohne Niederschlag, das sollte ich eigentlich feiern.

In Gamvik selbst gibt es nicht viel zu sehen. Es ist entsprechend auch kaum etwas los. Mit dem Fahrrad ist man in 3 Minuten durch den kompletten Ort gefahren. Am Leuchtturm traf ich ein Paar aus Salzburg, das freundlicherweise ein paar Bilder von mir schoss.

Danach verwarf ich den Gedanken, fuer eine Nacht in Gamvik zu bleiben, es war fast wie ausgestorben und somit selbst mir zu langweilig.
Auch heute gab es wieder eine tolle Landschaft zu sehen. Viele Sandstraende in malerischer Kulisse. Ich habe immer das Gefuehl, ich sollte im Sommer mal herkommen, da koennte man sicher schoen baden :-)

Vielleicht kann ich noch ein paar Stunden schlafen bevor ich auf das Schiff gehe. Gestern war es recht spaet und ich befuerchte heute ist auch nicht viel los mit einer brauchbaren Nachtruhe.

Bild aufgenommen am
29.07.2007, 10:10.
Auf der Fahrt nach Gamvik hatte ich einen schönen Blick zurück auf Mehamn.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 10:16.
Hinter diesen Hügeln liegt Gamvik.
Weiter vorne sieht man, wie sich die Straße wieder den Berg hinauf schlängelt.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 11:35.
5 Prozent Gefälle und trotzdem nur 14 km/h. Der (Gegen-)Wind wirkt enorm.

Dafür hatte ich dann auf dem Rückweg von Gamvik nach Mehamn wiederum einen Gehilfen auf meiner Seite.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 12:29.
Hier wurde ich mit Fahrrad am Leuchtturm in Gamvik, dem Slettnes Fyr, fotografiert.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 14:56.
Nach dem Gamvik-Ausflug bin ich wieder nach Mehamn zurück geradelt.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 14:56.
Blick über den Hafen und Mehamn.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 18:11.
Da die Fähre erst mitten in der Nacht fuhr, musste ich noch etwas Zeit totschlagen. Dazu setzte ich mich an das große Hafenbecken, direkt gegenüber von Mehamn.
 
Bild aufgenommen am
29.07.2007, 18:11.
Hier die Aussicht von meinem Rastplatz aus.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 00:25.
Gegen später wartete ich dann direkt neben der Anlegestelle.

Als die Sonne nur noch sehr tief stand, wurde es kalt und somit der Schlafsack notwendig.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 00:26.
Dämmerlicht über Mehamn während der Mitternachtssonne.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 00:45.
Das Hurtigruten-Schiff läuft ein. Mit ihm werde ich von Mehamn nach Honningsvag übersetzen, weil ich sonst mehrere hundert km Strecke mit dem Fahrrad hin UND zurück, sozusagen doppelt, fahren müsste. So fahre ich sie nur einfach.

Das Nordkap rückt näher.
 

Honningsvag

30. July 2007, 12:35

Die Ueberfahrt klappte ohne Schwierigkeiten, sie war sogar ein richtiges Vergnuegen und eine nette Abwechslung zur Fahrt mit den Fahrrad. Ich hatte einen luxurioes ausgestatteten Salon mit geschaetzten 200 qm fuer mich alleine und konnte rechts die Sonne ueber dem wolkenfreien Horizont und links die norwegische Kueste bewundern. Es war herrlich.

Schlaf fand ich nur wenig, weshalb ich trotz der komfortablen Unterbringung ziemlich geraedert in Honningsvag ankam. Es war etwa sechs Uhr als ich das Boot verlassen habe und ich war zu muede um mich auf den Weg ans Nordkap zu machen. Auch brauchte ich noch Verpflegung, die Geschaefte hatten aber geschlossen. Ich fuhr nur vor die Tore der Stadt um mich mit Isomatte und Schlafsack auf der naechsten Wiese die ich finden konnte richtig auszuschlafen. Auch die Sonne stoerte meinen Schlaf nicht, erst gegen elf kam ich wieder zu mir.

Das Wetter ist spitze: Fast wolkenfreier Himmel, leichter Suedwind und etwa 20 Grad wuerde ich schaetzen, die sich ohne Schatten aber nach deutlich mehr anfuehlen.

Gerade habe ich das gekaufte Fruehstuck verschlungen und inzwischen bin ich wieder bei Kraeften um mich mit den wartenden Bergen anlegen zu koennen.

Bild aufgenommen am
30.07.2007, 01:17.
Das Hurtigruten-Schiff bietet mir einen Luxus, wie ich ihn seit Wochen nicht hatte.
Zum Ausschlafen komme ich trotzdem nicht, dafür ist schon allein die Aussicht zu spektakülär.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 01:20.
Da hat jemand gut lachen.

Die Vorfreude steht mir ins Gesicht geschrieben.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 01:43.
Die Lade-Technik für Handy und MP3-Player zeigt schon vor dem Nordkap, dem eigentlichen Start meiner Fahrrad-Reise, gewisse Ermüdungserscheinungen.
Aber bisher konnte ich die Funktion mit etwas Klebeband erhalten.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 05:58.
Mein Schlafplatz in Honningsvag nach der nicht sehr langen aber trotzdem anstrengenden, da nächtlichen, Fährfahrt.
 

Nordkap - 40 km - 4036 km

30. July 2007, 16:41

Vor etwa einer Stunde bin ich bei nach wie vor strahlendem Sonnenschein an dem staehlernen Nordkap-Globus angekommen.

Der Andrang haelt sich schwer in Grenzen, die Aussicht ist fantastisch.

Ich werde jetzt erst einmal das Zelt aufbauen und es mir gemuetlich machen.

Bild aufgenommen am
30.07.2007, 12:48.
Direkt nach Honningsvag: Einen solch lieblichen Badestrand hätte ich so nahe am Nordkap nicht erwartet.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 13:23.
Aussicht von der Straße auf die karge Landschaft und die Fjorde.
Die Differenz zur Meereshöhe lässt aber schon erahnen, dass die letzten Kilometer zum Nordkap keine lockere Spazierfahrt darstellten.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 13:44.
Diese Einladung abzuschlagen fiel mir schwer, aber ich war ja gerade erst losgefahren und der Ruf des Nordkaps war dann doch zu stark.
Die Rast fiel aus.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 13:57.
Es war ziemlich windig und diese beiden Rentiere waren wohl schlau genug um sich einen Windschutz zu suchen.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 14:28.
Der letzte Anstieg vor dem großen Ziel.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 14:29.
Wie schon gesagt: es war nochmal anstrengend, was hier deutlich zu sehen ist
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:08.
Endlich konnte ich die Kuppel des Nordkap-Besucherzentrums sehen.
Auf dem Parkplatz standen viele Autos und insbesondere Wohnmobile.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:16.
Hier das Nordkap-Besucherzentrum aus der Nähe.

Sehr nett finde ich, dass man als Fahrradfahrer keinen Eintritt bezahlen muss.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:17.
Der berühmte Nordkap-Globus. Wunderbar gelegen auf einer mehreren hundert Meter hohen Klippe.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:20.
Wie zu sehen ist, war der Besucherandrang am Globus eher gering.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:21.
Mein Fahrrad in voller Reise-Beladung vor dem Nordkap-Globus.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:26.
Das gleiche Motiv, nur dieses mal zusätzlich mit Fahrer.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:28.
Ein wahnsinns Ausblick.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 15:32.
Per Flugzeug: auch eine Möglichkeit das Nordkap zu besichtigen.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 22:46.
 

Nordkap Impressionen

30. July 2007, 20:44

Die Warnungen vor einem touristisch dominierten Nordkaperlebnis wurden heute entkraeftet. Zwar treffen sich hier besonders Wohnmobilfahrer aus ganz Europa in grossen Mengen, die Atmosphaere ist aber unglaublich geloest. Alle freuen sich, ihr (oder zumindest ein) Ziel erreicht zu haben. Zudem ist die Aussicht von der 300 m hohen Klippe auf das Meer und die benachbarten Landzungen wahrlich beeindruckend.
Es wird ja faelschlicherweise behauptet, das Nordkap waere der noerdlichste Punkt Europas, dieser liegt aber ein paar km weiter westlich. Leider verlaeuft er flach abfallend ins Meer. Ich werde lieber ein wenig “fuer dumm verkauft” als mir diesen wunderschoenen Flecken Erde hier auf der Klippe entgehen zu lassen. Den Norwegern verzeihe ich diese kleine Luege also gerne.

Mein Zelt steht nur wenige hundert Meter vom Nordkap-Besucherzentrum und vielleicht 40 Meter vom Abgrund zum Meer hinab entfernt. Entsprechend faellt auch hier die Fernsicht aus: Das bietet kein Campingplatz der Welt.

Man knuepft hier sehr leicht Kontakte. Nicht nur mit Fahrradfahrern, man wird auch von vielen motorisierten Besuchern angesprochen und ausgefragt.

Der Eintritt in das Besucherzentrum ist fuer Fahrradfahrer frei (ansonsten 195 Kronen pro Person). Man kann dort die sanitaeren Einrichtungen mitbenutzen, nur eine Dusche fehlt. Aber das waere wohl zuviel des Guten.

Ueber die Strecke von Honningsvag zum Nordkap hoert man von Radlern viel Schlechtes. Bergig, viel Verkehr, selbst “schlechte Strassen” habe ich schon gehoert.
Bergig ist es. So etwa 600 hm duerften es heute schon gewesen sein, meist deutlich mehr als 5% steil. Ansonsten stimmt nichts. Die Strasse ist in einem sehr gutem Zustand und wer das hier als viel Verkehr bezeichnet, war noch nie auf einer durchschnittlich befahrenen Landstrasse in Deutschland unterwegs.

Ich wurde von zwei Belgiern, die mit einem uralten Citroen durch die Lande ziehen, auf ein Bier eingeladen. Ausserdem soll ich ihr Auto signieren, so erstaunt waren sie ueber meinen Tachostand.
Dieser Einladung werde ich jetzt gerne folgen.
Gegen Mitternacht werden sich sicherlich alle Anwesenden um den Globus versammeln - da werde ich natuerlich auch nicht fehlen.

Bild aufgenommen am
30.07.2007, 16:43.
Mein Lager am Nordkap.
Wie man sehen kann, war es ziemlich windig und auch andere Fahrradreisende sind im Hintergrund zu sehen.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 16:44.
Die kleine Gruppe Radreisende, die es an diesen Ort verschlagen hat.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 10:48.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 17:31.
Blick vom Besucherzentrum aus auf den Globus.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:06.
Im Besucherzentrum gibt es auch eine kleine Kapelle.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:09.
Die Grotten-Bar, die zwar unterirdisch liegt, aber an der Nord-Seite mit einer großen Glaswand genau an der Klippe endet.
Das Ganze ist sozusagen ein Kino zum Film "Mitternachtssonne".
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:18.
Das Monument Kinder der Erde.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:18.
Und gleich nochmal "Kinder der Erde".
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:19.
So gefällt es mir noch besser.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 19:40.
Von diesem Anblick bekomme ich einfach nie genug.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 18:38.
 

Nordkap - Tag 2

31. July 2007, 20:49

Gestern Abend war ein lustiges Schauspiel zu beobachten: Ein Bus nach dem anderen brachte Besucher, gegen Mitternacht war richtig viel los rund um das Besucherzentrum. Gegen ein Uhr war die Horde wieder verschwunden.

Ich koennte aber nicht behaupten, dass es unangenehm voll war. Die Stimmung war erwartungsvoll und sehr freundschaftlich unter den Besuchern.

Ich frage mich staendig was ich antworten werde, wenn man mich fragen wird: “Lohnt es sich, an das Nordkap zu fahren?”.
Fuer mich kann ich diese Frage klar beantworten. Selbst dann, wenn der Weg hierher in keinem Moment ein Vergnuegen gewesen waere, haette sich die Tour ans Nordkap gelohnt. Der gestrige Abend war unvergesslich.

Es kam aber auch alles Positive zusammen:
Das Wetter gestern war nicht mehr verbesserungsfaehig, als ich ankam war kaum etwa los und zudem ich traf hier Menschen, mit denen ich mich prima verstand.

Es kommt natuerlich noch das gute Gefuehl hinzu, dieses Ziel aus eigener Muskelkraft per Fahrrad erreicht zu haben. Ausserdem habe ich mir zuletzt vom Nordkap nicht mehr viel versprochen - zu unrecht.
Was meine Wahrnehmung sicher auch beeinflusste waren die vielen eingegangenen E-Mails. Ich habe mich ueber die Herzlichkeit, die mir hierher ans Ende Europas geschickt wurde, wie wahnsinnig gefreut. Vielen Dank an alle Gratulanten!

Ich kann die aufgeworfene Frage fuer andere Menschen, die auf andere Art anreisen und die vielleicht andere Erwartungen mitbringen, nicht beantworten.

Vielleicht kann ich meine Begeisterung an einem Beispiel veranschaulichen:
Die beiden Belgier hatten einen Lenkdrachen dabei. Obwohl ich solch ein Geraet schon zigfach gesteuert habe, machte es gestern Spass wie noch nie. Auf einer 300 m hohen Klippe stehend den Drachen am Abgrund fliegen zu lassen, und das mit der tief ueber dem Meer stehenden Sonne im Gesicht: Das Ereignis selbst war banal, das Erlebnis aber war riesig.

Nach dem gestern angekuendigten Umtrunk bei den Belgiern und dem Flug mit dem Drachen haben wir uns zu dritt zum Globus begeben, an dem schon maechtig andrang herrschte. Jetzt ist es ja nicht so, dass die Menschen hier noch nie einen Sonnenuntergang gesehen haetten. Fuer mich ist es aber die Dauer dieses Schauspiels, was es fuer mich so faszinierend macht. Die Sonne steht fuer mehrere Stunden so wunderbar tief und auch nach zwei Stunden hatten wir drei uns noch nicht satt gesehen.
Wir tranken noch ein Bier in der Grotten-Bar, die einige Meter unter der Erde nahe des Besucherzentrums liegt und durch die grosse Fensterflaeche durch die Felswand der Klippe hindurch einen prima Blick auf das naechtliche Schauspiel bietet.

Ich kann nur jedem Besucher empfehlen nicht um kurz nach Mitternacht wieder zu verschwinden, sondern noch bei einem Getraenk in dieser Bar die Stimmung zu geniessen.

Den gestrigen Abend kann ich sicher nicht wiederholen, schon allein deshalb, weil Gilles und Benji, die beiden Belgier, heute abreisen werden. Trotzdem glaube ich, dass ich mir noch eine zweite Nacht an diesem schoenen Flecken Erde goennen werde und mein Fahrrad noch etwas pausieren darf.

Bild aufgenommen am
30.07.2007, 21:00.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 21:20.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 20:28.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 23:51.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 21:53.
Besucher auf der Nordkap-Klippe in der untergehenden Sonne.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 21:53.
Besucher auf der Nordkap-Klippe in der untergehenden Sonne.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 21:53.
Besucher auf der Nordkap-Klippe in der untergehenden Sonne.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 23:16.
Die Besucher sammeln sich gegen Mitternacht um den Globus auf der Klippe.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 23:25.
Die Besucherschar sammelt sich direkt am Globus, ich finde den Blick von etwas Entfernung auf Klippe und Mitternachtssonne aber noch beeindruckender.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 23:28.
Die unterirdische Grotten-Bar hat einen Balkon. Dort steht man direkt am Abgrund der Klippe und blickt nach Norden auf die Mitternachtssonne.
 
Bild aufgenommen am
30.07.2007, 23:51.
Das dürfte in etwa der tiefste Punkt der Mitternachtssonne gewesen sein.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 00:45.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 00:59.
Gilles und Benji, die mit ihrer alten Ente ans Nordkap gefahren waren und hier mit mir gemeinsam die Mitternachtssonne in der Grotten-Bar genießen.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 01:03.
Hier nochmal alle drei Nordkap-Reisenden gemeinsam.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 01:00.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 01:47.
Gilles und Benji wollten es sich nicht nehmen lassen den Nordkap-Globus zu besteigen.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 01:51.
Ich am Nordkap-Globus bei gelb-roter Mitternachtssonne.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 02:14.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 02:07.
Die Ente von Gilles und Benji.

Aufgenommen gegen 2 Uhr nachts.
 

Ruhetag am Nordkap

31. July 2007, 20:52

Erstaunlich wie schnell man sich nach fuenf Wochen des staendigen Ortswechsels heimisch fuehlt. Ich betrete die Halle des Besucherzentrums schon fast als waere es mein Wohnzimmer.

Die beiden Belgier sind in ihrem 2CV-Cabrio heute Morgen Richtung Lofoten aufgebrochen, ich bin wie angekuendigt noch am Nordkap geblieben.
Es muessten schon alle Stricke reissen, wenn ich die Einladung, auf dem Weg durch Belgien bei ihnen zu uebernachten, nicht annehmen sollte.

Viel gibt es ueber den Tag nicht zu berichten. Die meiste Zeit habe ich faulenzend auf meiner Isomatte verbracht.
Heute Vormittag war es so warm, dass ich mich sogar in den Schatten gesetzt hatte. Nachmittags zogen dann Wolken auf, die Sonne ist jetzt nur noch hin und wieder zu sehen. Auch der Wind frischte auf, wodurch es sich nun viel kuehler anfuehlt.
Mit Temperaturangaben kann ich leider nicht dienen. Ich werde oft danach gefragt, aber ich traue meinen eigenen Schaetzungen nicht so ganz ueber den Weg. Das Internet sollte verlaessliche Aussagen fuer Honningsvag bereit halten.

Im Besucherzentrum gibt es ein Kino, in dem stuendlich ein kurzer Film ueber die Gegend gezeigt wird. Er war kurzweilig und zeigte schoene Landschaftsaufnahmen. Man bekam auch einen Eindruck wie es hier im Winter aussieht.
Die Tierwelt kam auch nicht zu kurz, wobei sich im Film und auch in meiner Erfahrung die Vielfalt auf Voegel und Rentiere beschraenkt.
Die Rentiere sind auch hier auf der Zeltwiese ein staendiger Gast, halten sich aber meist mindestens 50 m von den Zelten entfernt.

Morgen werde ich nachmittags nach Honningsvag fahren, dort einkaufen und nach der Rueckreisewelle der Mitternachtstouristen den von Fahrradfahrern gefuerchteten Nordkap-Tunnel in Angriff nehmen. Er soll kalt, laut, viel befahren und insbesondere sehr steil sein. Aber vielleicht wird auch hier nicht so heiss gegessen wie gekocht, die Anfahrt des Nordkaps war schliesslich ebenfalls weit weniger unangenehm als ich das oft in entsprechenden Fahrrad-Foren gelesen hatte.

Bild aufgenommen am
31.07.2007, 09:26.
Unbezahlbar: aufwachen, Augen öffnen und dann DAS sehen.

Ausblick vom wilden Zeltplatz auf der Nordkap-Klippe.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 10:49.
Dieses mal durfte mein Fahrrad mit auf das Globus-Podest.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 11:06.
Auch hier gut zu erkennen: Der Besucherandrang am Nordkap-Globus hält sich tagsüber schwer in Grenzen. Und das trotz bestem Sommer-Wetter.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 15:32.
Das wilde Zeltlager direkt am Nordkap.
Einer der schönsten Zeltplätze die ich jemals hatte.
 

Nordkap - der Abschied

1. August 2007, 14:47

Gestern Abend zog gerade zum tiefsten Stand der Sonne eine winzige Wolke vor der Sonne vorbei, allerdings nur fuer eine Minute, sie war also nicht stoerend. Sie war eine Art Vorbote.
Schon seit Stunden wehte es so, dass die Grosszahl der Besucher nach dem Foto am Globus wieder hinter den Fenstern des Besucherzentrums Schutz suchten.
Durch den Wind war es eiskalt, dabei hatten wir morgens noch warmes Sommerwetter.

Als ich gegen ein Uhr ins Zelt ging, zogen bereits die ersten Wolken ueber die Wiese.
Auch jetzt liegt das Besucherzentrum inmitten der Wolken, das Meer ist nur selten zu sehen, hoeren kann man es allerdings sehr gut wenn der Wind fuer einen Moment nicht so stark blaest.
Der Regen, der in der zweiten Nachthaelfte vom Wind gegen mein Zelt geworfen wurde, hoerte gegen Mittag auf. Dementsprechend kroch ich auch erst spaet aus meinem Schlafsack und machte mich bei nach wie vor viel Wind aber keinem Regen an den Abbau.
Der Deutsche und das Schweizer Paerchen, mit denen ich gestern Nacht am Globus stand, alles Fahrradfahrer die in meiner direkten Nachbarschaft zelteten, hatten sich bereits auf den Weg gemacht.

Momentan waerme ich mich im Besucherzentrum nochmal auf, lade mein Handy und werde vermutlich in etwa einer Stunde mit dem Fahrrad nach Honningsvag aufbrechen.

Alle Besucher, die momentan mit den Bussen herangefahren werden, tun mir leid. Sie erleben nicht das, wofuer es sich lohnt hierher zu kommen. Das erinnert mich an meine Fahrt durch Schweden.
Hier hatte ich jedoch ein riesiges Glueck mit dem Wetter, dass mir zwei Naechte lang die Mitternachtssonne derart spektakulaer vergoennt war.

Bild aufgenommen am
31.07.2007, 22:56.
Der Nordkap-Globus in der gleißend gelben Mitternachtssonne.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 22:57.
Die Glasfront des Besucherzentrums spiegelt die orange scheinende Mitternachtssonne wieder.
 
Bild aufgenommen am
31.07.2007, 23:15.
Her ist zu erkennen, dass die Klippe im Vergleich zum kleinen Globus riesig ist.
 
Bild aufgenommen am
01.08.2007, 00:06.
Nochmal das reflektierende Besucherzentrum.

In dieser Nacht war es viel frischer. Am Himmel sind schon viele Wolken zu sehen.
 
Bild aufgenommen am
01.08.2007, 00:35.
Als ich mich in mein Zelt begeben habe, war der Himmel fast schon komplett bedeckt,
aber trotzdem noch ein imposantes Farbenspiel.
Auch der Wind hatte merkbar zugelegt.
 
Bild aufgenommen am
01.08.2007, 13:35.
Diese Wolken- und Nebel-Suppe erwartete mich am Tag darauf.
Nichts war mehr los mit "lieblich" und "einladend". Die Kulisse hatte sich über Nacht zum Gegenteil gewandelt.

Da es so windete, habe ich auch das Fahrrad abgespannt.
 
Bild aufgenommen am
01.08.2007, 15:31.
Nordkap-Globus im Nebel.

Ich bin wirklich ein Glückspilz. Zwei Tage und Nächte hatte ich besten Blick auf das Meer und die Mitternachtssonne, zum Abschied darf ich aber auch noch die Erfahrung machen, wie sich das Nordkap von der unschönen Seite zeigt.
Ich will gar nicht daran denken, dass ich es auch nur so hätte erleben können.
 

Zurueck auf dem Festland - 69 km - 4106 km

2. August 2007, 11:53

Als sich gestern Morgen die beiden Schweizer von mir verabschiedeten, oeffnete ich verschlafen mein Zelt, blickte in eine graue Nebelsuppe und sah zwei von Kopf bis Fuss eingepackte Personen dem Wind und Regen trotzen. Ich dachte nur: “Sind die hart im nehmen”. Nach der Verabschiedung kuschelte ich mich wieder in meinen Schlafsack.
Spaeter in Honningsvag gesellte ich mich erneut zu ihnen in den Warteraum der Hurtigruten und erfuhr, dass es ihnen beim Verlassen des Nordkaps genauso erging wie mir. Sie radelten los und nach wenigen Minuten hatten sie die Wolken, die das Nordkap umschlossen, verlassen. Das Wetter war zwar frisch und leicht windig, aber sonnig.

Ich stelle mir das Gefuehl bei der Anreise mit dem Bus vor. Die ganze Fahrt schoenes Wetter, auf dem letzten Kilometer verschwindet dann das Panorama. Welch Enttaeuschung.

In den Warteraum kam noch ein weiterer Fahrradfahrer aus “Heidenheim, bei Ulm”, mein Geburtsort und auch die Stadt, in der ich einen grossen Teil meiner Jugendzeit verbracht habe. So ein Zufall mal wieder.

Gegen 23:30 Uhr verabschiedete ich mich, schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr alleine los Richtung Tunnel. Ich hoffte, gegen Mitternacht, wenn also alle Busse am Nordkap stehen, moeglichst einsam durch den Tunnel schluepfen zu koennen. Der Plan ging auf.

Nur wenige Kilometer nach dem Tunnel baute ich gegen kurz vor zwei Uhr mein Zelt in der Kehre eines Fjords auf, dort liege ich nach einem ausgiebigen Schoenheitsschlaf noch immer.
Die naechtliche Schiffsfahrt, die lange erste Nacht am Nordkap, die stuermische zweite Nacht mit ebenfalls wenig Schlaf und die gestrige naechtliche Tunnelfahrt haben in Kombination mit der andauernden Helligkeit meinen ueblichen Tagesablauf komplett ueber den Haufen geworfen. Ab jetzt sollte es wieder etwas geregelter ablaufen.

Bild aufgenommen am
02.08.2007, 00:57.
Hier habe ich den Nordkap-Tunnel (der Link ist leider auf norwegisch, aber die Skizze ist trotzdem gut verständlich) bereits hinter mir gelassen. Ich bin somit wieder heil am Festland angekommen.

Die Durchfahrt war weit weniger unangenehm, als ich das durch die Beschreibung vieler anderer Reiseberichte erwartet hatte.
 

Der Nordkap-Tunnel

2. August 2007, 12:23

Kurz nach Honningsvag kam gleich ein erster 4,5 km langer Tunnel. Er ist gut beleuchtet und fuehrt die erste Haelfte mit 1-2 % nach oben, die zweite Helfte ueber verliert man die wenigen Hoehenmeter wieder. Es war frisch, aber durch den fehlenden Wind fuehlte es sich nicht unangenehm kalt an. Diesen Tunnel kann man gemuetlich mit dem Fahrrad durchfahren.

Wenige km danach ging es dann an der Mautstation fuer den Nordkap-Tunnel vorbei in die fuer Fahrräder netterweise kostenlose Roehre.

Ich bin von einigen Schreiberlingen, deren Reiseberichte ich ansonsten sehr schaetze, schwer enttaeuscht worden. Es wurde wohl mehr an das Heldenepos der eigenen Nordkap-Bezwingung gedacht als an eine realistische Beschreibung des Tunnels.
Mit ein wenig Planung laesst sich der Tunnel nachts durchfahren, mich ueberholten gestern auf den ganzen gut sechs Kilometern zwei Autos und ein Bus. Soviel zum “vielen Verkehr”.
Auch die Steigung, bzw. das Gefaelle, betraegt fast ueberall 7-8 %, was ein deutlicher Unterschied zu den meist genannten 10 % darstellt.
Die Roehre ist ausreichend beleuchtet und das Ventilatorengeraeusch ist laut, aber nicht ohrenbetaeubend. Zudem haengen diese Geraete zum Luftaustausch nicht die ganze Strecke ueber an der Decke, sondern nur alle paar hundert Meter.

Die unangenehmste Vorstellung war fuer mich die, dass ich bei der langsamen Auffahrt von einem ueberholenden Bus oder LKW nicht rechtzeitig gesehen werde. Aber warum schreibt niemand, dass es auf beiden Seiten einen Gehweg gibt, der zwar fuer die schnelle Abfahrt mit dem Fahrrad zu schmal, fuer das gemuetliche nach oben Kurbeln aber ausreichend breit ist? Man kann dort unabhaengig vom restlichen Verkehr ganz gemuetlich sein eigenes Tempo bis zum Tunnelende fahren.
Ich habe auch die Empfehlung gelesen, man sollte wegen des tropfenden Wassers die Regenjacke anlegen. Moeglicherweise ist dies von Tag zu Tag verschieden, aber auf meiner linken Fronttasche war nach der Durchfahrt ein einziger Tropfen zu sehen, auf der rechten gar keiner.

Meiner Ansicht nach ist vieles, was ich ueber diesen Tunnel gelesen habe, reine Panikmache und Selbstdarstellung. Die Realitaet sieht weit harmloser aus.

Repvag - 28 km - 4133 km

2. August 2007, 17:10

Bjoern, der Schwede den ich in Hesseng getroffen hatte, erklaerte mir, wie er sich nach wievielen Naechten ohne Dusche fuehle. Er beendete seine Aufzaehlung bei vier Naechten mit den Worten “i hate myself”.
Gestern war es meine fuenfte Nacht.
Das nur als Begruendung, warum ich heute den ersten Campingplatz anfuhr den ich sah und mein Fahrrad frühzeitig in den Feierabend schickte.

Es duerfte der kleinste Campingplatz sein, auf dem ich jemals war. Neben meinem Zelt steht noch das Zelt einer hollaendischen Familie und ein Wohnwagen. Weitere Gaeste haetten kaum mehr Platz, allerhoechstens noch ein kleines Zelt am Rand. Die Aussicht ist zwar nicht spektakulaer aber trotzdem schoen, man blickt auf einen kleinen Teil des Porsangenfjords.

Ich musste gestern etwas umpacken, weil mein Ruecklicht, das am Gepaecktraeger befestigt ist, von meiner Isomatten-Rolle verdeckt wurde. Bis gestern gab es keine Tunnel zu durchfahren, das wird die naechsten Wochen anders sein.
Ich habe das Licht jetzt vom Traeger abgeschraubt und mit Gewebeband, neben Kabelbindern mit das wichtigste Utensil bei einer Fahrradreise, am Schutzblech befestigt. Man kann es jetzt auch bei voller Beladung gut sehen, mal abwarten ob es haelt.

Hammerfest - 148 km - 4281 km

4. August 2007, 01:31

Der Tag begann mit Regen nicht gerade gut. Bis elf Uhr blieb ich in meinem Zelt liegen, dann hoerte der Regen auf und ich packte zusammen. Erst ging es mit reichlich Gegenwind auf der E69 Richtung Sueden bis ich auf die Strasse kam, die mich fuer die folgenden Wochen begleiten wird: die E6.
Ich wollte der Stadt Hammerfest noch einen Besuch abstatten, so war es auf der E6 nur ein kurzes Zwischenspiel, auch wenn ich auf diesen 25 km heute die meisten Hoehenmeter bewaeltigen musste.
Nach Skaidi fuhr ich etwa 60 km nach NW an verschiedenen Fjorden entlang. Die Kuestenstrasse hatte nur einige nicht nennenswerte Erhebungen, bot aber ueber fast die ganze Distanz einen schoenen Ausblick aufs Wasser. Da das Wetter im Laufe des Nachmittags auf Sonne umgestellt und der Wind stark nachgelassen hatte, war es ein richtiger Genuss, am Wasser entlang zu strampeln. Angesichts der fast ausgestorbenen Strassen würde ich das als eine geradezu ideale Strecke für Fahrräder bezeichnen.
Kurz vor 22 Uhr kaufte ich am Ortseingang von Hammerfest im Supermarkt ein.
Wenn ich noch laengere Distanzen zu bewaeltigen habe, sind mir Getraenkedosen zu schwer zum Befoerdern, da ich mein Tagesziel aber praktisch schon erreicht hatte, wanderte auch eine Dose Guinness in den Einkaufskorb. Ich wunderte mich zwar noch, dass der komplette Bier-Bereich mit einem Vorhang, auf dem Werbung fuer alkoholfreies Bier stand, verhuellt war, liess mich davon aber nicht abhalten, eine Dose aus dem Regal zu nehmen.
An der Kasse beaeugte die Kassiererin die Dose und warf mir einen mahnenden Blick zu, als haette sie mich beim Klauen ertappt. Es folgte ein Redeschwall auf norwegisch, bei dem sie auch den Kassierer an der naechsten Kasse mit einbezog. Ich hatte keinen blassen Schimmer was sie wollte. Glaubt sie mir nicht, dass ich 18 bin?
Als ich mich als Auslaender zu erkennen gab, erklaerte sie mir auf englisch, dass sie nach 20 Uhr kein Bier mehr verkaufen duerfe. Deshalb wird das Regal einfach mit dem Vorhang verhuellt.
Wieder etwas gelernt. Obwohl ich sagen muss, dass ich diese Regelung schon etwas laecherlich finde.

Ich zog weiter bis in die Stadtmitte und nahm dort mein soeben gekauftes Abendessen zu mir.

Die ganzen “groesseren” Staedte der letzten Tage (Mehamn, Honningsvag, Hammerfest) sind sich sehr aehnlich. Hammerfest hebt sich nur dadurch ab, dass es groesser als die anderen Aufgezaehlten ist, und dass sich in der Naehe viele oelverarbeitende Anlagen befinden. Das Stadtbild wird regelrecht von Tuermen und Tanks dominiert.

5 km suedlich von Hammerfest habe ich nun mein Zelt auf einer grossen Klippe aufgeschlagen.

Bild aufgenommen am
03.08.2007, 12:18.
Das Bild erinnert mich eher an das Mittelmeer, als an einen Stand am Europäischen Nordmeer.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 12:18.
Auch hier: Mittelmeer-Gefühl im hohen Norwegen.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 13:29.
Der schaut mir etwas kritisch entgegen.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 20:37.
Der Weg nach Hammerfest war einer der landschaftlich reizvollsten der ganzen Reise. Die tief stehende Sonne über dem Fjord tat ihr Übriges.

Diesen Umweg kann ich nur jedem Nachahmer empfehlen.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 20:46.
Ausblick über die Stadt bei der abendlichen Ankunft in Hammerfest.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 23:09.
Fast die ganze Strecke nach Hammerfest fährt man so nahe am Fjord.
 
Bild aufgenommen am
03.08.2007, 23:09.
Auf der Suche nach einem Platz zum wilden Camping begleitet mich eine blutrote Wolkendecke.
 
Bild aufgenommen am
04.08.2007, 10:26.
Zeltplatz auf einer Klippe:

Nach etwas Suche habe ich eine passende Stelle zum Übernachten gefunden. Ein weiteres mal mit einem super Ausblick aus dem Zelt.
 

Alta - 139 km - 4420 km

4. August 2007, 23:26

Bei viel Sonnenschein konnte ich vormittags die Fahrt zurueck zur E6 am Wasser entlang richtig geniessen. Ich hatte leichten Gegenwind mit etwa zwei Windstaerken.

Spaeter, nach etwa 50 gestrampelten km, musste ich auf etwa 400 hm hinauf, um auf einer Art Hochebene (wobei der Begriff “Ebene” hier eine arglistige Taeuschung darstellt) rund 40 km zurueckzulegen. Mit jedem gewonnenen hm wurde der Gegenwind staerker, in Spitzen waren es bestimmt sechs Beaufort.
Die Kilometer bis zur Abfahrt waren hart erkaempft. Mal kam der Wind direkt von vorne und ich kam kaum vom Fleck, dann wehte er mal wieder von der Seite und mich in Schlangenlinien ueber die Fahrbahn und fast vom Fahrrad.
Erst mit der Abfahrt zurueck auf Meereshoehe nahm der Wind wieder ab.

Immerhin habe ich das Etappenziel wie vorgenommen erreicht, mein Fahrrad und mein Zelt stehen in einem Waeldchen nahe dem Wasser zwischen zwei Wohngebieten in Alta.

So schwer wie heute Abend waren meine Beine waehrend der Tour selten. Ich glaube, heute Nacht werde ich sehr gut schlafen.

Bild aufgenommen am
04.08.2007, 17:12.
Rastplatz direkt am Fluss.
 
Bild aufgenommen am
04.08.2007, 18:40.
Die berühmte E6.

Der Wind wehte hier oben ganz ordentlich und über viele Kilometer gab es am Straßenrand nichts, was Windschatten spenden würde.
 
Bild aufgenommen am
04.08.2007, 21:16.
Als ich mich Alta näherte, gab es wieder ein tolles Sonnenuntergangs-Schauspiel über dem Fjord.
 
Bild aufgenommen am
04.08.2007, 22:22.
Es mag kitschig klingen, aber die Sonnenuntergänge hier oben sind für mich wirklich bewegende Naturschauspiele.
 

Ruhetag in Alta - 25 km - 4445 km

5. August 2007, 19:43

Urspruenglich wollte ich “Regentag” schreiben, aber nachmittags war es wieder fuer viele Stunden sonnig. Der Regen, der bis in den fruehen Nachmittag hinein anhielt, war dennoch der Grund, weswegen ich mein Fahrrad nur ein paar Kilometer aus Alta hinaus zum naechsten Campingplatz bewegt habe.

Als das Zelt stand, nutzte ich das inzwischen schoene Wetter fuer einen kleinen Bummel durch Alta. Ich konnte nichts finden, was man als Zentrum bezeichnen koennte. Die Stadt scheint nicht um einen Stadtkern herum, sondern an der E6 entlang gebaut worden zu sein.

Nachdem ich die Campingplatzkueche ausgiebig genutzt habe, um nach laengerer Zeit wieder etwas Warmes zu mir zu nehmen, wechselte ich noch einen verschlissenen Reifen gegen einen der beiden in Kirkenes gekauften aus. Hoffentlich erweisen sich diese nicht auch als so kurzlebig wie der Ausgetauschte.

Die Entscheidung, das gute Wetter zu nutzen um Waesche zu waschen, war scheinbar nicht die kluegste. Die ersten Tropfen treffen schon wieder auf die Zeltwand.
Eine konstante Wetterlage scheint es hier selten zu geben. Sonne und Regen gehen nahtlos ineinander ueber.

Ich weiss nicht, ob es mit der suedlicheren Lage zu tun hat, aber noerdlich von Ifjord hatte ich keine Probleme mit Muecken. Seit gestern Abend schwirrt wieder einiges Getier zwischen Innen- und Aussenzelt umher. Gluecklicherweise halten sich die Stueckzahlen der Plagegeister in Grenzen.

Bild aufgenommen am
05.08.2007, 18:06.
Auf dem Campingplatz in Alta habe ich den Mantel gewechselt.
 

Am Altafjorden - 83 km - 4528 km

6. August 2007, 21:08

Vormittags ging ich erst einkaufen und besuchte dann die Bibliothek in Alta, um ein paar Bilder Richtung Heimat zu schicken. Leider war die Internetnutzung sowohl zeitlich wie auch technisch stark eingeschraenkt, ich hoffe ein paar Bilder sind inzwischen aber trotzdem auf dieser Website angekommen.

Anschliessend ging es wieder entlang der E6 weiter Richtung Tromso mit den Lofoten als naechstes groesseres Ziel.
Alta klebte dabei wie eine Klette waehrend der Fahrt an mir. Durch das Gewirr von Bergen und Fjorden faehrt man Schlangenlinien und kommt nicht vom Fleck. Bei einem Tachostand von 65 km war die Stadt noch immer auf der gegenueberliegenden Seite des Altafjorden zu sehen.

Auf der heutigen Strecke waren einige Bauarbeiten im Gange, der Strassenzustand war entsprechend schlecht. Der Verkehr auf der E6 haelt sich aber noch immer in Grenzen. Auf der E8 in Finnland war meist mehr los als hier.

Vom Wetter kann ich heute nur Gutes berichten. Manchmal spenden ein paar Wolken Schatten, meist ist es aber angenehm sonnig und die Temperaturen sind ideal zum Fahrradfahren.

Nahe der E6, aber etwa 30 hm darueber, habe ich eine kleine Kiesflaeche als Schlafplatz ausgewaehlt. Da direkt daneben ein Bach in die Tiefe braust, gab es heute noch eine sehr erfrischende aber auch eisig kalte Naturdusche.

Bild aufgenommen am
06.08.2007, 16:33.
Dunkle Wolken über dem Fjord.
 
Bild aufgenommen am
06.08.2007, 18:15.
Zeltplatz am Fjord.
Die Straße führt ein paar Meter tiefer vorbei.

Hier habe ich mein Zelt für die Nacht aufgeschlagen.
 
Bild aufgenommen am
07.08.2007, 10:41.
Der Zeltplatz am Fjord nochmal aus der Vogelperspektive.
 
Bild aufgenommen am
07.08.2007, 11:55.
In diesem Wasserfall habe ich gestern "geduscht".
 

Nahe Storslett - 119 km - 4647 km

7. August 2007, 23:40

Die esten 40 km verliefen ohne nennenswerte Steigungen entlang der Kueste. Das Wetter war nahezu perfekt, weder zu heiss für das Fahrrad noch regnerisch.
Anstrengend wurde es erst nach Burfjord. Unmittelbar nach dem Oertchen begann die erste Steigung des heutigen Tages. Etwa zwei km lang, angenehmerweise mit etwa 5-6 % nicht zu steil. Nach der Abfahrt gab es noch ein paar Kilometer um die Muskulatur wieder auf Temperatur zu bringen, bevor es das zweite Mal Hoehenmeter zu bewaeltigen galt. Diesmal ging es aber “hoeher hinaus” und der Anstieg verlief etwas steiler.

Anschliessend fuehrte der Weg wieder am Fjord entlang, meist eben und nur wenige Meter ueber dem Meeresspiegel.

Die Landschaft wird von Tag zu Tag gruener. Zwar gab es auch am Nordkap Gras, inzwischen wachsen aber wieder Baeume, die mehrere Meter hoch sind und nicht mehr diesen bizarren Wuchs aufweisen, den ich im Norden beobachten konnte.
Langsam wird es auch wieder etwas duster. Von Dunkelheit kann aber nicht die Rede sein. In meinem Zelt kann ich die ganze Nacht durch ohne Taschenlampe lesen.

Ich spielte heute mit dem Gedanken, Storslett hinter mir zu lassen, eine Stelle am Fjord war dann aber zu verlockend, so beendete ich dort die Fahrrad-Etappe.
Das erfrischende Gefuehl der Wasserfall-Dusche von gestern musste ich auch heute nicht missen. Einen kleinen Bach zu finden ist hier praktischerweise sehr einfach. Es gibt alle paar hundert Meter einen, der sich seinen Weg von den Bergen in den naechsten Fjord sucht.
Diese Baeche sind uebrigens oft auch meine Trinkwasserversorgung. Das Wasser im Supermarkt kostet ein Vielfaches von dem in Deutschland zu bezahlenden Preis (1,5 l kosten mind. 1 Euro), dabei kann man hier an jeder Ecke trinkbares Wasser finden. Wie paradox.

Bild aufgenommen am
07.08.2007, 16:57.
Bestes Wetter zum Fahrrad fahren.
 
Bild aufgenommen am
07.08.2007, 17:38.
Blick auf den Fjord.
 
Bild aufgenommen am
07.08.2007, 18:34.
Sonnenstrahlen über dem Fjord.
 
Bild aufgenommen am
08.08.2007, 11:23.
So nahe am Fjord habe ich bisher noch nie gezeltet.
 

Tromso - 139 km - 4786 km

9. August 2007, 13:18

Bei der Ankunft in Tromso war es relativ spaet und die Hoffnung, heute eine richtige Tastatur unter die Finger zu bekommen, hielt mich gestern davon ab etwas zu schreiben. Leider verweigert die Bibliothek meinem USB-Stick den Dienst, mit Bildern wird es also nichts.

Gestern erreichte ich kurz nach der Abfahrt die Stadt Storslett. Am ersten Supermarkt hielt ich an und sah zwei Gruppen Radreisende: zwei Frauen und zwei Maenner, die getrennt voneinander auf dem Weg nach Sueden waren. Ich ging erst einkaufen und gruesste somit nur im Vorbeifahren. Als ich aus dem Supermarkt kam, fuhren die Maenner gerade los. Bei der Unterhaltung mit den beiden noch rastenden Frauen sagte die eine ueberrascht “you are the guy that goes to spain?”. Die beiden soeben abgefahrenen Maenner hatten ihnen erzaehlt, dass ein Radler in der Gegend gerade auf dem Weg vom Nordkap nach Tarifa ist. Ich hatte die beiden Maenner aber noch nie zuvor gesehen.
Scheinbar eilt mir mein Ruf voraus :-)

Die Fahrt nach Tromso war durch die beiden Faehrfahrten abwechslungsreich, die Aussicht bei dem herrlichen Wetter regelrecht genial. Ueberall sieht man Bergspitzen, die noch tief in Schnee gehuellt sind.
Das Tal zwischen Breivikeidet und Fagernes war etwas mueckenverseucht. Waehrend der Fahrt waren schon viele zu sehen, sobald das Fahrrad stand wurde es unangenehm. So fuhr ich weiter nach Tromso, was ich aber eh geplant hatte. Die Anfahrt der Stadt bei tief stehender Abendsonne war mal wieder ein Traum, wenn auch durch die Topographie ziemlich anstrengend.

Der Campingplatz, besonders der Zeltplatz, war lustig angeordnet. Man sah drei Zelte, ansonsten gab es nur Baeume. Wie in einem gut versteckten Militaercamp musste man sich auf kleinen Pfaden von einer winzigen Lichtung zur naechsten schlagen, um die Groesse des Platzes zu erahnen. Es war der Campingplatz mit den meisten Zelten auf der bisherigen Reise, man sah aber immer hoechstens fuenf Stueck gleichzeitig.
Im Waschhaus traf ich einen Oesterreicher. Zufellig startete er heute Morgen genau mit mir, was ich aber nicht bemerkte. Er ueberholte mich und wartete 50 m weiter. Als ich an ihm vorbeifuhr hoerte ich einen Schrei: “Augsburg, halt”. Er sprang aus seinem Wohnmobil, drueckte mir eine 300g-Tafel Milka in die Hand und meinte, ich koenne die Kraft mehr gebrauchen als er. Wir unterhielten uns noch kurz und gingen dann getrennt unsere Wege.

Im Internet habe ich gerade ein Faehre entdeckt, die mich von der Insel Kvaloy auf die Insel Senja bringt. Das spart mir etliche Kilometer, weshalb ich es heute nicht eilig habe, Tromso zu verlassen.
Tromso ist uebrigens die zweitgroesste Stadt Europas - allerdings nur was die Flaeche betrifft, Einwohner hat sie gerade mal 65.000.

Bild aufgenommen am
08.08.2007, 14:07.
Schneebedeckte Gipfel entlang meines Fahrradwegs und dazu nicht eine einzige Wolke.
 
Bild aufgenommen am
08.08.2007, 14:07.
Steile Küste am Fjord.
 
Bild aufgenommen am
08.08.2007, 21:10.
Schon wieder so ein genialer Sonnenuntergang über dem Wasser.
 
Bild aufgenommen am
08.08.2007, 21:39.
Blick auf die Stadt Tromso.
 
Bild aufgenommen am
08.08.2007, 21:39.
Die Brücke nach Tromso ist imposant, bei der Überquerung per Fahrrad aber auch anstrengend.
 
Bild aufgenommen am
09.08.2007, 10:31.
Tromso: schön gelegen und hier noch bei bestem Wetter.
 
Bild aufgenommen am
09.08.2007, 10:58.
Tromso, dieses mal von der anderen Fjordseite fotografiert.

Im Hintergrund ist die Eismeerkathedrale zu sehen.
 

Eidkjosen - 30 km - 4815 km

9. August 2007, 21:10

In der Bibliothek schmunzelte ich noch ueber die Wettervorhersage von wetter.de. Die Wetterfroesche sollten aber leider Recht behalten. Kaum war ich aus dem Gebaeude, zogen Wolken auf und es fielen erste Tropfen. Fuer etwa 3,5 Stunden regnete es so stark, dass ich mein Fahrrad abstellte, mich in die Vorhalle eines Einkaufszentrums nahe des Flughafens setzte und auf besseres Wetter wartete.
Erst gegen Abend wurde der Regen weniger, also fuhr ich lediglich ein paar Kilometer bis zu einem geeigneten Zeltplatz, den ich kurz nach Eidkjosen direkt am Wasser fand.

Durch die nicht unbedingt hohen Berge um mich herum ziehen Wolken, die die Sicht auf die Gipfel verdecken. Hinzu kommt noch das Geraeusch von Wind und Regen, schon wirkt die Kulisse richtig bedrohlich. Ein riesiger Kontrast zu gestern.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass die Prognose fuer morgen auch zutrifft. Demnach soll es naemlich nur leicht bewoelkt werden und das Regenrisiko war auch als verschwindend gering angegeben.

Bild aufgenommen am
09.08.2007, 14:03.
Fußgängerzone in Tromso.

Nach dem Besuch in der Bibliothek habe ich mein Mittagessen auf einer Parkbank in der Fußgängerzone zu mir genommen.
Langsam zieht der Himmel leider zu. Das schöne Sommerwetter der letzten Tage scheint sich zu verabschieden.
 
Bild aufgenommen am
10.08.2007, 11:54.
Wilder Zeltplatz am Fjord.

Auf den ersten Blick sieht der Platz ganz idyllisch aus, aber der Boden war ziemlich matschig und die Straße nur 5 m entfernt.
 

Senjahopen - 77 km - 4892 km

10. August 2007, 21:50

Nein, der schoenste Fahrrad-Tag war heute wirklich nicht.
Der Regen dauerte die ganza Nacht an und erst ab 14 Uhr war es ueberwiegend trocken.
Ich hatte mich aber schon um 12 entschieden mein Zelt zu packen und fuhr deshalb die ersten Kilometer im Nassen.
In Brensholmen musste ich dann im kalten Wind noch eine knappe Stunde auf die Faehre warten und erreichte somit erst gegen 18 Uhr die Insel Senja.

Urspruenglich hatte ich geplant noch bis Gryllefjord zu radeln, von dort startet die Faehre nach Andenes. Es war aber schon spaet, der Wind wehte immer noch von vorne und der wieder einsetzende Regen staerkte mein Verlangen nach weiteren Kilometern auch nicht gerade.

Nach relativ langer Suche fand ich dann in Senjahopen einen Platz zum Uebernachten. Er ist zwar ziemlich matschig und nahe der Strasse, dafuer aber sehr eben.

Zwischenzeitlich konnte ich den vielen tief in den Bergen haengenden Wolken sogar etwas Schoenes abgewinnen, nur mit dem Regen kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden.

Bild aufgenommen am
10.08.2007, 18:57.
Wolkenverhangene Klippen.

Zum Ansehen ganz schön, nur leider meist auch mit Regen verbunden.
 
Bild aufgenommen am
10.08.2007, 19:26.
Senjahopen auf der Insel Senja.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 10:00.
Wilder Campingplatz mit Blick auf Senjahopen.
 

Andenes - 71 km - 4963 km

12. August 2007, 11:55

Gestern Morgen ging ich gegen fuenf Uhr kurz aus dem Zelt und stellte fest, dass das Wetter noch unveraendert schlecht war. Um acht Uhr wurde ich von der Sonne geweckt, da sie mein Zelt zur Sauna machte. Beim Blick aus dem Fenster traute ich meinen Augen kaum: Es war nicht eine Wolke am Himmel.
Innerhalb von drei Stunden hatte sich das Wetter komplett geaendert.
Gluecklicherweise war es tagsueber die einzige Wetteraenderung, es blieb sommerlich warm.

Am Tag zuvor tat ich mich ja etwas schwer mit der Suche eines Schlafplatzes. Nach Senjahopen kommt ein 2,5 km langer Tunnel, den ich nicht mehr durchfahren wollte. Ich haette es aber machen sollen, unmittelbar danach haette es wunderbare Plaetze an einem Sandstrand, der es mit der Karibik aufnehmen koennte, gegeben.

In Gryllefjord angekommen musste ich noch drei Stunden auf die Faehre nach Andenes warten, was ich aber schon vorher wusste. Im Gegensatz zu vorgestern musste ich mich aber nicht vor dem kalten Wind verstecken, ich packte neine Isomatte aus und machte ein Nickerchen in der Sonne.

Da die Faehre anschliessend quer zu den Wellen lief, rollte das Schiff staendig von einer Seite zur anderen. Manchen Passagieren machte das sichtlich wenig Spass. Gut, dass ich mein Fahrrad fest verzurrt hatte. Ich machte mir nur sorgen, ob die Motorraeder neben meinem Fahrrad auch so sicher stehen wuerden. Zum Glueck taten sie es.

Bei der Ankunft in Andenes gegen 20:30 Uhr war es auf 11 Grad abgekuehlt. Am Horizont waren vermehrt Wolken zu sehen, in der Nacht regnete es ab und an. Auch tagsueber ist es heute nicht sehr bestaendig.

Der Campingplatz in Andenes, auf den ich gestern noch gefahren bin, gefaellt mir recht gut. Er bietet einen Ausblick auf einen grossen Sandstrand, davor ragen noch einige Felsen aus dem Wasser und der freie Blick nach Norden sorgte auch gestern wieder fuer einen Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch. Die Vesteralen haben mich also aeusserst malerisch empfangen.

Bild aufgenommen am
11.08.2007, 11:02.
Gut ausgeleuchteter Tunnel auf Senja.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 12:28.
Senja zählt landschaftlich zu dem Schönsten, was ich während der Reise zu sehen bekam.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 14:08.
Blick von der Insel Senjna hinaus auf das Meer.

In ein paar Stunden werde ich mit der Fähre auf die Vesteralen übersetzen.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 14:12.
Küstenstraße auf Senja.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 15:02.
Flache Tiefebene fast auf Meereshöhe, direkt daneben eine schier senkrechte Bergwand.

Das verspricht anstrengende Etappen.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 21:50.
Andenes auf den Vesteralen.

Nach der Fährfahrt habe ich den nächsten Campingplatz angesteuert.
Im Grunde liegt der Campingplatz unspektakulär auf einer Wiese. Abends zaubert der Sonnenuntergang aber eine tolle Atmosphäre.
 
Bild aufgenommen am
11.08.2007, 21:50.
Dort entlang wird mich mein Weg morgen führen.
 

Sortland - 116 km - 5079 km

12. August 2007, 22:32

Abgesehen von ein paar kleinen Erhebungen auf den letzen 20 km koennte man den heutigen Tag als die erste Flachetappe in Norwegen bezeichnen.
Ich hatte mich gegen die Landstrasse 82 und fuer die Variante entlang der Westseite der Insel entschieden, dort verlief die Strasse fast ununterbrochen knapp ueber dem Meeresspiegel.
Auch nach Risoyhamn, wo sich beide Strassen vereinen, blieb es eine schoene, meist ebene Strecke unmittelbar entlang der Fjorde.

Meine Taktik, nur in den Regenpausen zu fahren, liess mich heute allerdings nur langsam vorankommen, da kam das flache Terrain gerade gelegen. Inzwischen hat es seit einigen Stunden nicht mehr geregnet, der Himmel sieht mir aber nicht sonderlich vertrauenswuerdig aus.

Langsam wird es nachts wieder etwas dunkler. Im Zelt taete ich mich schwer, ab etwa 23 Uhr ein Buch zu lesen, im Freien waere es noch moeglich. Vielleicht ist das aber auch auf die vielen dichten Wolken waehrend der letzten Naechte zurueckzufuehren.

Auch die Tierwelt wird wieder vertrauter. Seit Tromso habe ich keine Rentiere mehr gesehen, statt dessen gibt es wieder Schafe, Kuehe und selten auch mal Pferde am Strassenrand.

Hier auf den Vesteralen gibt es auf den Strassen meinem Gefuehl nach noch mehr Touristen als auf der E6 auf dem Festland. Italiener, Deutsche, Spanier und natuerlich auch die Skandinavier selbst dominieren mit Wohnmobilen und Wohnwaegen das Strassenbild.
Heute kamen mir mehrere Fahrzeuge entgegen, die ich bereits weiter im Norden auf Campingplaetzen gesehen habe und die mir aus unterschiedlichen Gruenden aufgefallen sind (ein Wohnmobil aus Finnland beispielsweise zog einen Anhaenger mit aufgebauter Sauna hinter sich her). So wie mir manche der Insassen winkten, wurde auch ich wiedererkannt. Es wundert mich nicht direkt, sind hier doch weit weniger Fahrradfahrer unterwegs als ich angenommen habe.

Bild aufgenommen am
12.08.2007, 17:16.
Strandland.

Wenn das nicht mal ein Versprechen ist, dass ich gerne annehme :-)
 
Bild aufgenommen am
12.08.2007, 21:01.
Zeltplatz mit Blick auf Sortland.

Wenige hunder Meter rechts meines Zeltplatzes liegt die Brücke, die über den Fjord nach Sortland führt.
 

Kurz vor Svolvaer - 74 km - 5154 km

13. August 2007, 20:53

Nach einem kurzen Einkauf in Sortland besuchte ich noch die Bibliothek, um wieder ein paar Bilder in die Heimat zu senden. Sie sollten inzwischen auf der Seite angekommen sein [Anmerkung: Die neuen Bilder sind ab der Eintragung vom 29.07. eingefügt]. Ich haette gerne eine groessere Anzahl geschickt, aber die zeitliche Beschraenkung der Internetnutzung verhinderte dies leider.

Anschliessend fuhr ich auf der E10 bis Melbu, wo ich auf die Faehre nach Fiskebol warten musste.
Auch heute gab es keine groesseren Steigungen zu bewaeltigen. In Kombination mit dem sonnigen Wetter war es eine einfache und landschaftlich reizvolle Etappe.

Der Tag haette so entspannt sein koennen, doch leider habe ich beim Aufbau meines Zelts (ein Pathfinder der Marke Wechsel) feststellen muessen, dass eine der drei Stangen auf mehrere Zentimeter Laenge aufgeschlitzt ist.
Heute Mittag lobte ich meine Behausung noch waehrend des Telefonats mit meiner Freundin.

Da kaufe ich mir extra ein Zelt, das zwar wegen der fehlenden Groesse wenig Komfort bietet, aber auf mich besonders solide wirkte, und dann haelt es nicht mal ein Drittel der Reise durch.
Welch Enttaeuschung!
Die Stange habe ich vorlaeufig mit einer Reparaturhuelse geflickt.
Immerhin habe ich die Moeglichkeit, mir von meiner Freundin in vier Wochen eine Ersatzstange mit nach Bremerhaven bringen zu lassen. Ein recht kleiner Trost, insbesondere wenn ich daran denke, dass die Stange beim Bruch die Aussenhaut durchstechen wird.
Mein einziger Trost: mein Fahrrad funktioniert bisher tadellos.
Eine nennenswerte Bewaehrungsprobe hatte das Zelt nicht zu bestehen. Am Nordkap windete es die zweite Nacht zwar ordentlich, aber es hatte keine Windstaerken, die einem Zelt (nicht mal einem vom Discounter) gefaehrlich werden duerfen.
Jetzt bleibt mir nichts als zu warten, ob die Firma Wechsel die Kohlen mit einer kulanten Loesung aus dem Feuer holt, oder ob ich fuer eine neue Stange nicht nur den unvermeidbaren Aufwand in Kauf nehmen muss, sonder auch noch Geld auf den Tisch legen darf.

Bild aufgenommen am
13.08.2007, 13:21.
Brücke auf den Vesteralen.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 13:26.
Die selbe Brücke, nur dieses mal nach dem Anstieg.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 18:54.
Toller Ausblick vom meinem wilden Zeltplatz aus.

Die Lofoten haben mich mit spitzen Wetter und einem herrlichen Zeltplatz empfangen.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 19:01.
Ebenfalls der Ausblick von meinem wilden Zeltplatz aus.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 20:42.
Diese Holzplanken führten zu einer Aussichtsplattform.
Von dieser Plattform trug ich mein Fahrrad noch ein paar Meter weiter, schon war ich an meinem Zeltplatz für die Nacht angelangt.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 20:49.
Mein Zeltplatz mitten in dieser spektakulären Vesteralen-Landschaft.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 11:47.
Das Ärgernis des heutigen Tages: eine angebrochene Zeltstange.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 21:11.
Blick auf den Fjord beim Abendessen.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 21:12.
Abendstimmung auf den Vesteralen.
 
Bild aufgenommen am
13.08.2007, 21:12.
Schon am Abend zogen die ersten Nebelschwaden auf.
 

A - 160 km - 5314 km

14. August 2007, 23:32

Bevor Beschwerden kommen: Der Ort heisst wirklich so, es fehlt nur noch ein Kreischen ueber dem einen Buchstaben, aber mit Umlauten hat es meine verwendete Software ja nicht so :-)

Gestern ist mir die Zeltstange angebrochen. Ich muss wohl nicht extra erwaehnen, dass es in der Nacht auf heute stark windig wurde - wie koennte es auch anders sein. Um etwa vier Uhr bin ich durch Wind und Regen aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Gegen sieben Uhr ueberzeugten mich dann ein paar kraeftige Boeen, dass ich das Zelt besser selbst abbaue, bevor mir der Wind diese Arbeit abnimmt.

Im Regen und gegen den Wind fuhr ich die restliche Strecke nach Svolvaer und wartete dort, bis die ersten Geschaefte oeffneten.

Auf den ziemlich unangenehmen Etappenstart folgte zum Ausgleich ein ausgiebiges Fruehstueck.

Kurz nach Svolvaer wurde das Wetter besser. Der Wind wurde weniger, auch wenn er mich noch weit in den Nachmittag hinein bremste, aber hauptsache, die trockenen Phasen wurden laenger. Gegen Abend kam dann sogar noch die Sonne zum Vorschein. Je weiter ich nach Sueden fuhr, desto besser wurde es.

Die Lofoten haben eine schoene Landschaft zu bieten, wobei mir der noerdliche Teil nicht so gut gefiel. Er bot wenig Besonderes und war sehr touristisch dominiert. Da waren das Festland und die Inseln nach Tromso schoener.
Erst bei Ramberg begann heute der reizvolle Teil, der es dann aber wirklich in sich hatte. Sowohl optisch wie auch topographisch.
Ich glaube nicht, dass ich heute auch nur einmal auf mehr als hundert Hoehenmeter war, aber die Kuestenstrasse zu fahren ist etwa so wie in einer Schiffschaukel zu sitzen. Es geht staendig auf und ab.
Der Ausblick auf hohe Berge, Fjorde, Sandstraende, malerische Fischerdoerfchen und natuerlich auf das offene Meer ist aber Entschaedigung genug fuer all die Muehe.

Heute habe ich mich mit dem Zelt in dem tiefsten Loch, dass ich auf dem Platz finden konnte, versteckt. Da muss der Wind schon von oben kommen um mich zu stoeren.
Die Zeltstange wird uebrigens von Wechsel ohne jegliche Debatte ersetzt. Jetzt muss die reparierte alte Stange “nur” noch vier Wochen durchhalten.

Bild aufgenommen am
13.08.2007, 19:01.
Nochmal das Bild von gestern Abend.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 07:21.
Und hier das gleiche Motiv, nur heute morgen.
Den Wind kann man auf dem Bild leider nicht erkennen, aber glaubt mir: es war ordentlich etwas los.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 09:43.
Nach dem frühen Aufbruch und der Fahrt nach Svolvaer, wo ich erst einmal ausgiebig eingekauft hatte, setzte ich mich unter ein Dach an der Touristeninformation und frühstückte.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 11:37.
Fjord und Berge auf den Lofoten, in dichte Wolken gehüllt.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 12:07.
Ein technisches Ärgernis: Die Gummi-Ringe des Dynamos hielten jeweils keine 100 km. Zum Glück hatte ich genügend davon dabei und zudem brauchte ich ihn eher selten.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 14:48.
Straße auf den Lofoten.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 16:56.
Die Lofoten empfand ich erst ab Vareid als richtig reizvoll.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 18:08.
Sandstrand bei Ramberg auf den Lofoten.

Zum Baden war das Wetter aber leider nicht passend.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 18:22.
Nochmal der Sandstrand bei Ramberg auf den Lofoten.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 18:37.
Brücke im Süden der Lofoten.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 19:33.
Herrliche Küstenstraße.

Auf den Lofoten galt:
je später am Abend, desto schöner die Strecke.
Die letzte Stunde war das Highlight der Etappe. Dazu trug aber auch der Sonnenuntergang bei.
 
Bild aufgenommen am
14.08.2007, 20:32.
Im Süden der Lofoten: A.

Der Ortsname ist gut zu merken.
 
Bild aufgenommen am
15.08.2007, 10:17.
Auf dem Campingplatz in A auf den Lofoten.

Da ich nicht noch eine Nacht um meine angebrochene Zeltstange bangen wollte, habe ich mir einen möglichst windgeschützen Zeltplatz ausgesucht.
 

Hunstad - 30 km - 5344 km

16. August 2007, 12:03

Gestern hat mich die Faehre von Moskenes aus wieder zurueck auf das Festland gebracht. Die Ueberfahrt dauerte etwas mehr als drei Stunden. An meinem Tisch hatte ich mit zwei Spanierinnen in meinem Alter und einem Norweger, der auf den Lofoten gerade ein Auto gekauft hatte, eine nette Unterhaltung, die Zeit auf dem Schiff verging somit recht schnell.

In Bodo angekommen fuhr ich durch Stadt und bemerkte, dass meine hintere Felge in unregelmaessigen Abstaenden an der Befestigung der Bremskloetze streifte. Die Speichen waren aber nicht locker oder verzogen. Ich hatte also keinen typischen Achter, den man durch Nachspannen der Speichen beheben koennte.
Obwohl die Nabe fest an den Ausfallenden verschraubt war, wackelte sie.

Ich suchte eine ruhige Ecke und fand sie in einem kleinen Park nahe des Zentrums. Dort nahm ich das Hinterrad heraus und konnte keinen Fehler entdecken, also baute ich alles wieder zusammen und bemerkte dann, dass das Spiel der Nabe nur bei bestimmten Stellungen der Laufrads vorhanden war.

Ich sah ein, dass mein Latein hier am Ende war, also suchte ich einen zentrumsnahen Platz zum Uebernachten, um am naechsten Morgen gleich in ein Fahrradgeschaeft gehen zu koennen. Ich entschied mich fuer den Warteraum der Hurtigroute.

Dort traf ich ein Paar aus Deutschland, das gerade auf die Faehre nach Moskenes wartete. Der Mann war ebenfalls begeisterter Radler und so zueckte er sein Werkzeug und wir versuchten gemeinsam unser Glueck. Wir konnten zwar an der Nabe etwas herumschrauben und das Spiel beseitigen, daraufhin lief sie aber ziemlich schwergaengig. Wir kamen auch gemeinsam nicht richtig weiter, also gaben wir auf und ich ging mit den beiden nach Bodo hinein, um etwas zu essen. Das kaputte Rad schloss ich am Kai ab, das Gepaeck deponierte ich im VW-Bus der zwei.

Spaeter, gegen Mitternacht, gesellten sich noch drei Angler aus Suedbayern zu uns, da sie ebenfalls auf die Faehre warteten. Es war eine lustige Runde.

Als die Faehre mit etwas Verspaetung kurz nach ein Uhr ausgelaufen war, konnte ich im Warteraum nich schlafen, dafuer war zuviel los. Ich schraubte also nochmal an meinem Rad herum.

Es dauerte nicht lange, bis ich von Wartenden unterschiedlichster Nationen umringt war. Ich wurde mit viel Werkzeug und reichlich guten Tipps versorgt.
So ermutigt entschied ich mich die Nabe zu oeffnen, aber allein beim Anblick des Inneren war mir klar, dass ich das Ding nie mehr zusammen bekomme, wenn ich es noch weiter zerlege. Auch die guten Ratschlaege verstummten.

Ich setzte das Laufrad enttaeuscht wieder ein und war erstaunt: Das Spiel war weg und die Nabe war leichtgaengig.

Es hatte den ganzen Abend immer wieder leicht geregnet, aber in diesem Moment war es trocken. So schwang ich mich gegen halb drei auf mein Rad und machte den Praxistest. Nach gut 15 Kilometern konnte ich noch immer keine Fehlfunktion feststellen.
Nahe der Strasse fiel mir eine Zeltmoeglichkeit auf, die ich nutzte. Gegen vier Uhr baute ich im wieder einsetzenden Regen mein Zelt auf.

Nachts regnete es meist, auch heute Morgen gab es nur wenige trockene Momente.
In diesem Augenblick ist es aber seit knapp einer Viertelstunde niederschlagsfrei. Mir scheint, als waere es wieder der typische Vormittagsregen (gewesen?), der Himmel wird immer heller. Wenn sich das Wetter noch zehn Minuten haelt, packe ich zusammen.
Angesichts der Tatsache, dass Mo I Rana nicht sehr weit entfernt liegt und ich dort sicher auch eine Radwerkstatt finden kann, lasse ich mich jetzt durch den aufgetretenen Fehler nicht von der Weiterfahrt abhalten.

Die Nacht war uebrigens fuer etwa drei Stunden komplett dunkel. Zur Zeltplatzsuche ist es natuerlich von Nachteil, trotzdem habe ich mich gestern ueber die erste richtige Dunkelheit seit Wochen beim Einschlafen gefreut.

Bild aufgenommen am
15.08.2007, 13:20.
Mein Fahrrad auf der Fähre von Moskenes nach Bodo.
 
Bild aufgenommen am
15.08.2007, 19:42.
Mein Fahrrad mit demontiertem Hinterrad am Fähr-Warteraum im Bodo.
 

Mevik - 100 km - 5444 km

17. August 2007, 13:20

Der Regen hatte gestern Mittag tatsaechlich eine laengere Pause gemacht, also packte ich zusammen und fuhr los.

Bei Saltstraumen machte ich Pause und besichtigte den groessten Mahlstrom der Welt. Die Tide treibt hier einen Strom durch zwei Inseln, die etwa 150 m voneinander entfernt sind. Das Wasser erreicht dabei in Springzeiten eine Geschwindigkeit von fast 20 Knoten. Es soll auch Strudel mit mehreren Metern Tiefe geben. Der Tiefste, den ich gesehen habe, war vielleicht gerade 30 cm. Vermutlich war ich nicht genau zum Zeitpunkt der hoechsten Stroemungsgeschwindigkeit da, das Wasser hatte aber trotzdem ordentlich Tempo.

Ein paar kleine Schlauchboote fuhren in Gleitfahrt im Strom und liefen trotzdem einen achterlichen Kurs ueber Grund.

Die Stelle ist auch bei Anglern sehr beliebt. Ich machte extra laenger Pause, um einen Drill zu sehen, aber in der 3/4 Stunde fingen die etwa 15 Mann, die ich beobachten konnte, keinen einzigen Fisch. Die Angler waren darueber sichtlich mehr enttaeuscht als ich.

Meine Enttaeuschung sollte erst auf der Weiterfahrt kommen. Es fing nicht nur wieder an zu regnen, mein Laufrad machte wieder Schwierigkeiten.
Es war wohl zu naiv von mir zu glauben, der Schaden waere behoben, aber ich tat mich eben schwer zu einer Fahrradwerkstatt zu gehen und zu sagen: “Funktioniert alles, reparieren Sie doch bitte mal”.

Ich entschloss, so gut es ging bis zum naechsten Campingplatz zu radeln und am naechsten Tag, also heute, mit dem Bus nach Bodo zurueck zu fahren.
Leider kam lange Zeit kein Campingplatz. Da ich meine Sachen aber heute unbeaufsichtigt zurueck lassen musste, kam wildes Campen nicht in Frage.
Nach gut 80 gefahrenen (besser geeierten) Kilometern fragte ich eine Frau, die gerade ihren Hund auf der R17 ausfuehrte, wann ein Campingplatz kommen wuerde. Sie nannte mir einen Ortsnamen, den ich auf der Karte nicht fand, also fragte ich nach der Entfernung. “One mile” war die Antwort. 18 km spaeter fuhr ich an dem besagten Ortsschild vorbei und fand den beschriebenen Campingplatz.

Als mein Zelt stand und ich geduscht hatte, besuchte mich ein Norweger, der die Huette neben mir gemietet hatte. Wir unterhielten uns 20 Minuten und zum Abschluss des Gespraechs zauberte er eine Dose Bier aus dem Aermel. Er meinte, ich brauche Kraft fuer die naechsten Tage.
Kurz darauf brachte er mir in einem Plastikbecher noch einen Jaegermeister vorbei.
Nach rund 75 km im Regen bei 11 Grad (bei der Ankunft) war das waermende Gefuehl der groesste Genuss.

Wie geplant fuhr ich heute Morgen mit dem Bus nach Bodo zurueck, nur meine Wertsachen und mein hinteres Laufrad bei mir.
Die Campingplatzbesitzerin erklaerte mir haarklein wann der Bus wo abfahren wuerde, was er dann auch genau so tat.
Mein Nebensitzer im Bus beschrieb mir, wo ich passende Geschaefte finden koenne.
Gleich im ersten davon erntete ich nur Kopfschuetteln. Sie hatten nicht mal ein neues 28 Zoll-Rad auf Lager. Es war eben ein typisches Sportgeschaeft, 80 Prozent der Ware bestand aus Kleidung. Es schien mir, als haette ich mehr Werkzeug dabei als es in ihrer Werkstatt gab.
Sie beschrieben mir aber gerne den Weg zu einem richtigen Radgeschaeft, vielleicht 2,5 km vom Zentrum entfernt. Dort sitze ich gerade vor der Tuere und warte. Der Mechaniker, der am Freitag hier ist, kennt sich mit dem Innenleben einer Nabenschaltung scheinbar ebensowenig aus wie ich. Er meint aber, dass sein Kollege, der um 15 Uhr extra meinetwegen vorbeischauen wuerde, das locker reparieren koennte.
Ich hoffe es zwar, ansonsten bekomme ich hier aber immerhin ein neues Laufrad.
Die Weiterfahrt scheint gesichert.

Waehrend der Busfahrt habe ich noch einen der Seeadler beobachten koennen, fuer die die Gegend um Bodo bekannt ist. Auch die Landschaft konnte ich heute, bei trockenem Wetter, mehr geniessen als gestern, als ich ein Auge, beide Ohren und besonders meine Gedanken bei meinem Hinterrad hatte.
Wenn mein Ross wieder laeuft, verspricht das schoene Etappen fuer die naechsten Tage - eine entsprechende Wetterlage vorausgesetzt.

Bild aufgenommen am
16.08.2007, 14:35.
Der Saltstraumenbei Bodo: stärkster Gezeitenstrom der Welt.

 
Bild aufgenommen am
16.08.2007, 19:32.
Abendlicht über den Fjorden.
 
Bild aufgenommen am
16.08.2007, 19:36.
Landwirtschaft auf den wenigen flachen Geländeabschnitten.
 
Bild aufgenommen am
16.08.2007, 20:22.
Spiegelbild im glatten Wasser.
 
Bild aufgenommen am
16.08.2007, 21:18.
Nach einigen Kilometern mit kaputter Fahrrad-Nabe und somit stark getrübter Laune fahre ich um eine Klippe und stehe vor diesem Anblick - und die Sorgen schrumpfen urplötzlich.
 
Bild aufgenommen am
17.08.2007, 07:18.
Hier musste ich mich das erste mal seit der Abfahrt von meinem Fahrrad und Zelt trennen um per Bus nach Bodo zurück zu fahren.
Als ich zurück zum Campingplatz kam, lag alles noch unangetastet an Ort und Stelle - wie man es in Norwegen auch nicht anders erwartet.
 
Bild aufgenommen am
17.08.2007, 11:36.
Das Fahrradgeschäft, dass meine Nabe zumindest vorübergehend instandsetzen konnte.
 

Kurzer Zwischenstand

17. August 2007, 17:12

Da inzwischen schon Nachfragen eintreffen: Ein Kugellager war kaputt. Manche Kugeln waren in viele Einzelteile zerbrochen und der Ring, der die Kugeln halten sollte, war nicht mehr als solcher zu erkennen.

Genaues kann ich erst nach einem ersten Test sagen, aber was ich waehrend der Reparatur gesehen habe war vielversprechend.

Ich sitze jetzt im Bus, der so gegen 19:15 Uhr am Campingplatz sein sollte.

Mevig Tag 2

17. August 2007, 21:20

Die gute Nachricht vorweg: Das Rad laeuft tadellos.

Die ganze Zeit waehrend des Wartens habe ich mich gewundert, warum der Chef des Radladens mein Laufrad links liegen laesst. Sein Mechaniker fuehrte nur Handlangerdienste aus. Dass der nicht wusste, was er mit meinem Rad machen sollte, konnte ich gerne glauben.
Der Chef selbst montierte und reparierte aber tuechtig. Da muss er doch meine Nabe zumindestens einmal naeher betrachten koennen. Eine Nabenschaltung ist ja auch nichts Seltenes, nur eben in Kombination mit einer Kettenschaltung innerhalb einer Nabe.

Als kurz nach drei Uhr der erwartete andere Mechaniker auftauchte, aenderte sich die Lage. Er ging sofort zur Sache. Nach wenigen Sekunden legte er das Rad beiseite und sagte zu mir, dass er so eine Nabe noch nie gesehen habe. Scheinbar ist das SRAM DualDrive-Prinzip noch nicht weit ueber Deutschland hinausgekommen, ist es ja selbst in Deutschland kaum verbreitet. Meine Hoffnung schwand, also erklaerte ich ihm (wie bereits zuvor seinem Chef) meine Situation. Der Mechaniker schien Verstaendnis aufzubringen und unterhielt sich mit seinem Chef. Es war eine etwas angespannte Stimmung zwischen den beiden und scheinbar ging es nicht nur um die Nabe, sondern auch um mich. Nach etwa einer Minute Diskussion kam der Mechaniker auf mich zu und teilte mir mit sehr direkten Worten das Ergebnis mit: “If it’s fucked up, it’s fucked up”. Endlich verstand ich was los war. Der Chef traute sich nicht das (zugegebenermassen teuere) Stueck zu zerlegen, da er befuerchtete, er muesse am Ende fuer die kaputte Nabe den Kopf hinhalten. Der Mechaniker konnte ihn aber ueberzeugen, dass er trotzdem versuchen durfte mir zu helfen - eben auf mein Risiko. Spaeter erklaerte er mir, dass er selbst schon in einer aehnlichen Situation gewesen sei und mich deshalb nur ungern mit dem kaputten Rad weiter geschickt haette.

Ich musste also nur bereit sein, das Risiko bei einem Reparaturversuch zu uebernehmen. Natuerlich tat ich dies. Ob das Ding halb kaputt nicht funktioniert oder ganz kaputt seinen Dienst verweigert ist fuer mich am Ende das Gleiche.

Der Mechaniker oeffnete die Nabe und sah sofort den Fehler. Fuer mich waren es nur Kugeln, Schmutz und Fett, aber er entdeckte, dass die Kugeln nicht so waren wie sie sein sollten. Als er das Fett etwas beiseite wischte, sah man, dass einige der Kugeln zerbrochen waren. Er putzte das Lager und fuellte es mit neuen Kugeln aus. Noch ein wenig Fett und schon war es erledigt.

Technisch begabte Leser duerfen also kraeftig lachen, dass ich mir wegen eines kaputten Kugellagers fast ein neues Laufrad gekauft haette. Fuer mich war es aber ein Schaden, den ich selbst nicht repariert konnte und in den Sportgeschaeften fand ich leider auch keine Hilfe.

Zurueck am Campingplatz bestand das Laufrad seinen Praxistest. Ich hoffe, dass diesmal die Freude laenger anhaelt als am Donnerstag in der Nacht.

Die Besitzerin des Campingplatzes sah mich, wie ich nach fast zwoelf Stunden Abwesenheit wieder am Platz ankam und wollte gleich wissen, wie es mir ergangen war. Zum Ausgleich fuer den langen Ausflug nach Bodo erliess sie mir die Gebuehr fuer die heutige Nacht.

Es kam aber noch besser. Ich erlebte heute meinen kulinarischen Hoehepunkt der Reise (seit Rostock und dem Verlassen von Mutterns Kochkuensten natuerlich). Neben mir steht ein Paar aus Bayern, das mich zum Essen eingeladen hat. Es gab hervorragende Lachsnudeln und dazu ein Bier aus der Heimat.

Ich hoffe, dass der Regen, der im Laufe des Tages wieder eingesetzt hat, bis morgen wieder aufhoert. Dann koennte ich mit gestaerktem Material und Koerper wieder gen Sueden starten.

Jektvik - 99 km - 5543 km

18. August 2007, 23:18

Mal wieder begann der Tag mit Regen. Gegen zehn Uhr wechselte ich aus Langeweile vom Zelt in die Kueche des Campingplatzes. Da ich aber genau die Haelfte der auf dem Platz anwesenden Gaeste ausmachte, war der Unterhaltungsfaktor dort nicht sehr viel groesser.

Um 13 Uhr hatte ich gepackt und fuhr los, etwa eine Stunde spaeter hoerte der Regen auf.

Kurz nach Glomfjord gab es einige Hoehenmeter zu erklimmen, die letzten zwei Kilometer des Anstiegs verliefen in einem Tunnel. Als ich diesen verlassen hatte, sah ich vielleicht 250 Meter von mir entfernt bereits die naechste Tunneleinfahrt. Es war eine knapp acht Kilometer lange Roehre, die fuer Radfahrer gesperrt ist.
Wer noch nie in Norwegen war, koennte sich denken, dass ich eben einen kleinen Umweg fahren musste. Durch die extrem bergige Landschaft ist Norwegen aber fast ueberall, wo ich bisher war, sehr arm an Strassen. Eine Umfahrung gibt es schlicht und einfach nicht, noch nicht einmal, wenn man mit den Massstaeben eines motorisierten Fahrzeuges messen wuerde.
Ich wartete, bis ein Fahrzeug mit grossem Laderaum die Strasse zwischen den beiden Tunneln passierte und hatte dabei mehr Glueck als Verstand. Noch bevor ich den Daumen heben konnte, bog der erste Kleinbus in den Parkplatz ab, auf dem ich stand. Der Fahrer stieg aus und machte ein paar Bilder von dem tollen Panorama.
Es war ein Norweger, also bat ich ihn auf englisch darum, mich ein paar Kilometer mit durch den Tunnel zu nehmen. Er hatte nichts dagegen, so sparte ich mir heute ein kurzes Stueck lang das Treten. Der Tunnel mit dem Anstieg war freigegeben, die Abfahrt verbrachte ich im Auto. War ja klar, dass es nicht umgekehrt sein konnte :-)

Ich hatte zwar auf der Karte gesehen, dass ich heute an einem Gletscher vorbeifahren wuerde, hatte dem aber nicht viel Beachtung geschenkt. Kurz nachdem ich den Kleinbus verlassen hatte, staunte ich nicht schlecht. Gewaltige Eismassen schoben sich an dem gegenueberliegenden Fjordufer durch die Berge Richtung Wasser. Das Eis schimmerte an vielen Stellen in einem hellen Blau.
Der Svartisen ist der zweitgroesste Gletscher Norwegens und an diesen Eismassen fuhr ich in kurzer Hose, T-Shirt und Sandalen (wegen des Regens bei der Abfahrt) vorbei. Wie ich fand, war das ein lustiges Bild.

Danach gab es noch eine kurze Faehrfahrt und ein Schiff war es dann auch, das meine Etappe beendete. Genauer gesagt war es das Fehlen des Schiffes. In Jektvik fuhr nach 21 Uhr keine Faehre mehr, also schlug ich etwas ausserhalb des Doerfchens mein Zelt auf.

Bild aufgenommen am
18.08.2007, 12:20.
In der Küche des Campingplatzes.

Die Reparaturfahrt nach Bodo war erfolgreich, heute geht es wieder auf Strecke.
Die Jacke sagt über das Wetter schon alles, was gesagt werden muss.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 16:20.
Die Eismassen des Svartisen-Gletschers zeigen sich durch die dichten und tief hängenden Wolken.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 16:28.
Das Wasser am Fuß des Svartisen ist türkis. Dazu gibt es auch noch einen kleinen Sandstrand.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 17:04.
Mein Fahrrad bei einer Rast mit dem Svartisen-Gletscher im Hintergrund.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 17:17.
Nochmal der Svartisen-Gletscher.

Das Eis reicht bis zur Meereshöhe herab.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 19:29.
Die Silhouette meines Fahrrad. Im Hintergrund kämpfen einmal mehr Wolken und Sonne um Aufmerksamkeit.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 20:21.
Wunderbarer Blick auf den Fjord und die umliegenden Berge, der Untergrund war mit aber zu hart und uneben um darauf zu übernachten.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 20:59.
Der Schotter-Platz links auf dem Bild zeigte sich als geeigneterer Übernachtungsplatz bei nicht weniger spektakulärem Panorama.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 21:30.
Hier hatte ich mich bereits häuslich niedergelassen und im Hintergrund wartet schon mein Abendessen auf der Isomatte auf mich.
 
Bild aufgenommen am
18.08.2007, 21:30.
Abenddämmerung am Fjord.
 

Lavong - 105 km - 5648 km

20. August 2007, 10:13

Gestern Morgen erhielt ich eine E-Mail in der von einem “Sonntagmorgen” die Rede war. War Sonntag nicht schon vorgestern? Scheinbar nicht. Ich hatte mich mit den Wochentagen vertan. Eigentlich ist es fuer mich unwichtig, welchen Wochentag wir gerade haben, nur das Wochenende ist fuer mich interessant wegen unterschiedlicher Faehr- und Oeffnungszeiten.
Essen hatte ich aber genug dabei und bei der Faehre in Jektvik war mir der Sonntag sogar von Vorteil. Glueck gehabt.

Gegen zehn Uhr hoerte der Regen auf und so war ich viel zu frueh am Hafen, die Faehre lief erst kurz vor zwoelf Uhr aus. Ebenfalls zu frueh war eine Gruppe Oldtimerfahrer aus Deutschland. Auf dem Wartestreifen im Hafen standen alte Fahrzeuge der Marken Rolls Royce, BMW, Mercedes, Porsche, Triumph und weitere, die ich nicht kannte.
Da es gerade wieder zu regnen begann, stellten wir uns gemeinsam vor einem noch geschlossenen Cafe unter das Vordach und ich kam mit der Gruppe ins Gespraech. Sie waren ueber Schweden ans Nordkap gefahren und hatten nun Oslo als Ziel.
Als das Cafe oeffnete, wurde ich auf eine Waffel und Kakao eingeladen.
Die Gruppe roch foermlich nach Geld. Ich hingegen roch (und das meine ich woertlich) nach “Radtour im Regen”. Durch meinen ungepflegten aeusseren Zustand fuehlte ich mich trotz der freundlichen Menschen nicht ganz wohl in der Gruppe und lehnte somit die Einladung dankend ab. Gefreut habe ich mich darueber trotzdem.

Die Faehrfahrt dauerte etwas ueber eine Stunde, wobei wir auch den Polarkreis nach Sueden ueberfuhren.

Was nach der Faehre kam, war wenig erfreulich. Frustriert und voellig lustlos durch den vielen Regen der letzten Tage, der mich auch gestern nicht verschonte, schleppte ich mich ueber die teils steilen und mehrere Kilometer langen Anstiege.

In Nesna fuhr im am Campingplatz vorbei, weil ich noch schauen wollte, wann am naechsten Tag eine Faehre auslaeuft. Als ich am Hafen ankam, fuhren gerade die ersten Autos auf ein Schiff und ich entschied spontan, auch gleich ueberzusetzen.
Auf der Faehre traf ich ein deutsches Paar, das mit einem Kleinbus unterwegs war. Ich hatte es schon am Tag davor auf einer Faehre gesehen und auch auf dem Schiff von Jektvik aus waren wir gemeinsam.
Erstaunt, dass ich durch ihre viele Pausen die 95 km seit der letzten Faehre trotz der heftigen Anstiege fast so schnell wie sie zurueckgelegt hatte, winkten sie mich in ihren Bus. Wir unterhielten uns waehrend der Ueberfahrt und obwohl ich die Frage, ob ich noch Nahrungsmittel braeuchte, verneinte, bekam ich zum Abschied noch einen Apfel und eine Tafel Schokolade in die Hand gedrueckt.

In Lavong hatte ich nun nur ein Problem. Es gab keinen Campingplatz. Laut meiner Karte allerdings auch waehrend der naechsten 100 km nicht. Gluecklicherweise ist meine Karte nicht immer ganz zutreffend, so fand ich nur wenige Kilometer nach der Faehre einen kleinen, aber aeussert schoenen Campingplatz, der grossteils von deutschen Anglern belegt ist.
Die Kueche ist beinahe wie ein Wohnzimmer ausgelegt und die Atmosphaere ist regelrecht familiaer. Zum Kochen hatte ich nichts dabei, was angesichts der gut ausgestatteten Kueche ein Jammer war. Hocherfreut entdeckte ich einen Korb mit kleinen Speisen (Nudelsnacks, 5-Minuten-Terinen etc.) auf denen jeweils ein Preis stand. Daneben stand ein Glas in dem bereits etwas Kleingeld lag.
Es waren zwar nicht gerade die Lachsnudeln, die ich ein paar Tage zuvor gegessen hatte, aber so kam ich doch noch zu etwas Warmem und meine Makrele aus der Dose blieb in selbiger.
Ich habe heute aber nicht im Zelt geschlafen, sondern im Hotell Rainbow. So nennt der Platzbesitzer einen offenen Abstellschuppen, in dem neben allerlei Geruempel auch eine Eckbank und ein Tisch steht. Bei der Anmeldung meinte der Herr, ich koennte mein Zelt daneben aufstellen oder auf der Eckbank schlafen, fuer ihn waere es das Gleiche. So musste ich mein Lager nicht im Regen aufschlagen, sondern konnte meine Sachen im Trockenen ausbreiten und es mir auf der Eckbank bequem machen. Was fuer ein Service.

Heute sieht das Wetter nicht einladender aus als gestern, immerhin ist es momentan trocken.

Bild aufgenommen am
19.08.2007, 11:12.
Beim Warten auf die Fähre in Jektvik.

Leider sind die Oldtimer in der Schlange zu klein, als dass man sie gut erkennen könnte.
 
Bild aufgenommen am
19.08.2007, 13:26.
Vorsicht, nur für Insider:
Aus persönlichen Gründen hänge ich ganz besonders an dem Buchstaben M.
 
Bild aufgenommen am
19.08.2007, 18:35.
Wolken, Berge und der Fjord.

Eine bedrohlich wirkende Kulisse.
 
Bild aufgenommen am
19.08.2007, 18:59.
Der Anstieg war steil und durch das einzige Loch in den Wolken direkt über dem Gipfel hatte man den Eindruck, der Weg führt direkt in den Himmel.
 
Bild aufgenommen am
19.08.2007, 19:21.
Die Küstenstraße R17 in mit dem Fahrrad zu befahren ist landschaftlich ein Traum.
 
Bild aufgenommen am
19.08.2007, 19:22.
Erneut auf der Küstenstraße R17 mit einem weiteren Panoramablick.
 
Bild aufgenommen am
20.08.2007, 00:15.
Auf dem Campingplatz bei Lavong durfte ich im "Hotell Rainbow" einchecken.
 
Bild aufgenommen am
20.08.2007, 00:15.
Im Vergleich zu meinem kleinen Zelt im Regen war diese Unterkunft hier vor allem TROCKEN.
 

Vik - 144 km - 5792 km

21. August 2007, 00:21

Wie ich heute Morgen bereits geschrieben habe, war es vormittags trocken. Zumindest bis ich den ersten Kilometer hinter mir hatte. Bis ich zurueck auf der R17 war (der Campingplatz war zwei Kilometer von ihr entfernt) regnete es bereits wieder. Im gleichen Trauerzug-Tempo wie gestern fuhr ich bis nach Leland. Dort kam ich an einem Supermarkt vorbei und ich beschloss, meine Vorgehensweise zu aendern. Ich kaufte mir ein reichliches Fruehstueck und vertilgte danach sicher mehr Energie als ein durchschnittlicher Erwachsener in zwei Tagen benoetigt.
Gut gestaerkt, mit einer riesigen Wut im Bauch und harten Toenen aus dem Walkman in den Ohren pruegelte ich meinen Bock wie ein Bekloppter ueber die Huegel und spaeter durch das Flachland. 30 km spaeter raste ich zwar immer noch im Regen, aber meine Stimmung war glaenzend.

Es schien fast so, als haette das Wetter dieser Verzweiflungstat nichts mehr entgegenzusetzen. Gegen 15 Uhr sah ich die ersten blauen Luecken am Himmel, eine Stunde spaeter war kaum mehr eine Wolke zu sehen.

Die Tagesdistanz faellt zwar nicht aus der Reihe. Wenn ich aber bedenke, dass ich knapp drei Stunden mit Faehrfahrten und dem damit verbundenen Warten verbracht habe, kann ich doch ganz zufrieden sein.

Uerspruenglich wollte ich die 15 km bis nach Vennesund auch heute fahren, aber es wurde am Abend so kalt, dass ich mir das Nachlegen einer weiteren Kleidungsschicht ersparte und gleich mein Lager aufschlug.
Auf einer abgemaehten Wiese etwas ausserhalb von Vik fand ich einen schoenen Platz zum Uebernachten.

Bild aufgenommen am
20.08.2007, 16:25.
Fährfahrt auf der Küstenstraße R17.

Endlich sehe ich wieder einen blauen Himmel.
 
Bild aufgenommen am
20.08.2007, 20:42.
Auf der Insel Somna empfängt mich durch die tief stehend Sonne eine herrliche Berg-Kulisse.

Diese Inselgruppen entlang der Küstenstraße R17 kann ich jedem Fahrradfahrer nur empfehlen.
Die Anstiege hielten sich halbwegs in Grenzen, das Panorama hingegen ist wunderbar.
 
Bild aufgenommen am
20.08.2007, 21:33.
Sonnenuntergang auf Somna.

 

Bei Overhalla - 144 km - 5936 km

21. August 2007, 23:14

Morgens lockte mich das schoene Wetter relativ frueh aus dem Zelt und auf die Strasse. Nach dem Einkaufen in Vik schaffte ich die 16 km bis Vennesund nicht schnell genug und so fuhr mir die Faehre nach Holm vor der Nase davon. Eine Stunde spaeter nahm ich die Naechste.
Morgen ist der erste Tag seit geraumer Zeit, an dem ich keine Faerhfahrt plane.
Einerseits sind die Faehren immer eine gute Versorgungsstation. Man kann die Beine kurz baumeln lassen, es gibt Toiletten und immer genuegend freie Steckdosen zum Laden von Handy und Kamera. Gestern stand sogar eine Dose WD-40 auf dem Autodeck, von der ich meinem Rad ein paar Tropfen goennte.
Andererseits kosten sie viel Zeit und auch etwas Geld. Besonders die Warterei ist manchmal nervig.
Ob ich die naechste Woche auch so haeufig auf Schiffen unterwegs sein werde, haengt von der noch nicht abgeschlossenen Routenplanung bis nach Oslo ab.

Nachdem ich die Faehre heute verlassen hatte, verpasste das Wetter die Huerde von “24-Stunden-ohne-Regen” leider knapp. Ab Mittag nieselte es fuer etwa drei Stunden vor sich hin. Seit dem spaeten Nachmittag ist es zwar nicht gerade schoen aber immerhin trocken. Die Regenjacke war heute nicht noetig, dafuer war der Niederschlag zu schwach.

Am Campingplatz meiner Wahl angekommen, war die Rezeption bereits geschlossen. Ausser mir war keine Person auf dem Gelaende. Ich machte mich trotzdem daran, mein Zelt aufzubauen.
Leider fand ich weder Waschmaschine noch Trockner, also spannte ich schon mal die Waescheleine unter dem Dach der Grillstelle.
Als ich gerade duschen wollte, fuhr ein Auto vor die Rezeption und so konnte ich mich doch noch anmelden. Ich fragte nach einer Waschmaschine und der Herr antwortet mir, als waere das doch voellig selbstverstaendlich, dass diese auf der Frauentoilette stuende.
Mir fielen jetzt schon ein paar bloede Sprueche ein, aber ich glaube, dass mir dafuer doch zu viele Personen des huebscheren Geschlechts mitlesen… :-)

Jedenfalls konnte ich meine Waesche nicht nur waschen, sondern darf sie jetzt auch noch im Heizungsraum trocknen. Da ich der einzige Gast bin, habe ich praktischerweise Narrenfreiheit.

Mir kam es heute kalt vor. Zwar stand auf dem Thermometer am Campingplatz 14 Grad, durch die steilen aber kurzen Anstiege kam es mir auf den vielen Abfahrten den ganzen Tag ueber viel kaelter vor. Paradoxerweise scheint es auf dem Weg nach Sueden immer kuehler zu werden.

Bild aufgenommen am
21.08.2007, 14:51.
Brücke auf der Fahrt nach Overhalla.
 
Bild aufgenommen am
22.08.2007, 10:06.
Auf dem Campingplatz bei Overhalla.

Der Wohnwagen im Hintergrund war nicht bewohnt. Ich war tatsächlich der einzige Gast auf dem ganzen Platz.
 

Osen - 111 km - 6047 km

22. August 2007, 22:06

Endlich wieder mal ein komplett regenfreier Tag. Morgens sah es noch nicht so gut aus, aber als ich Namsos nach 25 km erreicht hatte, war der Himmel mehr blau als weiss. Kurz nach der Stadt spannte ich meine Waescheleine auf und trocknete die Waesche, die in der Nacht nicht ganz trocken geworden war. So kam ich zu einer fast zwei Stunden dauernden Rast.

Als ich spaeter von der R17 auf die R715 fuhr, wurde es durch die vielen steilen Anstiege anstrengend. Zum Ausgleich nahm der Verkehr rapide ab. Es war kaum mehr ein Auto zu sehen.

Entlang der R715 gibt es viel Landwirtschaft. Diese war indirekt auch der Grund, warum ich nicht ueber Osen hinaus fuhr. Das Staedtchen ist fuer viele Kilometer die letzte mir bekannte Einkaufsmoeglichkeit und durch das warme Wetter ging mir das Wasser aus. Weiter noerdlich trank ich einfach aus den Baechen, aber durch die viele Landwirtschaft verzichte ich in dieser Gegend lieber darauf.
Von der Strasse aus eine geeignete Uebernachtungsstelle auszumachen, die von der Strasse aus nicht einzusehen ist, ist logischerweise nicht immer leicht. Bei Dunkelheit von der Strasse aus eine Uebernachtungsstelle zu finden, die selbst bei Tageslicht nicht von der Strasse aus eingesehen werden kann, ist schier ein Ding der Unmoeglichkeit. Ich war also ueber das gezwungenermassen fruehe Etappenende nicht nur ungluecklich.

Unmittelbar nach dem Ortsende von Osen sah ich etwas entfernt von der Strasse eine passende Flaeche zum Uebernachten auf einem abgeernteten Feld. Auf der Wiese nebenan graste ein Pferd, das sich auf den zweiten Blick als Elch zu erkennen gab.
Ich wurde zwar kritisch beaeugt, wurde aber schliesslich von ihm ignoriert, die Entfernung betrug immerhin noch um die 150 m.
Ich stoerte mich auch nicht an seiner Anwesenheit und baute an der gesichteten Stelle mein Zelt auf.

Bild aufgenommen am
22.08.2007, 12:57.
Bei Namsos habe ich meine Wäscheleine aufgespannt und die vom Waschen noch feuchte Wäsche getrocknet.
 
Bild aufgenommen am
22.08.2007, 15:05.
Dieser junge Norweger fuhr einige hundert Meter "rückwärts" vor mir her.
 
Bild aufgenommen am
22.08.2007, 19:56.
Ein Elch in der Nähe meines wilden Campingplatzes bei Osen.

Er störte mich nicht und scheinbar hatte er gegen meine Anwesenheit auch keine Einwände.
 

Flakk - 146 km - 6193 km

24. August 2007, 10:43

Ein naechtlicher Blick aus dem Zelt versprach schoenes Wetter fuer den gestrigen Tag. Es war eine sternenklare Nacht, keine Wolke verdeckte den Himmel. Leider nahm es da aber jemand nicht so genau mit seinen Versprechen, morgens sah es schon wieder nach Regen aus. Immerhin kam ich gut 100 km trocken voran, erst dann war wieder das gelbe Trikot gefragt.

Die R715 fuehrte nach Osen etwa 15 km flach am Meer entlang, dann wurde es fuer die restlichen Kilometer bis nach Rorvik sehr anstrengend. Es gab kaum einen flachen Kilometer, die letzte Abfahrt fuehrte bis zum Faehrhafen.
Auf der Faehre konnte ich mich dann wieder etwas aufwaermen, die Abfahrten im Regen waren teils recht kuehl.
Kaum in Flakk angekommen, stand der gesuchte Campingplatz auch schon vor mir. Er befindet sich unmittelbar am Anleger der Faehre, was sich auf dem Campingplatz schlecht ueberhoeren laesst.

Meine Augen streiten sich gerade noch mit meinen Beinen, ob der Umweg ueber Osen zu empfehlen ist, oder nicht. Wer nichts gegen ein paar hundert zusaetzliche Hoehenmeter einzuwenden hat, dem kann ich die Strecke sicherlich ans Herz legen. Sie bietet eine tolle Landschaft und relativ wenig Verkehr. Wer sich mit Bergen beim Radeln ungern abgibt, sollte die Strecke meiden. Aber fuer denjenigen ist Norwegen dann sicher auch das falsche Land fuer einen Radurlaub.

Heute werde ich einen Stadttag einlegen, Trondheim ist nur noch wenige Kilometer von Flakk entfernt.
Momentan sitze ich noch im Warteraum der Faehre, der Campinglatz hatte keine brauchbare Sitzgelegenheit. Ich hatte keine Lust im Regen zu starten und so warte ich mit fertig gepacktem Rad darauf, dass der Regen aufhoert. Es gab den ganzen Vormittag ueber immer wieder lange trockene Phasen. Auf so eine hoffe ich fuer die letzten Kilometer bis nach Trondheim.

Bild aufgenommen am
23.08.2007, 10:45.
Nach Osen verläuft sie Straße optisch äußerst ansprechend direkt am Meer entlang.
 
Bild aufgenommen am
23.08.2007, 12:08.
Wie sich zeigte war der Umweg über Osen eine anstrengende Routenwahl.
 
Bild aufgenommen am
23.08.2007, 12:21.
Auf dem Bild wirkt es viel weniger Steil als ich es auf dem Fahrrad empfand.
 
Bild aufgenommen am
23.08.2007, 20:46.
Die Fähre nach Flakk.
 

Trondheim

24. August 2007, 15:04

Da ich ein Internet-Cafe gefunden habe, gibt es wieder ein paar neue Bilder.

Viggja - 53 km - 6246 km

24. August 2007, 21:22

Das Wetter hat mich heute ganz schoen zum Narren gehalten. Der Regen hoerte auf, also fuhr ich los Richtung Trondheim. Der warme Warteraum war noch in Sichtweite, als es wieder zu troepfeln begann. Bei Nieselregen legte ich die knapp 15 km nach Trondheim zurueck, wo sich das Wetter unmittelbar nach meiner Ankunft wieder besserte. Seit dem ist es trocken geblieben, es waren sogar manchmal blaue Stellen am Himmel zu sehen.

Auf dem Weg zum Zentrum entdeckte ich ein Internet-Cafe, also schickte ich wieder meine Bilder nach Sueden bevor ich mir die Stadt anschaute.
Richtig begeistert hat mich Trondheim nicht. Scheinbar findet dort heute Abend ein Konzert mitten in der Fussgaengerzone statt, wodurch im Umfeld dieses Platzes kein halbwegs ruhiger Fleck zu finden war. Die Tonproben droehnten kilometerweit.
Ich fand in der Stadt nichts, was ich vermisst haette.
Es war keine angenehme Atmosphaere, ueberall war es laut, hektisch, es wurde viel gehupt und staendig toenten Sirenen durch die Strassen. Bin ich nach ein paar Wochen Nomadendaseins dem Stadtleben schon so entwachsen?
Ein wenig Ruhe fand ich dann suedlich des Zentrums am Dom. Dort nahm ich mein Mittagessen zu mir, bevor ich Trondheim Richtung Sueden ueber Heimdal verliess.

Der Radweg stadtauswaerts war prima ausgeschildert. In Heimdal sah ich eine Beschilderung Richtung Orkanger, der ich anschliessend folgte.
Die E39, an der der Radweg entlang fuehrt, verschwindet immer wieder hinter Huegel oder in Tunnel. Mit dem Fahrrad faehrt man aber direkt am Fjord entlang, das auch noch ohne groessere Anstiege. So macht Radfahren besonders Spass.

Bis ich dann einen passenden Zeltplatz gefunden hatte, war ich auch beinahe schon in Orkanger angekommen. Etwa zehn Kilometer trennen mich noch davon.
Da an der Kuestenstrasse laengere Zeit keine ruhige Stelle zu finden war, bin ich ein paar hundert Meter landeinwaerts (was immer steil bergauf bedeutet) geradelt und habe dort mal wieder ein abgeerntetes Feld als Schlafplatz ausgesucht. Auch heute habe ich einen traumhaften Blick aus dem Zelt ueber die Felder und den Fjord - was brauche ich da noch ein laermendes Trondheim?

Bild aufgenommen am
24.08.2007, 16:42.
Mein voll beladenes Fahrrad vor der Nidarosdom in Trondheim.
 
Bild aufgenommen am
24.08.2007, 16:51.
Blick zurück bei der Fahrt aus Trondheim hinaus.
 
Bild aufgenommen am
24.08.2007, 19:57.
Wilder Campingplatz mit Blick auf den Trondheimsfjorden.
 
Bild aufgenommen am
24.08.2007, 19:57.
Hinter den Heuballen standen Zelt und Fahrrad gut geschützt vor dem Wind.
 

Die weitere Streckenplanung

25. August 2007, 09:29

Das Treffen mit meiner Freundin in Bremerhaven ist inzwischen auf den Morgen des 13.9. festgesetzt worden. Ich habe also noch knapp drei Wochen Zeit bis dahin. Mit ein paar Tagen Reserve fuer die Faehre Oslo-Kiel und den Weg Kiel-Bremerhaven, bleiben mir somit noch etwa zwei Wochen fuer die Strecke nach Oslo.

Das ist grosszuegig bemessen. Ich denke, dass ich es in einer Woche problemlos schaffen koennte. Aus diesem Grund werde ich noch eine kleine Warteschleife in Norwegen drehen.

Die Kueste westlich von Trondheim beschreibt in etwa einen Kreisbogen um Oslo. Ich kann also an der Kueste entlang fahren und halte den Abstand zur Hauptstadt konstant.

Bis Bergen werde ich vermutlich nicht kommen. Die Gegend um Alesund koennte der Wendepunkt dieses Abstechers nach Westen werden. Wie immer haengt diese Planung auch noch von der Wetterentwicklung ab.

Heute morgen regnet es immer mal wieder fuer wenige Minuten, zudem geht ein ordentlicher Wind. Hinter der naechsten Kurve kann sich das zwar schon wieder aendern, aber momentan steht der Wind guenstig in Fahrtrichtung.
Ich werde mich nicht mehr lange bitten lassen und baue mein Lager jetzt ab.

Orkanger - 15 km - 6261 km

25. August 2007, 21:13

Nach wenigen hundert Metern Rueckenwind, Viggja hatte ich kaum hinter mir gelassen, fuhr ich um eine Kurve und mir wurde klar, dass ich in der vergangenen Nacht mit der Auswahl meines Zeltplatzes grosses Glueck gehabt hatte. Auf der anderen Seite des Huegels haette ich wegen des Windes mein Zelt schon frueher abbauen muessen.
Auf dem Weg nach Orkanger kam ich kaum voran, obwohl der Weg meist flach verlief. Fuer die elf Kilometer brauchte ich eine knappe Stunde, in der mich der Wind ordentlich durchschuettelte.

In Orkanger lagen Muelleimer auf der Strasse, kleine Aeste brachen von den Baeumen und weiterer Unrat wurde vom Wind durch die Gegend geweht.
Auf der Strasse wurde es mir zu gefaehrlich, also ging ich in einen Supermarkt und fruehstueckte anschliessend in einer gut geschuetzten Bushaltestelle. Durch den Wind und den Nieselregen war es so ungemuetlich, dass ich entschied, heute nicht mehr weiter zu fahren.

Auf dem Campingplatz von Orkanger habe ich mir einen gut geschuetzen Platz ausgesucht und somit kaum mehr Wind abbekommen. Inzwischen gibt es nur noch einzelne Winstoesse, die wesentlich schwaecher sind als heute vormittag.

Da der letzte Ruhetag schon lange her ist, habe ich mich heute guten Gewissens in den Schlafsack gekuschelt und mich meinen Hoerbuechern gewidmet, die mir meine Freundin mit auf den Weg gegeben hat. Vor dem Zelt in der Sonne liegend macht das Hoeren zwar noch mehr Spass, aber bei einem Blick aus dem Zeltfenster bin ich um mein warmes Plaetzchen im trockenen Zelt doch ganz dankbar.

Bild aufgenommen am
25.08.2007, 11:31.
Im Wort "Orkanger" steckt ja das Wort Orkan - da hätte ich bereits misstrauisch werden sollen.

Fahrrad zu fahren war mir bei diesem Sturm zu gefährlich. Spaß machte es nebenbei eh nicht.
Da verkroch ich mich lieber auf den Campingplatz.
 

Valsoya - 84 km - 6345 km

26. August 2007, 20:45

Regen. Kein Spass, keine Freude, kein Genuss, immer nur Regen.

Mehr beschaeftigt mich gerade nicht, also belasse ich es fuer heute dabei.

Vestnes - 118 km - 6463 km

27. August 2007, 23:46

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Etwas praeziser gesagt war das gestern Abend.
Am Ende der Nachrichtensendung, die ich mir am Fersehgeraet des Campingplatzes auf norwegisch anschaute, war die Vorhersage des Wetterfrosches auch ohne Uebersetzung klar zu deuten. Bis zum Ende der Woche wird es weiter regnen.
Immerhin war ich heute Morgen nicht ueberrascht, als ich ein weiteres mal durch das Regengeraeusch geweckt wurde.

Ich entschied wegen des Wetters nicht weiter nach Westen zu fahren, als es die Vermeidung der E6 notwendig machen wuerde. Ich habe heute also mit Molde den fuer mich westlichsten Punkt an der “Nordkueste” erreicht. Vielleicht werde ich nicht immer den direkten Weg waehlen, aber ich steuere nun langsam auf Oslo zu.

Auf der zweiten Faehre des heutigen Tages, zwischen Molde und Vestnes, haette ich sofort einschlafen koennen. Es war so angenehm warm und trocken. Am liebsten haette ich meine Isomatte direkt im Salon ausgebreitet. Leider musste ich nochmal raus in den Regen und eine andere Uebernachtungsstelle suchen. Wild campen wird immer schwieriger. Nicht nur, weil es Richtung Sueden immer dichter besiedelt wird, sondern speziell weil saemtliche Wiesen bereits zu kleinen Seen geworden sind.
Meine Lust, das Zelt in eine grosse Pfuetze zu stellen, war nicht sonderlich ausgepraegt, also suchte ich in einem Industriegebiet wenige Kilometer nach Vestnes nach irgendeiner Art Ueberdachung. Ich fand ein ueberdimensionales Carport, so etwa 40×15 m. Diese hallenartige Konstruktion steht fast leer, also habe ich mich dort niedergelassen.
Dass ich morgen in der Frueh relativ bald von hier weg muss, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Ich hoffe einfach, dass ich bei dem Besitzer auf Verstaendnis stosse. Wenn es nicht so sein sollte, waere es mir aber auch egal, gerade zaehlt nur die Nacht im Trockenen und die kann er mir morgen schlecht wegnehmen. Bei besserem Wetter lege ich dann wieder mehr Wert auf eine positive Voelkerverstaendigung. :-)

Bild aufgenommen am
27.08.2007, 11:13.
Auf dem Weg nach Molde.

Der Eindruck täuscht: eine solche Wolkenlücke hatte ich heute nur äußerst selten. Meistens regnete es.
 
Bild aufgenommen am
27.08.2007, 16:48.
Dieses Bild trifft die Großwetterlage schon eher.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 09:21.
Dieses Gebäude bot mir für zwei Nächte nicht gerade viel Luxus, dafür aber ein (halbwegs) dichtes Dach über dem Kopf.
 

Vestnes - Tag 2

28. August 2007, 19:11

Entegen meinen Erwartungen ist das Gelaende, auf dem ich mich seit gestern Abend befinde, nicht unmittelbar in den Geschaeftsbetrieb der umliegenden Unternehmen eingebunden. Ausser mir hat es heute keine Menschenseele betreten.

Da das Wetter auch heute nicht zu einer gemuetlichen Radtour gepasst haette, machte ich mir einen faulen Tag und blieb einfach an Ort und Stelle.
Wenn nicht so ein alter vor sich hin rostender Tank direkt ausserhalb der Eingangsseite die Sicht etwas verbaute, wuerde manch findiger Werbestratege die Aussicht sicherlich als Panoramablick verkaufen. Der Fjord ist unweit und wenn sich die Wolken kurz lichten habe ich freie Sicht auf die gegenueberliegenden schneebedeckten Berge.

Obwohl sie unter dem Dach vom Regen gut geschuetzt ist, wird meine nasse Kleidung bei der nassen und feuchten Luft leider nicht trocken. Schade, aber hauptsache ich habe eine weitere trockene Nacht.

Morgen werde ich mich auch bei Regen wieder auf mein Rad (es traegt inzwischen den Spitznamen: “Tretboot”) schwingen und ein paar Kilometer Richtung Oslo strampeln.

Bild aufgenommen am
28.08.2007, 13:24.
"Fahrrad-Garage"
 
Bild aufgenommen am
28.08.2007, 13:24.
Ein romantischer Schlafplatz sieht anders aus.
 

Geiranger - 97 km - 6561 km

30. August 2007, 01:33

Unweit nach Vestnes ging es fuer einige Kilometer bergauf und am Gipfel des Anstiegs erwartete mich Regen und eiskalter Wind. Ich ueberlegt nach der Abfahrt, ob ich fuer heute nach gerade 30 gefahrenen Kilometern in Sjoholt das Handtuch werfen soll. Da ich aber auch keine Lust auf einen weiteren langweiligen Regentag im Zelt hatte, fuhr ich trotz des schlechten Wetters weiter. Entlang der R650 musste ich durch einige Tunnel, was heute aber ganz angenehm war. Innerhalb der Roehren war es immer windstill und ein paar Grad waermer als ausserhalb.

Ich hatte mir bereits in Deutschland einige lohnende Ziele im Sueden Norwegens ausgesucht. Da bei meiner Ankunft in Linge der Himmel gerade ein wenig aufriss, entschied ich mich heute das einzige noch nicht dem Regen geopferte Highlight zu fahren: die Serpentinenstrasse nach Geiranger hinab.

Ich hatte noch nicht mit der Faehre nach Eidsdal uebergesetzt, regnete es bereits wieder und das Panorama war erneut den Wolken zum Opfer gefallen. Die Wetteraenderung stimmte mich aber nicht um und ich begann Hoehenmeter gutzumachen. Knapp 20 km relativ sanften Anstiegs spaeter hatte ich den hoechsten Punkt, einen Parkplatz mit Aussicht auf den Geirangerfjord hinab, erreicht. Die Sichtweite war mittelpraechtig, aber angesichts der Wetterlage konnte ich damit zufrieden sein. Das was ich sehen konnte, war wirklich aller Muehe wert.

Ich war natuerlich von der Kletterei voellig durchgeschwitzt und in Anbetracht der heutigen Temperaturen musste ich dringend raus aus den nassen Klamotten. Ich nutze das am Parkplatz stehende Toilettenhaus, um die Kleidung zu wechseln und als ich dieses verlassen hatte, traute ich meinen Augen kaum: Es fiel Schnee. Der Regen wechselte sich immer wieder fuer ein paar Sekunden mit Schneefall ab.

Ich zog so ziemlich alles, was nicht nass war ueber und kam trotzdem total durchgefroren im Tal an, wo aber angenehmerweise direkt ein Campingplatz auf mich wartete.

Bevor ich mich anmeldete, fragte ich nach einer Waschmaschine und einem Trockner. Beides war dringend von Noeten und gluecklicherweise am Platz vorhanden, also checkte ich ein.

Es gelang mir nicht, den Anmeldebogen auszufuellen, meine Finger waren steif vor Kaelte. Die Dame an der Rezeption uebernahm diese Aufgabe fuer mich. Zudem erzaehlte sie mir, dass die momentan herrschenden Temperaturen fuer den Oktober ueblich seien, nicht aber fuer den August. Interessant zu wissen, wirklich hilfreich ist diese Erkenntnis aber leider nicht fuer mich. Es scheint mir ein typischer Fall von “zur falschen Zeit am falschen Ort” zu sein.

Nach der Anmeldung ging ich ins Waschhaus und erweckte meine Haende mit warmem Wasser wieder zum Leben, erst dann machte ich mich an den Zeltaufbau.

Kaum stand meine Bleibe, schon erhielt ich von meinen Zeltnachbarn eine Einladung zum Abendessen. Eine Gruppe acht junger Landsleute aus Bayern waren so nett und bescherten mir eine warme Mahlzeit. Ich blieb den Abend bei ihnen an ihrer Biertischgarnitur sitzen und wir unterhielten uns. Im Nachhinen habe ich den Eindruck, dass fast nur ich den ganzen Abend geredet habe. Hoffentlich empfanden sie es nicht als stoerend, aber speziell einer von ihnen zeigte sich sehr interessiert an meiner Reise und schien gar nicht genug davon erfahren zu koennen.

Seit einigen Stunden hat es nicht mehr geregnet und auf dem Campingplatz kursiert das Geruecht einer Wetterbesserung fuer Morgen. Alle verfuegbaren Daumen heute Nacht also bitte gedrueckt halten, der naechste Pass fuehrt mich naemlich noch ein paar hundert Meter hoeher als die heutige Strecke.
Ich bin mir aber nicht vollkommen sicher, ob ich ihn schon morgen in Angriff nehmen werde, der Geirangerfjord ist ein ausgesprochen schoener Fleck, an dem sich ein Tag Aufenthalt regelrecht aufdraengt.

Bild aufgenommen am
29.08.2007, 15:06.
Blick auf Eidsdal vor der Fährfahrt.

In dem zu erkennenden Tal beginnt der Aufstieg Richtung Geiranger.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 16:46.
Vor einer schneebedeckten Felswand schraubt sich die Straße von Eidsdal aus stetig in die Höhe.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 17:11.
Blick zurück nach Eidsdal.

An dieser Stelle habe ich schon einen Großteil des Anstiegs hinter mir.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 17:27.
Der erste Blick auf den Geirangerfjorden.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 18:30.
Passagierschiff auf dem Geirangerfjorden.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 18:30.
Geiranger.

Fotografiert von der Aussichtsplattform auf der Abfahrt.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 18:30.
Mein Fahrrad auf der Aussichtsplattform über dem Geirangerfjorden.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 18:30.
Mein Fahrrad und ich am Geirangerfjorden.

Es war genauso kalt wie es das Bild erahnen lässt.
 
Bild aufgenommen am
29.08.2007, 20:57.
Campingplatz an Geirangerfjorden.

Die Gruppe aus Bayern, bei der ich zu Abend essen durfte.
 

Geiranger - Tag 2

30. August 2007, 23:52

Nicht wie sonst ueblich der Regen, sondern das sonnige Wetter verleitete mich heute an Ort und Stelle zu bleiben. Erst gegen Abend zogen wieder Wolken auf, die kurz ein paar kleine Tropfen fallen liessen.

Mit einem der Nachbarn, die mich gestern zum Abendessen eingeladen hatten, paddelte ich heute in einem Kanu fuer einige Stunden ueber den Geirangerfjord. Die steilen, viele hundert Meter hohen Felswaende, die den Fjord eingrenzen, gaben eine klasse Kulisse fuer eine Paddeltour ab. Auch von der Wasserseite aus ist Norwegen wunderschoen, aber das wusste ich ja bereits durch die vielen Faehrfahrten.

Einige Kreuzfahrtschiffe beruecksichtigen Geiranger auf ihrer Routenplanung. Heute lagen drei Ozeanriesen direkt vor dem winzigen Oertchen vor Anker. Als sich dann noch die Hurtigroute und die Faehre den Weg durch den Fjord bahnten, wirkte das kleine Gewaesser regelrecht ueberfuellt. Die Kreuzer haben alle am spaeten Nachmittag die Anker gelichtet, der Blick wird nun wieder durch die wenigen Haeuser und die umliegenden Berge dominiert.
Wenn so ein riesiges Monstrum ploetzlich um die Ecke biegt (sprich hinter den Felsen hervorblickt) wirkt es, als haette es sich verfahren und koennte unmoeglich absichtlich hierher in diesen kleinen Fjord wollen.

Waehrend des Paddelns hatten wir eine Schleppangel ausgebracht, konnten aber keinen Fang mit zurueckbringen. Grosse Erfolge der Angler konnte ich waehrend meiner ganzen Reise in Skandinavien nicht beobachten.

Ich bin ganz froh, morgen das Kanu wieder mit dem Fahrrad ersetzen zu koennen. Es war zwar heute ein interessantes Erlebnis, das ich sicher nie vergessen werde, aber das kleine Boot war ganz schoen wackelig und nicht gerade bequem. Mir graut bereits jetzt vor dem Muskelkater, den ich morgen in Armen und Schultern haben werde.

Abends gesellte ich mich erneut zu meinen netten Nachbarn und wir spielten eine Runde Alhambra. Immerhin wurde ich nicht Letzter, davon trennte mich ein Platz :-)

Da es am Abend wieder lausig kalt wurde, entschloss sich die Gruppe, Gluehwein zu trinken. Der Gedanke war auch mir nicht unsympathisch. Es gab also eine Tasse Gluehwein im August - zu den Temperaturen gut passend.

Morgen werde ich wieder ein paar Kilometer auf Oslo gutmachen. Wieviele wird sich zeigen, sicher ist nur, dass es direkt von Beginn an “hoch hinaus” gehen wird. Ich werde mich unterwegs bestimmt nach dem warmen Gluehwein zurueck sehnen.

Bild aufgenommen am
30.08.2007, 08:36.
Fähre auf dem Geirangerfjorden.

Das Wetter wurde tatsächlich wie vorhergesagt besser.
 
Bild aufgenommen am
30.08.2007, 16:32.
Auf dem Geirangerfjorden geben sich die Ozeanriesen die Klinke in die Hand.
 

Bei Lom - 118 km - 6679 km

1. September 2007, 10:07

Es war ein herrlicher Tag an dem einfach alles passte.

Nachdem ich mein Lager abgebaut und mich von meinen Nachbarn verabschiedet hatte, fuhr ich nach Geiranger hinein, um im Supermarkt mein Fruehstueck zu besorgen.
Ich wurde prominent aus dem Oertchen verabschiedet. Die Hauptdarstellerin der Traumschiff-Filme, die MS Europa, warf gerade ihren Anker in den Fjord.

Nach einer ordentlichen Staerkung ging es direkt in den Anstieg. Die Strasse schlaengelte sich durch den Ort nach oben. Geiranger scheint zum Grossteil aus Hotels zu bestehen, wovon viele ihre Panoramafenster mit Blick auf den Fjord direkt an der Strasse haben. An Hotelgaesten vorbei, die noch bei einem verapaeteten Fruehstueck sassen und mich aus dem Speisesaal heraus anstarrten, schraubte ich mich die Strasse hinauf.

Schon von der ersten Kurve an wurde ich von Passanten und Autofahrern angefeuert. Ich bekam erhobene Daumen aus den Autofenstern gezeigt, manche hupten und ein Spanier klopfte so stark mit der Hand durch die Seitenscheibe auf sein Autodach, dass ich Beulen im Blech befuerchtete.

18 km weiter und mehr als 1000 hm hoeher hatte ich den hoechsten Punkt erreicht. Wieder hatte ich die ersten Schneefelder unter mir gelassen, durch die Sonne waren die Temperaturen aber ertraeglich.
Es folgte eine traumhafte Abfahrt. Es war kein steiles Gefaelle zu fahren. Stattdessen profitierte ich bis nach Lom hinein, also rund 80 km spaeter, von der gutgemachten Hoehe. Die Strasse fuehrte mit meist 1-3 % Gefaelle durch ein Tal, und wurde fast ueber die ganze Strecke von einem reisenden Bach begleitet.
Erst der Ausblick vom Berg, dann dass gemuetliche Tal, so war die Etappe ein einziger optischer Leckerbissen.

In Lom angekommen traf ich noch drei weitere Tourenradler, mit denen ich mich gemeinsam auf die Suche nach einem Schlafplatz machte. Etwa zehn Kilometer ausserhalb von Lom wurden wir fuendig.

Da die Temperaturen nachts nur knapp ueber dem Gefrierpunkt blieben, machten wir an dem nahen Flussufer ein Feuer. So gewaermt liess es sich lange draussen aushalten, ohne Waermequelle haetten wir uns aber sicher bald in unsere Schlafsaecke verzogen.

Bild aufgenommen am
31.08.2007, 10:38.
Mein Fahrrad mit Blick zurück auf Geiranger und den Fjord.

Was auf mich hier schon halbwegs hoch wirkte, war erst ein kleiner Teil des heutigen Anstiegs.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 10:38.
Nochmal Geiranger und der Fjord.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 10:43.
Diese Serpentinen nach Geiranger hinab bin ich vorgestern gefahren - allerdings bei weit schlechterem Wetter.

Ganz unten auf dieser kleinen Halbinsel liegt der Campingplatz, auf dem ich übernachtet hatte.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 11:31.
Die Serpentinenstraße hinab nach Geiranger lässt sich auch hier im Hintergrund noch erkennen.

An dieser Stelle war der Aufstieg noch immer nicht am Ende.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 12:12.
Nach 18 km Anstieg: der höchste Punkt ist erreicht.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 12:35.
Felsen mit Schnee-Resten auf der Passhöhe nach Geiranger.

Sehr warm war es wirklich nicht, aber durch die Sonne war es ohne allzu dicke Kleidung erträglich.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 14:33.
Auf dem Weg nach Lom.

Dieser Fluss begleitete mich für viele Kilometer auf der langgezogenen Abfahrt.
Bei dieser Aufnahme mache ich gerade Rast zum Mittagessen.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 17:26.
Die Stabkirche in Lom.

Davor zu sehen ist Frank, den ich an dieser Stelle das erste mal getroffen habe.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 19:34.
Zu viert machten wir uns auf den Weg um einen wilden Zeltplatz zu suchen.
 
Bild aufgenommen am
31.08.2007, 19:59.
Die Routenwahl fällt im Team auch nicht immer leichter als bei einer einzelnen Person.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 09:55.
Einen schönen Zeltplatz haben wir wenige km nach Lom gefunden.

Auf dem Fahrrad kann man sich warm fahren, aber bei der Rast schlägt die niedrige Temerpatur zu.
Um uns am nächsten morgen aufzuwärmen, heizten wir wie am Abend zuvor ein kleines Feuer an.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 09:55.
Frühstück am Fluss.

Es hat mir viel Freude bereitet zumindest für kurze Zeit mit Gleichgesinnten zusammen zu sein.
Leider trennten sich unsere Fahrrad-Wege schon nach kurzer Zeit wieder.
 

Bei Skjolden - 76 km - 6755 km

1. September 2007, 23:18

Die Vierergruppe, die wir heute Morgen noch waren, loeste sich leider im Laufe der Etappe auf. Zu Beginn des Tages machten wir noch gemeinsam ein Feuer, um uns vor der Abfahrt aufzuwaermen. Die vergangene Nacht war die kaelteste meiner bisherigen Reise. Frank, ein weiterer Solo-Radler und Mitglied unserer kleinen Truppe, hatte ein Thermometer bei sich. Es zeigte beim Schlafengehen 1 Grad an.Die beiden anderen Radler, ein Paar aus Freiburg, verliessen die R55 bereits wenige Kilometer nach Etappenbeginn. Sie sind mehr wegen des Bergsteigens in Norwegen und deshalb trennten sich unsere Wege schon frueh.Das Wetter war heute leider wieder schlecht, es regnete fast den ganzen Tag leicht vor sich hin. Mit Frank als Begleitung liess es sich aber leichter ertragen.

Wir schickten uns an, eine Etappe mit vielen Superlativen zu fahren. Die R55 fuehrt unmittelbar am Jotunheimen Nationalpark entlang und vorbei an den beiden groessten Bergen Norwegens. Zudem ist sie die hoechste Passstrasse Nordeuropas. Unser Etappenziel war schliesslich der laengste und tiefste Fjord der Welt.

Was kann man von einer Etappe mehr verlangen?

Frank war besser trainiert als ich und haette mir sicherlich einige Zeit waehrend des Anstiegs auf etwas mehr als 1430 hm abnehmen koennen. Da er aber viel fotografierte und sich ansonsten meinem Tempo anpasste, kamen wir gemeinsam an der Passhoehe an.

Oben mussten einige Kilometer auf einem Plateau gefahren werden bevor es in die Abfahrt bis auf Meereshoehe ging.

Als wir den Anstieg hinter uns hatten, kamen wir an einem Hotel vorbei und da wir wegen des Regens in Kombination mit dem Wind und der niedrigen Temperaturen ziemlich gefroren hatten (ich mehr als Frank), tranken wir dort etwas Warmes.

Der Anstieg hatte uns viel Zeit gekostet und zudem waren wir spaet gestartet. Inzwischen war es 18:30 und mir wurde langsam bange, dass wir eventuell einen Teil der Abfahrt im Dunkeln bestreiten muessten. Der Gedanke trieb mich zur Eile, Frank hingegen hatte die Ruhe weg. Auch als ich ihm mitteilte, dass ich gerne moeglichst bald abfahren moechte, schien er alle Zeit der Welt zu haben. Ich fuehlte mich zwar etwas schaebig, weil er sich am Anstieg so geduldig gezeigt hatte, aber eine sichere Abfahrt ging mir in diesem Moment vor. Ich startete ohne ihn.

Das Sognefjell bot eine karge und rauhe Landschaft. Zwar dominierten graue Felsen und gruene Grasflaechen den Ausblick, es gab aber auch viel Schnee und manche der Schneefelder waren noch weit mehr als einen Meter dick.Durch die vielen Wolken konnte ich die Aussicht nicht so geniessen wie dies bei schoenem Wetter der Fall gewesen waere. Die vorbeiziehenden Wolkenfetzen und die geringe Sicht passten aber gut zur Umgebung. Mir war schon allein von Hinsehen feucht und kalt.Am Ende der steilen Abfahrt wartete ich etwa eine halbe Stunde auf Frank, aber vermutlich liess er sich auf dem Weg hinab ebensoviel Zeit zum Fotografieren wie beim Anstieg. Jedenfalls kam er nicht. Ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz und hatte vor, eine Satteltasche sichtbar am Strassenrand zu platzieren, so haette er mich auch spaeter noch finden koennen. Ich wurde aber erst einige Kilometer spaeter fuendig, Frank wird sich garantiert vorher irgendwo in die Buesche schlagen. Er schien mir bei der Auswahl der Schlafplaetze mehr Flexibilitaet als ich an den Tag zu legen. Vielleicht fahren wir uns ja morgen nochmal ueber den Weg.

Bild aufgenommen am
01.09.2007, 14:15.
Die heutige Etappe verlief am Jotunheimen-Nationalpark entlang.

Das Wetter spielte leider nicht so richtig mit.

 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 14:38.
Anstieg zum Sognefjell bei nass-kaltem Wetter
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 16:57.
Auf der Hochebene des Sognefjells liegt an vielen Stellen noch Schnee.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 17:02.
Der "Fante Steinen" im Sognefjell.

Erst gegen 17 Uhr hatten wir den mühsamen Anstieg hinter uns gebracht.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 18:06.
Schneefelder entlang der Sognefjell-Passstraße.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 18:28.
Entlang der Sognefjell-Passstraße.

Links ist die Straßeführung zu erkennen.
Relativ flach geht es über die Hochebene, bis dann eine lange und steile Abfahrt wartet.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 19:08.
Auf der Abfahrt vom Sognefjell.

Die Wolken hängen in den Tälern, wodurch die Abfahrt auf dem Fahrrad ein sehr feuchtes Vergnügen wurde.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 19:13.
Nochmal die Sicht auf die Wolken bei der Abfahrt vom Sognefjell.
 
Bild aufgenommen am
01.09.2007, 20:39.
Am Sognefjorden, dem längsten und tiefsten Fjord der Welt, angekommen.

Auf dem Bild ist das Städtchen Skjolden zu sehen.
 
Bild aufgenommen am
02.09.2007, 11:53.
Kurz nach Skjolden habe ich eine kleine Hütte am Wegesrand entdeckt, an der ich mein Nachtlager aufschlagen konnte.

Die nasse Kleidung trocknet bei dem feuchten Wetter leider trotz Unterstand nicht.
 

Naddvik - 95 km - 6850 km

2. September 2007, 22:41

Heute war ein eher ereignisloser Tag. Durch den morgentlichen Regen startete ich erst gegen 12:30 Uhr. Bis in den spaeten Nachmittag hinein war es immer wieder fuer einige Zeit lang trocken, dann wurde der Regen haeufiger. Die vergangenen vier Stunden regnete es ununterbrochen.

Eigentlich hatte ich vor auf der E16 zu bleiben, aber ein fuer Radler gesperrter Tunnel zwingt mich nun zu einem kleinen Umweg ueber die R53. Landschaftlich scheint es mir sogar der schoenere Weg zu sein, bei dem schlechten Wetter haette ich aber die kuerzere Variante bevorzugt.

Bei einer kurzen Faehrfahrt habe ich heute wie auch bereits bei der Kanutour auf dem Geirangerfjord Rueckenflossen aus dem Wasser ragen sehen. Der Groesse nach wuerden sie zu Delphinen passen, sie waren aber schwarz und nicht grau. Ich bin nicht Zoologe genug um mich festzulegen, aber ich wuerde in beiden Faellen auf Schweinswale tippen.

Wieder einmal habe ich einen wunderschoenen Zeltplatz gefunden. Das Zelt steht unmittelbar am Fjord, eine Feuerstelle ist nur wenige Meter entfernt und ich habe eine herrliche Aussicht auf ein paar umliegende Berge.
Ich darf nur nicht daran denken, wie es hier bei schoenem Wetter sein koennte, sonst verfalle ich in eine tiefe Depression.

Bild aufgenommen am
02.09.2007, 13:00.
Häufig zu sehen in Skandinavien: hübsch verzierte Briefkästen.
 
Bild aufgenommen am
02.09.2007, 18:46.
Eine wunderbare Landschaft bei leider schlechtem Wetter.
 
Bild aufgenommen am
03.09.2007, 09:00.
Zeltplatz bei Naddvik, direkt am Fjord.
 

Grindaheim - 89 km - 6939 km

3. September 2007, 20:07

Zuerst ging es heute weiter am Fjord entlang bis nach Ovre Ardal. Zu meiner Begeisterung regnete es nicht. Erst als ich mich nach Ovre Ardal in den Anstieg begab, begann es wieder zu nieseln.
Der Wind blies heftig. Mal kam er von vorne, nach der naechsten Serpentine staerkte er mir wieder den Ruecken - es schien ein Nullsummenspiel zu werden.

Am Ende der Serpentinen, geschaetzt auf 600-700 m Hoehe, ging der Regen langsam in Schnee ueber.
Der Anstieg war allerdings noch nicht vorbei. Es ging auf einem Hochplateau mit weniger Steigung, meist um die fuenf Prozent, nach oben. Der Wind hatte sich nun gluecklicherweise entschieden, mich zu unterstuetzen und schob mich mit viel Kraft voran. Es wehte mit mindestens sechs Beaufort, die Boen lagen sicherlich darueber.

Es gab keine exakte Hoehenangabe, aber der Farbschattierung auf einer Informationstafel entnahm ich, dass ich mich am hoechsten Punkt zwischen 800 und 1000 hm befand.
Ich musste dort angekommen aus der nassgeschwitzen Kleidung, was aber bei Starkwind, einem ebenso nassgeschwitzen Koerper, Temperaturen um den Nullpunkt und heftigem Schneefall keine ungefaehrliche Aufgabe darstellte. Ein Haus, das sich noch im Bau befand, bot mir Schutz. Die Folien, die die noch nicht eingebauten Tueren und Fenster ersetzen sollten, waren bereits eingerissen oder durch den Wind komplett weggeweht worden. So konnte ich mich im Inneren ein paar Minuten erholen, etwas essen und trockene Kleidung ueberziehen.

Anschliessend liess ich mich vom Wind einige Kilometer bis zum Beginn der Abfahrt wehen. Sie war erwartungsgemaess kein grosser Genuss. Durch das schlechte Wetter hatte ich oben nur wenige hundert Meter Sicht und dieser Zustand hielt fast bis zum Ende der Abfahrt an.
Ich musste mehrere Male anhalten, da mir schrecklich kalt war, speziell die Finger litten unter der nassen Kaelte. So stand ich dann am Strassenrand und klatschte meine Haende warm. Die Autofahrer muessen mich fuer bekloppt gehalten haben, es schien als wuerde ich ihnen beim Fahren applaudieren.

Unten angekommen kam ich noch immer in den Genuss des Rueckenwinds, auch jetzt weht es draussen noch sehr ordentlich. Ich haette nichts dagegen, wenn er bis morgen anhalten wuerde. Mein Zelt steht gut geschuetzt und ein wenig Unterstuetzung waehrend der Fahrt morgen koennte ich schon vertragen.

Bild aufgenommen am
03.09.2007, 12:13.
Ovre Ardal nach den ersten Höhenmetern des heutigen Anstiegs.

Eigentlich wollte ich einen anderen Weg nehmen. Durch einen für Fahrräder gesperrten Tunnel musste ich aber meine Route ändern und den heutigen "senkrechten Kilometer" einbauen.
 
Bild aufgenommen am
03.09.2007, 13:00.
Beim Anstieg zum Heirsnosi, der passenderweise auch "Tusenmeter" genannt wird.

Zum Wetter brauche ich angesichts des Bildes nicht mehr viele Worte verlieren.
Zum Fahrrad fahren war es jedenfalls nicht optimal.
 
Bild aufgenommen am
03.09.2007, 14:38.
In einem Rohbau auf der Passhöhe.

Die nasse Kleidung auf freiem Feld zu wechseln, war mir angesichts der Temperaturen und des starken Windes zu gefährlich. Auf dieser Baustelle fand ich für ein paar Minuten Schutz.
 
Bild aufgenommen am
03.09.2007, 15:02.
Während ich mit meinem Fahrrad die Hochebene entlang fuhr, schneite es kräftig.
 
Bild aufgenommen am
03.09.2007, 20:13.
Nach einer eisigen Abfahrt tat die warme Dusche auf dem Campingplatz bei Grindaheim sehr gut und angesichts der vielen Höhenmeter schmeckte auch das Abendessen überraschend lecker.
 

Honefoss - 230 km - 7169 km

6. September 2007, 09:17

Die letzten beiden Tage bin ich nicht zum Schreiben gekommen, also werde ich das jetzt und hiermit nachholen.

Am Dienstag Morgen hatte der Wind nachgelassen, zuvor aber saemtliche Wolken vom Himmel geweht. Auf eine sternenklare Nacht folgte ein sonniger Tag. Da ich gelernt habe, dass die schoenen Tage in Norwegen selten sein koennen, entschloss ich mich, das gute Wetter ausgiebig zu nutzen und viel Strecke zu machen.

Erst ging es auf der E16 weiter Richtung Fagernes. Schon hier war die Landschaft wie ausgewechselt. Keine schneebedeckten Berge oder enge Fjorde, stattdessen gab es weite Taeler mit viel Gruen.

Das Wetter animierte mich zu einem kleinen Abstecher nach Dokka, was mich noch mal einige hundert Hoehenmeter nach oben brachte. Dieser Anstieg auf knapp 800 hm war aber schnell erledigt, da ich bei weitem nicht auf Meereshoehe gestartet war.
Ansonsten gab es keine groesseren Anstiege zu bewaeltigen, die Strecke war aber speziell die letzten hundert Kilometer sehr wellig und damit trotz fehlender Hoehenlagen ziemlich anstrengend.

In Dokka drehte ich dann wieder Richtung Sueden. Kurz nach Honefoss, es war gegen 23:30 Uhr, baute ich mein Zelt auf einem abgeernteten Feld auf. Der Boden war ziemlich uneben, aber in der Dunkelheit konnte ich keinen besseren Platz finden.
Der Schlaf fiel entsprechend flach aus, zudem kreiste morgens der Bauer mit seinem Traktor auf dem Nachbarfeld. Die Nacht war insgesamt wenig erholsam.

In der Nacht troepfelte es auch leicht, in den Morgenstunden war der Regen aber bereits wieder abgezogen und ich konnte mich bei schoenem Wetter auf die letzten Kilometer nach Oslo begeben.

Bild aufgenommen am
04.09.2007, 08:10.
Blick auf den Vangsmjösi-See vom Boflaen Campingplatz aus.
 
Bild aufgenommen am
04.09.2007, 08:10.
Mein Zelt und Fahrrad auf dem Boflaten Campingplatz, gut geschützt vor dem starken Wind durch Büsche und Bäume.
 
Bild aufgenommen am
04.09.2007, 09:34.
Im Hintergrund sind die Berggipfel zu sehen, dich gestern mit dem Fahrrad zu bewältigen waren.

Zum Glück war das Wetter heute wie ausgetauscht.
 
Bild aufgenommen am
04.09.2007, 10:33.
So grün und lieblich hatte ich Norwegen bisher noch nicht gesehen.
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 10:38.
Wilder Zeltplatz kurz vor Oslo.

Die Suche in der Dunkelheit bescherte mir nur einen sehr unebenen Stellplatz für mein Zelt.
 

Oslo - 66 km - 7235 km

6. September 2007, 13:37

Die letzten 50 Kilometer vor einer Grossstadt sind immer die schlimmsten.Wenn eine Stadt nicht gerade auf einem speziellen Radweg angefahren werden kann (beispielsweise Wien an der Donau entlang) und man sich anhand der Beschilderung seinen Weg ins Zentrum suchen muss, steht man als Radler oft ziemlich alleine da.Oslo werde ich als eine der am schlechtesten ausgeschilderten Stadtanfahrten in Erinnerung behalten. Die E16 war alle paar Kilometer ein Stueck weit fuer Fahrraeder gesperrt und eine alternative Wegbeschilderung gab es nicht. Neben dem Verbotsschild stand manchmal ein Wegweiser, der von der Hauptstrasse weg zeigte. Das war die gesamte Beschilderung.
Den Weg durch die Vorstaedte musste ich dann selbst bestreiten. Oslo ist zwar schon oft angeschrieben, aber leider nur fuer Autos und die grossen Strassen waren fuer mich leider tabu.

Nach Kompass, Nasengefuehl und spaeter an einer Bahnlinie entlang, tastete ich mich ins Zentrum vor.
Dort angekommen, drehte ich eine kleine Innenstadtrunde und machte mich anschliessend auf zum Faehrhafen.
Da die Faehre ueber Nacht fuhr, musste ich zwangslaeufig eine Kabine buchen. So ganz unrecht war mir das aber nicht. Sie war nicht uebermaessig teuer und eine zweite Nacht mit wenig Schlaf waere sicher kein Vergnuegen gewesen und haette mich einen grossen Teil des heutigen Tages gekostet.

Als ich mein Ticket hatte, waren noch ein paar Kronen uebrig. Es waren aber so wenig, dass sich das Zuruecktauschen nicht gelohnt haette. Ich ging nochmal einkaufen und goennte mir anschliessend trotz der typisch norwegisch ueberteuerten Preise etwas Warmes zu essen.

Gegen 20 Uhr lief die Faehre aus. Durch die untergehende Sonne erhielt ich beim Verlassen von Oslo einen fantastischen Ausblick vom Sonnendeck aus auf die Stadt. Ich blieb lange an Deck stehen und genoss den Abschied von Norwegen.
An Bord teilte ich meine 4er Kabine mit 2 Daenen. Einer davon, Henrik, war nur wenig aelter als ich und befand sich gerade auf dem Weg von Kirkenes nach Daenemark. Wir gingen zusammen auf “ein” Bier in die Lounge des Schiffes und unterhielten uns bis spaet in die Nacht.
Einen besseren und unterhaltsameren Kabinennachbar haette ich mir nicht vorstellen koennen.Nach viel zu wenigen Stunden Schlaf kamen wir bereits in Frederikshavn an, wo ich gerade auf einer Bank in der inzwischen erwachten Fussgaengerzone sitze und tippe.Durch das schlechte Wetter habe ich den Sueden von Norwegen schneller verlassen als geplant. Ich haette in Norwegen gerne noch einige Dinge befahren (z.B. die Atlantikstrasse, den Trollstiegen oder den Rallarvegen), aber der Regen war mir am Ende einfach zuviel. Somit bleibt nun doch noch genuegend Zeit fuer die Durchquerung von Daenemark. Vom Wetter her scheint die Entscheidung richtig gewesen zu sein, ich wurde mit viel Sonnenschein empfangen.

Bild aufgenommen am
05.09.2007, 15:59.
In Oslo angekommen.
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 19:30.
Kabine in der Fähre von Oslo nach Frederikshavn
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 19:40.
Blick von der Fähre zurück auf Oslo und den Parkplatz der Fähre.

Als Fahrradfahrer durfte ich vor dem motorisierten Verkehr einchecken. So lobe ich mir das :-)
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 19:40.
Das Oslo-Opernhaus, ebenfalls von der Fähre aus fotografiert.
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 19:46.
Oslo verabschiedet mich so, wie ich ganz Norwegen kennenlernen durfte: mit spektakulären Sonnenuntergängen.
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 20:15.
Die letzten Blicke nach Norwegen.

Einerseits bin ich am Ende aus dem Land wegen des vielen Regens regelrecht geflüchtet.
Andererseits habe ich unvergessliche Momente während meiner Fahrradreise durch das Land der vielen Fjorde erlebt.
 
Bild aufgenommen am
05.09.2007, 20:24.
Rund um Oslo sind winzige Inseln dicht besiedelt
 

Brovst - 122 km - 7357 km

6. September 2007, 21:48

Der Empfang in Daenemark konnte besser kaum sein. Strahlend schoenes Sommerwetter und nur wenig von dem von Radlern in diesem Land gefuerchteten Wind.

Die Landschaft ist (wen wundert es) von Norddeutschland nicht zu unterscheiden. Im Vergleich zu Norwegen koennte man vom genauen Gegenteil sprechen. Es gab nicht einen Berg, die wenigen vorhandenen Anstiege enden meist schon nach weniger als 200 m. Zudem gibt es Fahrradwege entlang fast jeder Strasse. Durch die flache Landschaft lassen sich diese verstaendlicherweise viel einfacher bauen als in steilen Berglagen. Insofern soll das kein Vorwurf an die Norweger sein.
Mich wuerde interessieren, was der durchschnittliche Strassenkilometer in Norwegen und im Vergleich dazu in Daenemark kostet. Muessen sich die Norweger praktisch bei jeder Verbindung durch Berge schlaengeln, liegt hier einfach ein Stueck gerader Strasse zwischen zwei Orten.

Ich hatte vor den R1, also den Radweg entlang der Nordseekueste, fuer den Weg nach Deutschland zu nutzen.
In Lokken hatte ich meine erste Bekannschat mit ihm und war danach ein wenig enttaeuscht. Mir war klar, dass er am Meer entlang fuehrt, was ja prinzipiell eine prima Sache ist. Ich wusste aber nicht, dass der Sandstrand den R1 darstellt. Der Sand ist fest, man kann auf ihm eine halbwegs vernuenftige Reisegeschwindigkeit erreichen. Nach etwa 15 km waren meine Kette und die Ritzel aber so voller Sand, dass die Kette unrund lief. Ich werde morgen in der Naehe von Thisted einen weiter Anlauf mit dem R1 versuchen, vielleicht ist der Grund dort besser und weniger sandig.

Die Lebensmittelpreise haben eine Schritt hin zur deutschen Normalitaet gemacht. Kaum etwas ist so guenstig wie bei einem deutschen Discounter (obwohl teils die gleichen Unternehmen wie in D vertreten sind) aber trotzdem kann man wesentlich guenstiger einkaufen als in Norwegen.

Zwar hatte ich heute vor, einen Campingplatz anzufahren, aber es kam lange Zeit keiner. Ich habe mich dann fuer einen Acker weit entfernt von jeglichen Gebaeuden entschieden und dort mein Zelt wild aufgeschlagen.

Bild aufgenommen am
06.09.2007, 14:54.
Sandstrand in Dänemark.

Als Radweg fand ich das völlig ungeeignet, aber nach dem vielen Regen in Norwegen war es eine willkommene Abwechslung.
 
Bild aufgenommen am
06.09.2007, 15:51.
So schnell kann das gehen: vorgestern noch Schneefall und drohende Lungenentzündung, jetzt Badeurlaub am Sandstrand :-)
 
Bild aufgenommen am
06.09.2007, 16:49.
Der Strand in Dänemark war zwar gut bevölkert, aber durch die schiere Größe fühlt man sich trotzdem als wäre man für sich alleine.
 
Bild aufgenommen am
06.09.2007, 16:52.
Mein Fahrrad hatte unter dem Sand etwas zu leiden.
 

Was ist das nur fuer ein Geraeusch?

7. September 2007, 10:46

Schon seit einigen tausend Kilometern hoere ich immer wieder ein leises Geraeusch. Je weiter ich nach Sueden gekommen bin, desto lauter wurde es.
Nach der Faehrfahrt gestern war es ploetzlich noch deutlicher zu hoeren. Erst heute aber kann ich es entgueltig zuordnen. Es sind Glocken. Dann muessen es wohl die Hochzeitsglocken sein, die ich aus dem tiefen Schwabenland bis in den hohen Norden klingen hoere.

Da ich weiss, dass das Brautpaar eifrige Leser dieser Seite sind, wollte ich mir das Vergnuegen nicht nehmen lassen, auf diesem Weg ein paar Worte in einem zu dieser Seite passenden Jargon an die frisch Vermaehlten zu richten.

Liebe Bea, lieber Jens,

ich wuensche Euch, dass eure Ehe so packend ist wie eine hydraulische Scheibenbremse, dass Ihr sie so flexibel gestaltet wie eine Sattelstuetze mit Schnellverschluss, dass sie so rund lauft wie ein frisch zentriertes Laufrad und insbesondere hoffe ich, dass Ihr noch viel mehr Ausdauer an den Tag legt, als es der beste Tour de France Fahrer jemals konnte.

Alles Gute fuer Euren gemeinsamen Weg.

Viborg - 115 km - 7472 km

8. September 2007, 10:36

In der Nacht auf gestern frischte der Wind auf und morgens wehten etwa 4 Windstaerken aus WNW. Da mir nicht danach war knapp 100 km gegen den Wind zu strampeln, aenderte ich (mal wieder) meine Planung.
Druecken wir es positiv aus: Ich bewies Flexibilitaet :-).
Als ein Radweg nach Viborg angeschrieben war, drehte ich nach wenigen Kilometern in westliche Richtung nach Sueden ab. Zwar bremste der Seitenwind meist das Tempo ein paar km/h ab, manchmal schob er aber auch leicht voran. Ich konnte mit ihm leben.

Inzwischen hat er nochmal zugelegt. Mal sehen wie weit ich heute komme - und speziell wohin. Wenn die Windrichtung so bleibt, fahre ich statt wie geplant an der Nordsee bald am Kattegat entlang.

Am Campingplatz, auf dem ich gerade bin, sieht man zu Norwegen fast so starke Unterschiede wie an der Landschaft. Zum ersten mal auf meiner Reise bekam ich eine Parzelle zugeteilt. Auch die sanitaeren Einrichtungen sind in Art und Umfang wesentlich besser als fast alles, was ich im Norden auf Campingplaetzen gesehen habe.
Komischerweise trifft das auf die sanitaeren Einrichtungen entlang der Strassen nicht zu. Die zwei Haeuschen, die ich in Daenemark bisher betreten habe, habe ich unverrichteter Dinge wieder verlassen. Sie waren unzumutbar verdreckt. Das habe ich in Norwegen nie erlebt.

Zum Kartenmaterial sollte ich auch noch ein paar Worte verlieren.
Seit Trelleborg fahre ich mit einer einzigen Karte. Es ist die 711 von Michelin. Sie hat ein Groessenverhaeltnis von 1:1,5 Mio., ist also fast schon als Globus zu bezeichnen. Sie hat bisher aber immer ausgereicht. Ich habe mich nur einmal ordentlich verfahren, als ich in Finnland einen 20 m breiten Bach fuer den viele hundert Meter breiten Kemijoki gehalten habe.
In Daenemark ist die Karte aber ungeeignet. Sie ist fuer das dicht besiedelte Land nicht detailliert genug. Waeren es nicht nur noch zwei Tage bis Deutschland, wuerde ich mir fuer Daenemark eine bessere Navigationsgrundlage beschaffen.

Auf einem Campingplatz in Norwegen wurde mir von einem Deutschen ein Vorurteil fuer Daenemark mit auf den Weg gegeben, dass ich inzwischen bestaetigen kann. Ich weiss nicht wieviel davon die Bauern hier auf die Felder kippen, aber fast das ganze Land stinkt nach Guelle.

Bild aufgenommen am
08.09.2007, 17:57.
Dänemark ist so flach wie eine Briefmarke - speziell im Vergleich zu Norwegen.
 

Vejle - 128 km - 7599 km

9. September 2007, 08:40

Morgens troepfelte es fuer ein paar wenige Minuten, gluecklicherweise war es das dann aber schon mit dem Regen fuer den Tag. Der Wind wehte unveraendert stark aus westlicher Richtung. Ich freute mich deshalb ueber jeden Wald, den ich durchfahren konnte, wie auch ueber alles andere, was Windschatten gab.
Zwar faehrt es sich nicht gerade komfortabel wenn man staendig von links nach rechts geworfen wird, trotzdem kam ich halbwegs gut vorwaerts.

Am Ende der Etappe kaufte ich in Vejle an einem kleinen noch geoeffneten Supermarkt ein. Schon seit mehreren Touren habe ich mir angewoehnt meine Sonnenbrille, die ich weniger wegen der Sonne sondern mehr wegen der Insekten trage, an den Lenker zu haengen, wenn ich sie gerade nicht brauche. So eben auch beim Einkaufen gestern. Das inzwischen schon mehrere Jahre alte und ehemals fuenf Euro teure Stueck fiel gestern einem Langfinger zum Opfer. Der Schaden ist gering, ein wenig aergert es mich trotzdem.
Daenemark ist eben doch nicht Norwegen.

Kurz nach Vejle fand ich ein Feld, das vor Einblicken von der Strasse aus gut geschuetzt ist. Dort habe ich die Nacht verbracht.
Heute Morgen weckte mich die Sonne, die schon frueh auf mein Zelt schien. Der Wind haelt noch immer an, aber der Himmel ueber mir ist komplett blau, nicht eine Wolke ist in Sicht.

Heute gibt es fuer mich eine ganz besondere Motivation: Nach mehr als zwei Monaten Abwesenheit freue ich mich auf die Grenze nach Deutschland schon wie ein kleines Kind auf Weihnachten.

Bild aufgenommen am
09.09.2007, 09:01.
Gut geschützter Zeltplatz in Dänemark.
 

Schobuell - 173 km - 7772 km

10. September 2007, 00:02

Seit ich Berlin verlassen habe, also seit mehr als zwei Monaten und etwa 7000 km, habe ich nie gewusst, wass mich ueber dem naechsten Berg, nach der naechsten Kurve oder hinter dem naechsten Wald erwartet. Fuer mich macht dieses Ungewisse einen grossen Reiz des Radreisens aus.
Trotzdem war es schoen, nach dieser langer Zeit wieder einen Ort anzufahren, den ich bereits kannte. Zwar war ich auf dem Campingplatz in Schobuell nur einmal 2005 fuer zwei Naechte, aber nach dem vielen Unbekannten fuehlte es sich auf den letzten Metern an wie ein “Heimkommen”.

Das Wetter war heute etwas wechselhaft. Morgens hatte ich noch Sonne pur und einen Wind aus westlicher Richtung. Abends waren dunkle Wolken am Himmel und der Wind schob mich flott nach Sueden. Heute Nacht und morgen soll es regnen, der Rest der Woche ist waermer und vor allem trocken vorhergesagt.

Mein Fahrrad zeigt inzwischen ziemliche Gebrauchsspuren. Die Pedale sind komplett abgefahren. Dadurch, dass ich die Cleats trotz defektem Klick-Mechanismus an den Schuhen belassen habe, wurden saemtliche Erhebungen, die ein Abrutschen der Schuhe verhindern sollten, abgeschmirgelt. Es faehrt sich jetzt, als waeren die Pedale vereist, so rutscht man auf ihnen hin und her. Zudem hat das Lager auf beiden Seiten ziemlich viel Spiel.
Heute morgen bemerkte ich eine gebrochene Speiche am Vorderrad und leider macht auch die Hinterradnabe wieder Probleme. Besonders das Letzte, sollte es schlimmer werden, koennte dafuer sorgen, dass ich mich bald im Zug nach Bremerhaven wiederfinde. Dort wollte ich mein Rad wieder flott machen lassen und neben den angesprochenen Details noch ein paar weitere Verschleisserscheinungen beseitigen lassen.
Kennt jemand der Mitlesenden einen guten Fahrradladen in Bremerhaven, den er mir empfehlen kann?

Zwar kann ich immer noch gut mit dem Rad fahren, das Gefuehl dabei ist aber wenig vertrauenserweckend. Ich habe den Eindruck, als muesste ich mich nur noch bis ueber die Ziellinie des Fahrradgeschaefts retten. Der Spruch “ein totes Pferd reiten” beschreibt es ziemlich treffend. Natuerlich koennte ich kleinere Dinge auch jetzt schon waehrend den Etappen selbst beheben, ich bevorzuge aber, es von fachkundiger Hand in einem Aufwasch auf Vordermann bringen zu lassen.

Da am Donnerstag bekanntlich meine Freundin zu mir stoesst und ich mein Ross bis dahin wieder einsatzfaehig haben moechte, sollte ich nun schleunigst nach Bremerhaven kommen. Der gerade eben einsetzende Regen passt leider gar nicht zu dieser Planung.

Bild aufgenommen am
09.09.2007, 12:58.
Die erste gebrochen Speiche an meinem Fahrrad während dieser Tour.

In Bremerhaven wird es eh bald generalüberholt, da kommt es auf die eine Speiche nicht an.
 
Bild aufgenommen am
09.09.2007, 16:05.
Nach über zwei Monaten bin ich zurück in Deutschland.
 

Stade - 174 km - 7945 km

11. September 2007, 06:27

Wie vorhergesagt, regnete es gestern. Gegen Mittag kam ich aber auch in den Genuss ein paar trockener Stunden, erst abends setzte der Niederschlag wieder ein.

Als ich in Glueckstadt die Elbe per Faehre ueberquert hatte, war es schon etwas daemmerig und meine Lust, die Fahrt nach Bremerhaven bei Regen, Gegenwind, mit einem eiernden Hinterrad und dann auch noch bei Dunkelheit fortzusetzen, war aeusserst gering. Die Entscheidung fiel also fuer die Schiene. Leider war der naechste Bahnhof in Stade auch noch 30 km entfernt, er lag aber guenstig in Windrichtung.

Auf der Faehre traf ich Martin, der gerade von einer Rucksackreise in Norwegen kam und seine letzen Kilometer heimwaerts auch auf dem Fahrrad bestreitet. Da er noch keine genaue Planung fuer die Nacht hatte und auch kein Zelt mit sich fuehrte, schloss er sich spontan meiner Route an und so standen wir dann gegen 21:30 Uhr am Bahnhof in Stade. Die einzige Verbindung haette mich ueber Hamburg gefuehrt und dabei haette ich drei mal Umsteigen muessen. Umsteigen mit einem voll bepackten Reiserad ist kein besonderer Spass, also entschied ich mich fuer die komfortablere Variante (nur 1x Umsteigen) am naechsten Morgen um fuenf Uhr.

Ein Schlafplatz fuer die Nacht war schnell gefunden. Direkt neben dem Bahnhof stand ein Parkhaus, in dem wir es und gemeinsam auf der obersten ueberdachten Etage bequem machten. Ein Bediensteter eines Sicherheitsunternehmens drehte nachts mit dem PKW eine Runde durch das Parkhaus. Nach dem Hinweis, wir haetten um fuenf Uhr einen Zug zu erwischen, wuenschte er uns noch “viel Spass” und verschwand wieder.
Der Schlaf haette tiefer und die Nacht laenger ausfallen koennen, aber wir lagen trocken und mein Weg zum Bahnhof war kurz, was am Ende mehr zaehlte.

Ich sitze gerade im Zug irgendwo zwischen Buxtehude und Bremerhaven. Dort angekommen, moechte ich moeglichst flott mein Zelt auf dem Campingplatz aufschlagen, mein Gepaeck ablegen und dann mein Fahrrad an geeignete Haende uebergeben.

Bild aufgenommen am
10.09.2007, 22:43.
Der Regen veranlasste uns dazu einen unkonventionellen Übernachtungsplatz auszuwählen: Das Parkhaus am Bahnhof in Stade.
 
Bild aufgenommen am
11.09.2007, 04:34.
Hauptsache trocken.
 

Spaden bei Bremerhaven

12. September 2007, 10:38

Als ich gestern Morgen mit dem Zug in Bremerhaven angekommen war, machte ich mich auf die Suche nach einem Campingplatz. Wenige Kilometer ausserhalb der Stadtgrenze wurde ich fuendig.
Die bereits anwesenden Gaeste machten Scherze, wo ich den “hergespuelt” kaeme? Scheinbar war die Entscheidung, in Stade trocken zu uebernachten, sehr gluecklich getroffen. In Bremerhaven muss es die Nacht ueber sehr stark geregnet haben.
Auch auf der Zeltwiese zeugten zentimetertiefe Wasserlachen davon.

Ich suchte einen halbwegs trockenen Platz, baute mein Zelt auf und begab mich auf die Suche nach einem Radgeschaeft. Beim zweiten Treffer hatte ich glueck, der Mechaniker meinte, er schaffe es, die zu erledigende Arbeit in den naechsten zwei Tagen unterzubringen.
Jetzt bin ich also ein Radreisender ohne Rad.

Einen kleinen Fussmarsch spaeter war ich zurueck am Campingplatz, wo mir angeboten wurde, dass ich mein Zelt wegen des immer mal wieder nassen Wetters unter einem leerstehenden hoelzernen Pavillon aufbauen koennte. Das wollte ich natuerlich nicht ausschlagen, somit steht mein Zelt nun unter einem sechseckigen Pavillon mit vielleicht sieben Metern Durchmesser im Trockenen, auch meine Waescheleine baumelt unter dessen Dach. Aeusserst praktisch.

Noch ueberlege ich, was ich mit dem angebrochenen Tag heute machen werde. Vielleicht fahre ich mit dem Bus nach Bremerhaven hinein, vielleicht miete ich mir zu diesem Zweck auch ein Rad am Campingplatz. Alternativ koennte ich auch einfach nur faul sein. Klingt ebenfalls verlockend.

Bild aufgenommen am
11.09.2007, 19:47.
Gut geschützt unter einem festen Dach steht mein Zelt auf dem Campingplatz in Spaden.
 
Bild aufgenommen am
11.09.2007, 21:24.
Die Stadtlichter in der Nacht.
 

Spaden Tag 2 - 25 km - 7970 km

12. September 2007, 19:10

Als ich heute um die Mittagszeit in dem vielleicht zwei Kilometer entfernten Gewerbegebiet einkaufen war, klingelte mein Handy. Der Herr vom Fahrradgeschaeft hatte schlechte Neuigkeiten. Die Lagerschale (ist das der Fachbegriff?) in der die Kugeln des Kugellagers laufen, war “angefressen”. Das Wechseln des erneut zerstoerten Kugellagers haette keine dauerhafte Loesung dargestellt und ich war trotz der unschoenen Mitteilung froh, dass er mir nicht einfach ein paar neue Kugeln verpasst hat, um sich den weiteren Aufwand zu sparen.

Ich war nicht bereit in eine weitere der suendhaft teueren DualDrive-Naben zu investieren. Das Beschaffungsproblem waere zudem noch hinzu gekommen.
Als haette ich den Braten schon vorab gerochen, hatte ich vor der Reise beim Erneuern des einzigen Kettenblatts gleich aus Vorsicht eine 3-fach Kurbel montiert. Ich schlug ihm also vor mir einen alten Schalthebel (meinetwegen auch ohne Indexierung) an das Unterrohr zu schrauben und einen Umwerfer anzubringen.
Das Resultat ist tatsaechlich ein Umwerfer samt Baumarkt-Schalthebel (jetzt wurde mir auch wieder bewusst, warum die heutigen Schalthebel Rapidfire genannt werden), immerhin aber am Lenker angebracht.

Durch diesen Umbau wurde nun, wie schon in Bodo befuerchtet, ein neues Laufrad faellig. Insgesamt kein billiges Unterfangen, aber dafuer bin ich jetzt die DualDrive-Nabe los und fahre an dieser Stelle Komponenten, die wohl jeder Zweiradmechaniker weltweit bis zur letzten Schraube kennen duerfte.

Andererseits sind die Kosten in Relation zu den gefahrenen Kilometern mehr als gering. Ich ueberlege, mit welcher anderen Fortbewegungsmethode ich sonst 8000 km in dieser Zeit zu geringeren Kosten haette zuruecklegen koennen - bisher uebrigens ergebnislos.

Das Prinzip, die Nabenschaltung mit der Kettenschaltung zu kombinieren, ist in meinen Augen eine tolle Sache. Ich kann auch heute ueber die Nabenschaltung kein schlechtes Wort verlieren. Sie schaltete stets zuverlaessig, arbeitete geraeuscharm und einen Leistungsverlust durch sie konnte ich nicht bemerken. Leider scheint mir die Nabe, in die sie von SRAM gebaut wird, den Anforderungen des Radreisens nicht gewachsen zu sein.

Ich habe heute nicht mehr Nennenswertes gemacht als eingekauft und mein Fahrrad abgeholt. Der Tag verging wie im Flug.

Das Wetter kann sich heute nicht entscheiden. Es wechselt zwischen seltenen Regenschauern, vielen Wolken und wenig blauem Himmel ab. Da ich aber unter einem festen Dach gut geschuetzt liege, kann mir das egal sein.

Bild aufgenommen am
12.09.2007, 09:44.
Leider ist die Unterkunft etwas zu schwer um sie auf die weitere Fahrrad-Reise mitzunehmen.
 
Bild aufgenommen am
12.09.2007, 09:45.
Nach über zwei Tagen war sogar bei diesem Nieselwetter die Wäsche trocken.
 
Bild aufgenommen am
12.09.2007, 18:14.
Die Rechnung der Fahrrad-Instandsetzung.

Soviel sei vorweggenommen: die Arbeiten waren sauber ausgeführt. Keines der bearbeiteten Teile machte mir auf der restlichen Tour Probleme.
 
Bild aufgenommen am
12.09.2007, 18:15.
Mein neuer Schalthebel:

Nicht gerade Shimano Rapidfire, aber dafür schnell und einfach zu bekommen.

Kleines Update aus dem September 2010: Dieser Schalthebel arbeitete nicht nur zuverlässig während der restlichen Tour, sondern leistet auch heute noch treue Dienste.
 

Dangast - 95 km - 8065 km

14. September 2007, 09:04

Gegen 8:30 Uhr, ich stand bereits am Bahnhof, kam meine Freundin gestern mit dem Zug in Bremerhaven an. Da wir uns natuerlich viel zu erzaehlen hatten, machten wir es uns auf einer abgelegenen Bank direkt an der Weser bequem. Dort blieben wir fuer einige Stunden.

Im Anschluss setzten wir mit der Faehre ueber die Weser und fuhren nicht den direkten Weg nach Varel, sondern nahmen den landschaftlich reizvolleren Weg entland des Nordsee-Radwegs. Am Deich und dem Jadebusen entlang war der Radweg flach wie ein Buegelbrett und sehr gemuetlich zu fahren.

Das Wetter war morgens nicht gerade berauschend, immerhin aber trocken. Im Laufe des Tages wurden die Wolken weniger bis abends ein fast wolkenfreier blauer Himmel ueber uns zu sehen war.

In Dangast entschieden wir uns, am Campingplatz zu bleiben. Dort gruebeln wir momentan ueber die weitere Strecke nach.

Bild aufgenommen am
13.09.2007, 09:28.
Meine Liebste kennt mich einfach so gut, sie weiß genau womit man mir eine Freude machen kann :-)

An dieser Stelle auch Danke an alle Personen, die mir auf diesem Weg Geschenke aus der Heimat haben zukommen lassen.
 
Bild aufgenommen am
13.09.2007, 09:55.
Nach langen Wochen endlich wieder vereint.
 
Bild aufgenommen am
13.09.2007, 09:55.
An der Nordsee bei Bremerhaven.
 
Bild aufgenommen am
13.09.2007, 12:54.
Ziege am Deich.
 
Bild aufgenommen am
13.09.2007, 12:59.
Wieder eine runde Zahl geschafft: 8000 km auf dieser Fahrrad-Reise quer durch Europa liegen bereits hinter mir.
 

Schirum - 75 km - 8140 km

15. September 2007, 09:32

Nach einem kurzen Einkauf in Sande sind wir am Radweg des Ems-Jade-Kanals entlang gefahren. Als Tagesziel war Emden geplant.

Unmittelbar nach einer ausgedehnten Mittagspause begann es zu troepfeln. Da wir nur wenige Meter zuvor an einer ueberdachten Grillstelle vorbei gekommen waren, fuhren wir dorthin zurueck und rasteten erneut. Erst gegen 17:30 Uhr war es wieder dauerhaft trocken und so fuhren wir weiter am Kanal entlang bis Aurich.

Wir fragten mehrere Passanten nach einem Campingplatz, aber es schien keinen in der naeheren Umgebung zu geben. Als Uebernachtungsplatz fanden wir nur wenige Kilometer ausserhalb Aurichs eine schlecht einzusehende Wiese, die fuer unsere Zwecke gut geeignet war.

Bild aufgenommen am
14.09.2007, 10:11.
Auf dem Campigplatz bei Dangast, direkt am Jadebusen.

Für die nächsten Wochen haben wir natürlich ein größeres Zelt dabei.
In meinem wäre für eine zweite Person keinen Platz.
 
Bild aufgenommen am
14.09.2007, 16:01.
Die Regenpause fällt dank der von meiner Freundin mitgebrachten Literatur sehr unterhaltsam aus.
 

Beerta - 68 km - 8208 km

16. September 2007, 13:18

Als wir gestern unser Zelt abgebaut hatten, fuhren wir nochmal zurueck nach Aurich und kauften Ersatz fuer meine in Daenemark geklaute Sonnenbrille. Anschliessend radelten wir bei meist sonnigem Wetter am Ems-Jade-Kanal weiter bis Emden. Das Staedtchen hat uns beiden recht gut gefallen.

Die Faehre brachte uns ueber die Ems und nach ein paar weiteren Kilometern entlang des Deichs waren wir an der Grenze zu Holland.

Da das Wetter nach wie vor sonnig war, bremste ich meine Freundin ein wenig und wir suchten unweit nach der Grenze einen Campingplatz auf. Den, den ich in der Karte eingezeichnet hatte, konnten wir nicht finden, aber kurz danach war ein Mini-Camping ausgeschildert. Wir kannten die Bezeichnung nicht, aber es war wie zu erwarten nur eine kleine Wiese mit aufgestelltem Sanitaercontainer, der aber sehr gut ausgestattet und sauber war. Zudem war auch die Campingplatzgebuehr dem Namen entsprechend mini.

Anstatt noch weiter Kilometer zu strampeln, machten wir uns dort einen gemuetlichen Abend.

Bild aufgenommen am
15.09.2007, 09:34.
Wilder Zeltplatz in der Nähe von Aurich.

Da strahlt nicht nur die Sonne...
 
Bild aufgenommen am
15.09.2007, 12:25.
Mittagspause in Emden.
 
Bild aufgenommen am
15.09.2007, 15:08.
Immer am Deich entlang.
 
Bild aufgenommen am
15.09.2007, 15:12.
So macht Fahrrad fahren Spaß.
 
Bild aufgenommen am
16.09.2007, 10:47.
Der erste Mini-Camping in Holland.

In Norwegen hatte ich Campingplätze die sich nicht "mini" nannten und nur halb so groß waren.
 
Bild aufgenommen am
16.09.2007, 10:49.
Auch eine Möglichkeit der Arbeitsteilung: ich fotografiere, meine Liebste arbeitet.
 

Witten - 75 km - 8283 km

17. September 2007, 14:52

Holland ist wirklich ein Traum zum Radeln. Nicht nur, dass es absolut flach ist, auch die Infrastruktur ist hervorragend. Fast an jeder Strasse, innerhalb oder auch ausserhalb von Ortschaften, befindet sich ein prima Radweg.

Einzig der fuer dieses Land typische Wind machte uns gestern zu schaffen. Er blies mit 3-4 Windstaerken gegen unsere Fahrtrichtung bei ansonsten sonnigem Wetter.
Der Grund, warum wir in Reichweite zu Assen geblieben sind, war aber ein anderer: ein griechisches Restaurant.

Wir wollten essen gehen, und ich hatte mir einen Griechen in den Kopf gesetzt. Da wir bei der Durchfahrt durch Assen ein entsprechendes Lokal entdeckt hatten und keine weitere groessere Stadt mehr auf unserer Tagesetappe lag, reservierten wir gleich einen Tisch und bauten etwa fuenf Kilometer davon entfernt auf einem Campingplatz unser Zelt auf.
Abends fuhren wir dann wieder zurueck in die Stadt und liessen es uns ausgiebig munden.

Heute haben wir uns im Zelt verschanzt, da es den Grossteil der Zeit regnet. Urspruenglich wollten wir nach Lemmer fahren, bei dem Wetter haben wir uns aber doch fuer einen Ruhetag entschieden.

Lemmer - 82 km - 8365 km

19. September 2007, 10:10

Der zweite Tag in Witten verlief unspektakulaer. Wir blieben den Grossteil der Zeit wegen des Regens im Zelt und beschaeftigten uns meist mit (Hoer-)Buechern. Abends, als ich die zweite Nacht auf dem Campingplatz bezahlte, fragte ich nach, ob wir unser Zelt unter einem grossen Pavillon aufbauen koennten, der momentan sichtlich unbenutzt war. Zudem waren wir die einzigen Gaeste auf dem ganzen Platz.
Es gab keine Einwaende, also zogen wir mit unserem Zelt unter das Dach. Ein Gartenhaus wurde uns auch noch als Sitzgelegenheit angeboten. Von den beiden Campingplatzbesitzern wurden wir darin auf einen Kaffee eingeladen, spaeter verbrachten wir darin den Abend bei Kerzenschein.

Gestern Morgen konnten wir dann trotz Regenschauer in der Nacht unser Zelt trocken abbauen und uns auf den Weg ans Ijsselmeer machen.
Immer wieder zogen dunkle Wolken durch, die uns hin und wieder mit Regen erwischten, den Grossteil des Tages fuhren wir aber bei Trockenheit, oft auch bei Sonnenschein. Was uns bremste, war der heftige Westwind.

Als Kind und Jugendlicher war ich schon oefters in Lemmer, der juengste Besuch liegt aber schon etwa zehn Jahre zurueck. Aus diesem Grund hatte ich die Stadt als Ziel am Ijsselmeer ausgewaehlt.
Wie in “alten Zeiten” assen wir an einer der Fischbuden am Hafen, der in Lemmer gleichzeitig die Fussgaengerzone darstellt.
Anschliessend fuhren wir an den Stadtrand, wo wir momentan noch auf dem Campingplatz sind.
Das Wetter ist heute etwa so wie gestern, ganz trocken werden wir heute vermutlich auch nicht durchkommen, trotzdem werden wir in Kuerze mit dem Abbau beginnen.

Bild aufgenommen am
17.09.2007, 19:00.
In Witten durften wir es uns in einem Wintergarten gemütlich machen.
 
Bild aufgenommen am
17.09.2007, 19:02.
Auch das Zelt sowie die Fahrräder bekamen einen trockenen Stellplatz.
 
Bild aufgenommen am
17.09.2007, 20:26.
Abends im Wintergarten beim Schein der Öllampen.
 
Bild aufgenommen am
19.09.2007, 10:18.
Viel Wind in Lemmer am Ijsselmeer.

Die Wäsche trocknet fast noch während des Waschens, aber beim Fahrrad fahren kam der starke Wind leider genau von vorne.
 
Bild aufgenommen am
19.09.2007, 10:21.
Noch am Campingplatz in Lemmer.

Wie man sehen kann, war der Gegenwind der guten Laune nicht abträglich.
 

Bei Harderwijk - 80 km - 8445 km

20. September 2007, 10:25

Schon bei der Fahrt aus Lemmer hinaus war klar, dass der Wind gestern nicht auf unserer Seite stehen wuerde. Den ganzen Tag ueber gab es nichts geschenkt, jeder Kilometer war hart erkaempft.
Etwa fuenf Beaufort aus SSW bremsten uns deutlich unter die 15 km/h-Marke.

Ansonsten konnten wir uns ueber das Wetter nicht beklagen. Wir sahen zwar einige dunkle Wolken durchziehen, wurden aber nicht einmal nass dabei. Erst in der Nacht, wir standen schon lange kurz vor Harderwijk auf einem Campingplatz, gab es einige kurze Schauer. Leider wurden die Niederschlaege im Verlauf des Morgens haeufiger. Inzwischen ist der Himmel eine einzige graue Suppe, weshalb wir heute den Kampf mit dem immer noch vorhandenen Gegenwind nicht aufnehmen wollen. Zum Campingplatz gehoert auch ein Hallenbad, das uns heute eher lockt als die Strasse.

Bild aufgenommen am
19.09.2007, 14:04.
Mittagspause am Hafen.
 
Bild aufgenommen am
19.09.2007, 15:03.
Windsack am Ijsselmeer.

Dass der so abgekämpft aussieht, wundert mich nicht.
 
Bild aufgenommen am
19.09.2007, 15:03.
Windräder am Ijsselmeer.
 
Bild aufgenommen am
19.09.2007, 15:04.
Vielleicht hätten wir heute das Gefährt im Hintergrund nehmen sollen anstelle der Fahrräder, dann hätten wir den Wind nutzen können statt gegen ihn anzutreten.
 
Bild aufgenommen am
20.09.2007, 15:08.
Das Campingplatz-Schwimmbad war heute die bessere Alternative zur Regen-Etappe.

Wie man sieht war es auch nicht gerade überfüllt.
 

Erichem - 99 km - 8545 km

22. September 2007, 09:19

Den Donnerstag verbrachten wir mit einem Besuch im Schwimmbad des Campingplatzes. Auf dem Platz waren wenig Gaeste zu sehen, im Schwimmbad gab es ausser uns keine weiteren Besucher.

Gestern spielte das Wetter wieder mit und wir fuhren weiter Richtung Sueden.
Seit der Daenisch/Deutschen-Grenze gibt es praktisch keine Landschaftserhebungen. Nicht einen Kilometer ging es bergauf, hoechstens eine Bruecke ueber ein grosses Gewaesser muss erklommen werden. Gestern gab es nun wieder die ersten winzigen Anstiege (300 m, 3 %).
In Norwegen hatte ich gar nicht mehr geglaubt, dass ein Land ueberhaupt so flach sein kann, wie es Holland bisher war.

Leider ist Holland immer dichter besiedelt, je weiter wir nach Sueden kommen. Wir fahren beinahe von einer Vorstadt direkt in die der naechsten Stadt. Somit werden auch die Radwege, die nach wie vor in Huelle und Fuelle vorhanden sind, von stark befahrenen Strassen begleitet, was den Genuss etwas mindert.

Heute Morgen scheint die Sonne von einem wenig bewoelkten Himmel auf unser Zelt, auch der Wind scheint heute einen Ruhetag einzulegen.

Bei Tilburg - 102 km - 8647 km

23. September 2007, 10:40

Gestern konnten wir viele unterschiedliche Gesichter von Holland kennen lernen. Zuerst ging es ueber viele Kilometer direkt an einer Autobahn entlang, Laerm und Abgase inklusive. Gegen Mittag rasteten wir zentrumsnah in ’s Hertogenbosch und bekamen etwas Stadt-Stimmung mit, bevor wir uns auf die Ausschilderung des hollaendischen Radwegnetzes verlassen haben und davon querfeldein durch eher laendliche Gebiete gefuehrt wurden.
Anstiege sind weiterhin nicht auszumachen.

Kurz nach Tilburg gibt es einen Safaripark, dem zwei Campingplaetze angeschlossen sind. Da in der naeheren Umgebung auf unserer Karte keine weitere Zeltmoeglichkeit eingezeichnet war, entschieden wir uns, dort zu bleiben.
Der Platz bekam bei uns sehr schnell den Spitznamen Ballermann-Camping. Bis spaet in die Nacht toenten Schlager der untersten Schublade durch das Areal.

Auf eine andere, weit leisere Art, feierten auch wir gestern, schliesslich hatten wir allen Grund dazu. Wie die meisten Leser wissen duerften, lebe ich seit geraumer Zeit mit meiner Freundin in wilder Ehe. Gestern hatten wir Jahrestag und es gab die erste Schnapszahl zu feiern. Aus diesem Anlass radelten wir abends nach Hilvarenbeek und liessen es uns dort gut gehen.

Auch heute scheint das Wetter sonnig zu werden, wir haben die Tagesplanung aber noch nicht ganz abgeschlossen.
Wir koennten vor die Tore Bruessels radeln oder alternativ die Naehe des Safariparks nutzen und anschliessend nur eine kleinere Distanz fahren.

Bild aufgenommen am
22.09.2007, 13:17.
Perfekter Radweg, ausgebaut wie eine "Fahrrad-Autobahn" - leider direkt entlang an der richtigen Autobahn.
 
Bild aufgenommen am
22.09.2007, 14:33.
Mittagspause in `s Hertogenbosch.
 
Bild aufgenommen am
22.09.2007, 16:20.
Die holländischen Fahrradwege sind die besten, die ich je kennenlernen durfte.
 

Noorderwijk - 74 km - 8722 km

24. September 2007, 10:22

Der Safaripark entpuppte sich bei naeherer Betrachtung eher als drittklassiger Zoo - und das bei erstklassigen Preisen. Wir schenkten uns also dessen Besuch und radelten lieber gemuetlich Richtung Bruessel.
Schon nach wenigen Kilometern Fahrt hatten wir die belgische Grenze ueberquert. Generell finden wir Holland und Belgien bisher recht aehnlich, ein paar Unterschiede sind uns aber doch aufgefallen. Beispielsweise sind die Radwege nicht mit den hollaendischen vergleichbar. Hier gibt es ausserhalb von Ortschaften meist nur einen schmalen Streifen an einer Fahrbahnseite, dessen Fahrbahnoberflaeche zudem oft zu wuenschen uebrig laesst. Mit den niederlaendischen Verhaeltnissen verglichen zu werden, duerfte allerdings auch fuer jedes andere Land eine kaum zu knackende Nuss darstellen.

Ein einziger Campingplatz ist sicher ein schlechter Massstab, aber wenn es nach der genutzten Uebernachtunsstaette in Noorderwijk geht, wurden auch saemtliche Hygienevorstellungen noerdlich der Grenze zurueckgelassen. Es war zu erwarten, dass die Sauberkeit zusammen mit der noerdlichen Breite abnimmt, aber in Belgien haette ich noch nicht damit gerechnet. Es war das ekelhafteste Sanitaergebaeude, das ich auf meiner bisherigen Reise gesehen habe.

Am Nordkap hatte ich (wie berichtet) Kontakt mit zwei netten Belgiern, die unweit SW-lich von Bruessel wohnen. Wir haben fuer Dienstag ein Treffen vereinbart, weswegen wir noch viel Zeit fuer die relativ geringe Strecke zur Verfuegung haben.
Ein anderes Treffen mit einem Freund aus Schulzeiten kam leider nicht zustande, aber die Entfernung zu seinem Wohnort war bei naeherer Betrachtung doch groesser als erwartet.

Bei Gilles

26. September 2007, 00:31

Inzwischen sind wir bei Gilles angekommen und herzlich empfangen worden.

Dies nur vorab. Die letzten beiden Tage liefere ich nach, zum Schreiben war in den vergangenen 48 Stunden kaum Zeit.

Abschied von Gilles

27. September 2007, 10:14

Bevor wir von Gilles aufbrechen habe ich meine in den letzten Tagen etwas vernachlaessigte Leserschaft erneut mit Bildern versorgt. Auch die Strecke ab Trondheim ist nun graphisch unterlegt.

Nachtrag Bruessel - 94 km - 8816 km

27. September 2007, 20:37

Die Anfahrt von Bruessel habe ich als sehr einfach und angenehm empfunden. Die letzten 30 km fuhren wir kerzengerade an der N21 entlang. Selbst als sich diese nahe des Flughafens auf zwei Fahrspuren pro Fahrtrichtung vergroesserte, gab es einen kleinen Streifen fuer Radfahrer am Rand.
Es war moeglich, direkt auf den grossen Strassen, die fuer Radler meist nicht nutzbar sind, bis an den Stadtrand zu gelangen.

Das Wetter war abends so gut wie der sonnige Tagesbeginn es erwarten liess, leider regnete es dazwischen aber immer wieder.

Wir hatten einen Campingplatz ausserhalb von Bruessel, aber innerhalb des Ballungsgebietes ausgesucht, den wir dann auch ueberraschend einfach finden konnten. Bei der Ankunft war die Rezeption unbesetzt. Dieser Zustand aenderte sich waehrend unseres Aufenthalts nicht, obwohl weitere Gaeste anwesend waren. Die Nacht war somit kostenlos fuer uns.
Viel geboten hat der Platz allerdings nicht. Das Toilettengebaeude konnte man mit geschlossenen Augen finden - “immer der Nase nach” fuehrte ebenfalls dorthin. In der Dusche dieses Campingplatzes sind auch die im vorangegangenen Beitrag enthaltenen Bilder mit dem Pilz entstanden.
Ich hatte Belgien eher so sauber und ordentlich wie Holland erwartet, aber da lag ich weit daneben. Nur nahe der Grenze im Norden traf dies fuer das Stadtbild zu.
In einem der vorangegangenen Beitraege habe ich geschrieben, dass Belgien den Niederlanden allgemein aehnelt. Das stimmt nach meiner jetzigen Erfahrung nur fuer einen kleinen Teil des Landes. Mit zunehmender Naehe zu Bruessel wirkte das ganze Land mehr und mehr franzoesisch - mit allen Vor- und Nachteilen.

Als wir das Zelt aufgebaut und geduscht hatten, radelten wir mit leichtem Gepaeck in die Bruesseler Innenstadt, was vom Campingplatz aus eine knappe halbe Stunde dauerte. Sehr “alt” wurden wir dort allerdings nicht, dafuer wurden wir beide zu frueh muede. Gegen 23 Uhr waren wir froh, in unsere Schlafsaecke kriechen zu koennen.

Bild aufgenommen am
24.09.2007, 10:24.
Frühstück auf dem Parkplatz des Supermarktes.
 
Bild aufgenommen am
24.09.2007, 18:05.
Pilz in der Dusche des Campingplatzes bei Brüssel.

Wie lange wurde hier wohl nicht geputzt?
 
Bild aufgenommen am
24.09.2007, 18:05.
Kennt sich jemand mit Pilzen aus? Hätten wir den in den Salat schneiden können?
 
Bild aufgenommen am
24.09.2007, 19:09.
Brüssel
 
Bild aufgenommen am
24.09.2007, 19:16.
Innenstadt von Brüssel
 
Bild aufgenommen am
24.09.2007, 21:11.
Der Triumphbogen von Brüssel, gleichzeitig der eingang zum Park Cinquantenaire.
 

Nachtrag Enghien - 67 km - 8883 km

28. September 2007, 09:13

Die Innenstadt von Bruessel hatten wir bereits am Abend zuvor besucht, weswegen wir sie am Dienstag nur auf kuerzestem Weg durchquerten. Wir planten, das Atomium zu besichtigen und danach das Stadtgebiet Richtung Westen zu verlassen.

Ein Fahrrad mag in einer Grossstadt einige Vorteile gegenueber einem Auto haben. Ein voll beladenes Reiserad in Kombination mit mangelnder Ortskenntnis macht diese Vorteile aber oft schnell zunichte. Der Weg vom Campingplatz im Osten der Stadt in den Nordwesten zum Atomium war deshalb kein grosses Vergnuegen. Trotz der kurzen Distanz von etwa 25 km war die Strecke ermuedend.

Nach der Besichtigung des Monuments der Weltausstellung machten wir uns auf den Weg nach Enghien, wo die beiden Belgier, mit denen wir uns verabredet hatten, wohnen.
Der Weg hinaus aus dem Stadtgebiet war nicht ganz so einfach wie die Annaeherung, stellte uns aber vor keine groesseren Probleme.

Puenktlich wie die Maurer trafen wir wie verabredet gegen 18 Uhr in Enghien ein, wo wir von Gilles empfangen wurden. Wir konnten unsere Fahrraeder im Garten hinter seinem Haus abstellen. Innen wartete ein eigenes Gaestezimmer auf uns.

Wir wurden lecker von Gilles bekocht und machten uns einen entspannten Abend. Spaeter stiess auch Benji noch zu uns, der erst um 22 Uhr Feierabend hatte.

Bild aufgenommen am
25.09.2007, 12:14.
Im Park Cinquantenaire mitten in Brüssel am nächsten Tag.
 
Bild aufgenommen am
25.09.2007, 12:25.
Brüssel
 
Bild aufgenommen am
25.09.2007, 13:24.
Das Atomium in Brüssel - natürlich mit Fahrrad davor :-)
 

Enghien - Tag 2

28. September 2007, 09:21

Wir waren fest entschlossen, am Mittwoch wieder aufzubrechen. Vormittags besuchten wir den Park von Enghien, der wesentlich groesser als die restliche Stadt ist. Nachmittags wollten wir noch ein paar Kilometer Richtung Frankreich strampeln.
Als wir aufbrechen wollten, hatte sich das schoene Wetter zum Dauerregen gewandelt und unsere Motivation damit erheblich gedrueckt. Wir folgten dem Vorschlag von Gilles, eine weitere Nacht zu bleiben.

Am zweiten gemeinsamen Abend besuchten wir eine Bar in der Naehe von Gilles Haus. Die Bierkarte war seitenlang. Ueber 200 Biersorten waren zu haben. Wie uns erzaehlt wurde, ist dies in Belgien keine Seltenheit.
Wir liessen uns nicht lange bitten und tranken kreuz und quer durch die unterschiedlichsten Biersorten. Da manche Biere in viertel Liter ausgeschenkt wurden, konnten wir viele verschiedene Gebraeue testen. Manches davon wuerde in Deutschland aber nicht als Bier bezeichnet werden. Es gab Bier mit jeglichem Fruchtgeschmack, eines war mit Honig. Die Spanne reichte von grausam bis lecker, Augustiner-Niveau erreichte aber keines.
Besonders lustig fand ich, dass jede Biermarke in einem entsprechenden Glas serviert wird. Waehlt man einen Exoten, verschwindet der Kellner fuer kurze Zeit in den Speicher.

Der Abend war natuerlich voll von Nordkap-Erinnerungen und weiteren Erzaehlungen der beiden unterschiedlichen Reisen. Die Entscheidung, eine zweite Nacht in Enghien zu verbringen, war genauso richtig wie sie es am Nordkap war. Wir hatten viel Spass und den beiden Jungs machte das Wiedersehen genau wie mir grosse Freude.

Bild aufgenommen am
26.09.2007, 09:22.
Am Frühstückstisch bei unseren belgischen Freunden.
 
Bild aufgenommen am
26.09.2007, 10:26.
Ausflug in den Park von Enghien (Edingen).

Ausnahmsweise haben wir ihn nicht per Fahrrad sondern zu Fuß besichtigt.
 
Bild aufgenommen am
26.09.2007, 23:17.
Abends in einer belgischen Kneipe.

Wie nicht anders zu erwarten, war der Abend gefüllt mit Erinnerungen an unser erstes Treffen am Nordkap.
 

Hon-Hergies - 61 km - 8944 km

28. September 2007, 09:29

Gestern Morgen fuehlte ich mich, als haette ich in der Kneipe am Abend davor von jeder erhaeltlichen Biersorte eine Flasche geleert.
Das Bier in Belgien ist staerker als in Deutschland. Die 6-10 % Alkohol hinterliessen bei mir schmerzhafte Spuren.
Trotzdem nutze ich morgens die Zeit, um neue Bilder auf die Internetseite zu stellen. Wer weiss schon, wann ich wieder kostenlosen Zugriff auf einen PC habe. Meine bessere Haelfte organisierte in dieser Zeit schon Verpflegung fuer den Tag.

Gegen 12 Uhr war es dann soweit, wir brachen auf. Wir naehrten uns nicht nur der Grenze zu Frankreich, wir liessen sie sogar hinter uns zurueck. Wenn auch nur wenige Kilometer.

Das Wetter machte uns den Aufbruch etwas leichter als am Tag davor. Sonne und Rueckenwind begleiteten uns waehrend der ersten 30 km, abends setzte wieder Regen ein.

Leider haelt dieser Regen heute Vormittag noch immer an.
An unserem Entschluss, heute trotzdem aufzubrechen, hat der Regen bisher nichts geaendert. Sollte die Niederschlagsintensitaet aber im Laufe des Tages nicht ab- sondern zunehmen, koennte das unsere Lust aufzubrechen gehoerig daempfen.

Bei Ribemont - 76 km - 9020 km

29. September 2007, 19:35

Wie ich schon im letzten Beitrag geschrieben habe, war das Wetter am Freitag Morgen alles andere als einladend. Erst gegen Mittag hoerte der Regen auf und wir starteten daraufhin entsprechend spaet.

Kurz nach Etappenstart kamen wir an einem Verkehrsunfall vorbei. Zwei Krankenwagen verliessen kurz vor unserem Eintreffen mit Blaulicht und Martinshorn die Stelle. Da meine Probleme die letzten drei Monate aus Regen und Gegenwind bestanden, kamen mir meine eigene Sorgen sehr schnell sehr klein vor.

Schon seit der Region um Bruessel gibt es wieder Anstiege zu bewaeltigen. Am Freitag waren das erste Mal auch wieder viele jenseits der fuenf Prozent Marke dabei.

Der Himmel lockerte im Tagesverlauf auf und am Abend fuhren wir bei Sonnenschein zwischen den vielen Feldern.
Die Landschaft wird wieder interessanter. Seit der Ankunft in Daenemark gefaellt mir die momentane Gegend am besten.

Wir hatten schon seit 20 km die Augen offen gehalten, aber es wollte kein Campingplatz kommen. Eine Querstrasse zu der ohnehin kaum befahrenen Landstrasse brachte uns zu einem von Brennesseln und Disteln zugewachsenen Waldweg, der nach 20 m endete. Auf diesem schlugen wir unser Zelt auf. Soviel sei schon jetzt verraten: Es hat sich niemand an unserer Anwesenheit gestoert, ausser die beiseite geraeumten Pflanzen vielleicht.

Bild aufgenommen am
28.09.2007, 17:43.
Etappe zwischen endlosen Feldern in Frankreich.

 
Bild aufgenommen am
28.09.2007, 18:02.
Die letzten Kilometer in der Abendsonne.
 

Vailly sur Aisne - 70 km - 9089 km

30. September 2007, 10:21

Dass wir gestern trocken durchgekommen sind, grenzte fast an ein Wunder. Von morgens an war der Himmel grau und dunkle Wolken zogen ueber uns hinweg. Trotzdem regnete es erst spaet abends, als wir bereits im Zelt lagen.
Durch den leichten Nebel, die Wolken und die bunten Baeume war es besonders vormittags richtig herbstlich.
Wie am Tag zuvor durften wir am Abend sogar noch etwas Sonne geniessen.
Schon lange konnten wir wegen Naesse oder zu tiefer Temperaturen nur innerhalb des Zeltes zu Abend essen, gestern war endlich wieder ein gemuetliches Vesper auf der Isonatte unter freiem Himmel faellig. Da schmeckt das Baguette und die Croissants gleich noch viel besser.

In unserem Kartenmaterial fuer Frankreich sind leider keine Campingplaetze eingezeichnet. Eher zufaellig stiessen wir aber auf ein ziemlich schoenes Exemplar. Seit Holland ist es der erste Platz mit sauberen Sanitaereinrichtungen. Zudem ist hier noch richtig Leben am Platz, was wir seit dem “Ballermann-Camping” nicht mehr erlebt haben. Die meisten Campingplaetze der letzten zwei Wochen waren wie ausgestorben.

Vom Wetter abgesehen zeigt sich Frankreich mal wieder als eines der schoensten Laender zum Radreisen. Die Topographie ist gemaessigt, die Menschen sind sehr freundlich, Nahrungsmittel sind guenstig und die vielen kleinen Strassen sind in einem guten Zustand.

Bild aufgenommen am
29.09.2007, 14:49.
Möchte da etwa jemand vom Fahrrad auf das Pferd umsatteln?
 
Bild aufgenommen am
30.09.2007, 11:07.
Auf einem Campingplatz bei Vailly-sur-Aisne.
 

Dormans - 56 km - 9146 km

30. September 2007, 20:40

Nach einem verregneten Tagesbeginn wurde das Wetter besser und besser. Wir starteten erst gegen Mittag und hatten dann das sommerlichste Wetter seit langer Zeit.

Da wir einige gewaschene aber noch nasse Kleidungsstuecke hatten, machten wir nach etwa 25 km eine laengere Pause. Auf einem Feldweg spannten wir unsere Waescheleine zwischen den Fahrraedern auf und rasteten fuer ueber eine Stunde.

Nur wenige Kilometer danach hatte das Rad meiner Freundin eine gluecklicherweise nicht sehr gravierende Panne an der Gangschaltung, die uns erneut Zeit kostete. So kamen wir heute nicht sehr weit, konnten das schoene Wetter aber umso mehr geniessen.

Kurz vor Dormans fanden wir ein Hinweisschild auf einen Campingplatz, dem wir folgten. Zuerst versorgten wir uns aber in der Stadt mit frischem Baguette und einem Eis, waren die Temperaturen doch endlich mal wieder zu Zweitem passend.

Kurz vor Etappenende aenderte sich das Bild der Landschaft noch ein wenig. Passend zur Champagne wichen viele der bisher vorhandenen Zuckerrueben-Felder dem Anbaugebiet der unzaehligen Weinbauern.
In Dormans gibt es ein Wein- und Champagnerlokal neben dem anderen.

Der heutige Campingplatz (ein Camping Municipale) ist das Gegenteil von dem gestern. Die Sauberkeit wird nicht sehr gross geschrieben, und das, obwohl wir die einzigen Gaeste sind.

Eine kleine Anmerkung zur Karte bei Google-Maps: Meine Schwester, die die Karte pflegt, waehrend meine Freundin mich begleitet, tritt gerade ihren wohlverdienten Urlaub an. Bis meine Freundin naechstes Wochenende diese Aufgabe wieder uebernimmt, bleibt die Karte auf dem jetzigen Stand. Die bis dahin gefahrene Route wird natuerlich nachgetragen.

Bild aufgenommen am
30.09.2007, 16:46.
Auf den Straßen Frankreichs.
 

Blandy - 115 km - 9261 km

2. October 2007, 09:34

Auf dem gestrigen Camping Municipale kam niemand zum Kassieren, also blieb die Nacht fuer uns kostenlos. Sehr komfortabel war es dort aber auch nicht, speziell der Geraeuschpegel wurde von einer naheliegenden Strasse und ebenfalls nicht weit entfernten Bahngleisen in die Hoehe getrieben.
Zu allem Ueberfluss erschien gegen acht Uhr auch noch ein Arbeiter, der mit seinem Maeh-Traktor freudig seine Runden um unser Zelt drehte. Man verstand sein eigenes Wort kaum, an Schlaf war nicht mehr zu denken.

Die Folge war, dass wir schon um neun Uhr auf der Strasse waren und Kilometer strampelten.
Zuerst ging es an vielen Weintrauben vorbei, rund 30 km weiter hatte sich das Landschaftsbild bereits wieder geaendert und wurde vom vielen Wald bestimmt. Abends nahmen die landwirtschaftlich genutzten Flaechen zwar wieder zu, Weinanbau gab es aber so gut wie keinen mehr.

Das Wetter war uns nicht ganz so hold, wie es morgens den Anschein machte. Ab Mittag regnete es immer wieder leicht. Unsere Mittagspause verbrachten wir aus diesem Grund in der ueberdachten Einfahrt zu einem Hinterhof in La Ferte-Gaucher. Der Abend war dann wieder trocken und sonnig, bevor es nachts erneut zu regnen begann.
Das Wetter kann sich scheinbar nicht recht entscheiden.

Eigentlich wollten wir in Mormant campen, leider gab es keinen Campingplatz. Gut zehn Kilometer weiter fanden wir dann einen entsprechenden Wegweiser, der uns nach etwas Suchen zum Ziel fuehrte.

Inzwischen zeichnet sich die Rueckreise meiner Freundin ab. Sie wird voraussichtlich am Freitag mit dem Zug von Orleans nach Paris fahren und dann mit dem Nachtzug weiter nach Augsburg reisen.

Bild aufgenommen am
01.10.2007, 14:27.
In La Ferte-Gaucher.

Fahrrad und Fahrer verstecken sich vor dem Regen.

 

Grez sur Loing - 54 km - 9314 km

2. October 2007, 18:30

Schon morgens fuehlte sich die Luft an, als waeren wir in einem Regenwald. Es war unangenehm feucht, obwohl es gluecklicherweise nicht regnete.
Eigentlich bin ich nicht wetterfuehlig, aber dass ich ausgerechnet heute bei diesem schwuelen Wetter mit Kopfschmerzen zu kaempfen hatte, legt einen Zusammenhang doch nahe.

Da ich nicht in bester Verfassung war und die Distanz nach Orleans nicht gerade eine unloesbare Aufgabe fuer zwei Reisetage darstellt, haben wir heute unser Zelt nicht sehr weit vom Etappenstart entfernt aufgeschlagen. Wir sind nur an Melun vorbeigefahren, haben uns in Fontainebleau etwas zum Mittagessen gekauft und stehen nun auf einem schoenen Campingplatz nahe der Loing.

Bild aufgenommen am
02.10.2007, 13:39.
Blick auf Melun.
 
Bild aufgenommen am
02.10.2007, 19:19.
Campingplatz unweit der Loing.
 

Olivet bei Orleans - 115 km - 9429 km

4. October 2007, 08:55

Am Mittwoch Morgen waren meine Kopfschmerzen verschwunden und so stand einem fruehen Aufbruch nichts im Weg. Ein besonderes Vergnuegen war es wegen des Wetters aber nicht. Wieder fuhren wir durch dichten Nebel, oft lag die Sichtweite bei weniger als 200 m. Zusaetzlich fuehlte sich alles feucht und klamm an. Gegen Mittag regnete es noch fuer zwei Stunden, was unsere Routenplanung aenderte. Urspruenglich wollten wir die Strecke nach Orleans in zwei Tagen fahren. Da wir aber schon nass waren und keine Lust darauf hatten, im Regen unser Zelt unnoetigerweise aufzubauen, beschlossen wir die Strecke in einem Aufwasch zu radeln.

Ich wusste durch eine E-Mail meines Vaters, dass sich in Olivet, unmittelbar suedlich von Orleans, ein Campingplatz befindet. Da wir auch keinen anderen Platz ausmachen konnten, steuerten wir diesen an und fanden ihn nach etwas laengerer Suche.

Das Wetter hatte sich bei der Ankunft komplett geaendert. Schon seit Stunden war es trocken und der Nebel hatte sich (wenn auch sehr langsam) gelichtet. Je naeher wir an Orleans herankamen, desto mehr kam die Sonne durch die Wolken.

Als wir auf dem Zeltplatz eine der matschigen Parzellen ausgesucht hatten und unser Lager aufbauen wollten, gab es eine Ueberraschung fuer uns. Mehr dazu im in wenigen Minuten folgenden Teil 2.

Bild aufgenommen am
03.10.2007, 10:56.
Fahrradreise im Nebel durch Frankreich.
 
Bild aufgenommen am
03.10.2007, 11:03.
Obwohl es nicht regnete, war alles klitschnass durch den Nebel.
 

Olivet bei Orleans - Teil 2

4. October 2007, 09:00

Als ich vor etwa zwei Wochen ueber mehrere Ecken erfuhr, dass meine Eltern in den Urlaub aufgebrochen waren, wunderte ich mich, dass sie mich nicht informiert hatten. Normalerweise taten sie das immer, warum also dieses Mal nicht?
Ich hatte einen Verdacht.

Um sie aus der Deckung zu locken, schrieb ich eine E-Mail an meine Schwester und fragte nach, wohin die Reise denn ginge. Wenn da etwas im Busch war, musste meine Schwester es wissen.
Ich erhielt keine Antwort, was fuer meine Schwester sehr ungewoehnlich war und meinen Verdacht erhaertete.
Einige Tage spaeter telefonierte ich mit meiner Mutter in “Suedtirol”. Zwar war ich erstaunt ueber die unpraezise Wetterauskunft, der Rest aber klang plausibel. Da die Wochen ins Land zogen, glaubte ich die Geschichte inzwischen.

Als ich gestern gerade das Innenzelt zum Aufbau in der Hand hielt, sah ich das Heck eines amerikanischen Wohnmobils die Zufahrt zum Campingplatz passieren. Ein Heck, mit dem ich durch die ein oder andere Bastelei sehr gut vertraut war.

Meine Eltern hatten fuer rund zwei Wochen an der Cote d’Azur gelauert, um uns dann im passenden Moment abzufangen. Die Ueberraschung war gelungen und die Wiedersehensfreude gross.

Natuerlich wurden wir gestern auch entsprechend gut versorgt. Unser Zelt brauchten wir nicht aufbauen, wir verbrachten die Nacht, in der es wieder zu regnen begann, im trockenen Wohnmobil.

Wir werden alle bis Freitag auf dem Campingplatz bleiben, um ihn dann auf drei unterschiedliche Wege zu verlassen.
Meine Freundin wird mit dem Zug nach Augsburg reisen, meine Eltern setzen ihren Urlaub fort und ich plane, entlang der Loire Richtung Tours zu radeln.

Bild aufgenommen am
03.10.2007, 19:34.
Endlich wieder richtiges Essen im Wohnmobil meiner Eltern.
 

Vernou en Sologne - 88 km - 9517 km

5. October 2007, 19:06

Den Donnerstag verbrachten wir alle vier auf dem Campingplatz von Olivet. Wir ueberlegten nach Orleans zu radeln, um bereits einen Tag frueher als notwendig die Zugkarten fuer meine Freundin zu kaufen, entschieden uns aber doch dagegen.

Heute verabschiedeten wir uns von meinen Eltern und brachen gegen elf Uhr auf. Der Bahnhof in Orleans war schnell gefunden, das Kaufen der Tickets wurde jedoch schwieriger als erwartet. Dass niemand englisch sprach, wunderte mich nicht unbedingt. Dass man uns am Bahnhof aber keine Auskunft ueber die Verfuegbarkeit von Plaetzen fuer den Zug Paris-Augsburg geben konnte, verstehe ich noch immer nicht. Wir erhielten eine Telefonnummer, unter der wir Auskunft erhalten sollten. Sollte die Person an der anderen Leitung eine so schnelle Auffassungsgabe besitzen, wie die Dame am Schalter, waere das Gespraech aber sicher so teuer wie die komplette letzte Urlaubswoche geworden.
Meine Freundin fuhr ohne die Auskunft nach Paris.
Erst dort erfuhr sie, dass der Nachzug bereits ausgebucht war. Es gaebe aber noch eine fruehere verfuegbare Verbindung, fuer die sie somit ein Ticket loeste. Das Zugpersonal sah die Verfuegbarkeit aber wohl mit anderen Augen und verweigerten ihr mit dem Fahrrad die Mitfahrt.
Nun ist sie gerade auf der Suche nach einer Uebernachtungsmoeglichket in Paris, da die naechste Verbindung erst am Samstag Morgen besteht.

Als meine Freundin im Zug nach Paris verschwunden war, machte ich mich auf den Weg zurueck zur Loire. Auf dem Flussradweg fuhr ich einige Kilometer, bevor ich mich entschied mehr Richtung Sueden zu fahren.
Bei sonnigem Wetter und mit Rueckenwind fuhr ich, bis ich zur passenden Zeit ein Schild eines Campingplatzes fand. Dieser hat leider bereits seit 1.10. geschlossen, was mich aber nicht abhielt, mein Zelt auf dem Gelaende aufzubauen. Zufaelligerweise befindet sich in 200 m Entfernung zum Campingplatz ein Parkplatz mit Sanitaerhaeuschen. Einzig auf die Dusche werde ich heute verzichten muessen.

Bild aufgenommen am
05.10.2007, 11:20.
Abschied von meinen Eltern am Campingplatz bei Olivet.

Kurz danach verabschiedete ich auch meine Freundin am Bahnhof von Orleans.
 

Yzeures sur Creuse - 135 km - 9653 km

6. October 2007, 20:18

Scheinbar war ich heute im falschen Teil von Frankreich unterwegs. Meine Freundin wie auch meine Eltern berichteten mir von Sonne, ich hingegen hatte Nebel und einen grauen Himmel. Da es aber nur in der Nacht regnete, kann ich mich nicht beklagen. Tagsueber war die Temperatur mit rund 20 Grad zum Radfahren sehr angenehm.

Die Landschaft ist weiterhin ziemlich wellig. Lange Anstiege gibt es nicht, trotzdem faehrt man staendig auf und ab.

Was bei der Fahrt etwas nervt, sind die Hunde. An fast jedem Zaun steht ein Klaeffer, der mich bellend empfaengt und so weit es ihm moeglich ist, begleitet. Die Hunde, die ich vor Belgien und Frankreich passierte, waren in dieser Hinsicht viel entspannter.

In Yzeures sur Creuse gab es mal wieder einen Camping Municipale, der eigentlich schon geschlossen hat. Strom gibt es keinen mehr, weitere Gaeste ebenfalls nicht, die Duschen sind abmontiert, kaltes Wasser ist aber noch zu haben. Die Dusche kam deshalb aus der Plastikflasche und war schlecht temperiert, aber ich war froh, ueberhaupt eine zu bekommen.

Inzwischen ist meine Freundin gut in Augsburg angekommen. Die Nacht hat sie in Paris verbracht, die naeheren Umstaende sind mir noch nicht bekannt.
Die Google-Karte duerfte im Laufe des Wochenendes somit wieder auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Bild aufgenommen am
06.10.2007, 13:14.
Eigentlich konnte ich mich glücklich schätzen, schließlich durfte ich meinen Urlaub fortsetzen, während meine Familie mehr oder weniger direkt nach Hause fuhr.

Aber das Abschiedsgefühl sollte mich noch zwei Tage begleiten und die Vorfreude auf die nun näher rückenden Pyrenäen dämpfen.
 
Bild aufgenommen am
06.10.2007, 17:45.
Fahrrad und Zelt auf dem Campingplatz bei Yzeures sur Creuse.
 
Bild aufgenommen am
07.10.2007, 17:22.
Abgesehen von mir war der Campingplatz ausgestorben.
 

Civray - 92 km - 9745 km

7. October 2007, 20:00

Nach einem erneut nebligen Start wurde es heute Nachmittag sommerlich war. 25 Grad war der hoechste Wert, den ich auf einem Thermometer sehen konnte.
Ich habe den Eindruck, dass auch die Naechte zunehmend waermer werden. Trotz offenem Aussenzelt ist der Schlafsack schon beinahe zu warm. Diese Tendenz darf sich gerne fortsetzen.

Ich hatte selten so sehr mit Insekten zu kaempfen wie heute waehrend der Fahrt. In Skandinavien war es so, dass man gut fahren konnte, sobald man anhielt, sammelten sich aber die Stechmuecken an. Hier ist es umgekehrt. Die Insekten scheinen nichts von mir wissen zu wollen, sind waehrend der Fahrt aber staendig im Weg. Im Sekundentakt schlugen sie heute in meinem Gesicht ein. Ohne Sonnenbrille waere es sicher aeusserst unangenehm geworden.
Lustigerweise hatte ich das fuer Finnland befuerchtet, nun erlebe ich es in Frankreich.

Nach rund 30 km kam ich an einem noch geoeffnetem Campingplatz vorbei, dessen Rezeption aber nicht besetzt war. Ich machte dort eine lange Pause und versorgte meine Elektrogeraete mit Strom.
Es war natuerlich abzusehen, dass der Campingplatz, auf dem ich jetzt stehe, auch noch Saft auf den Leitungen hat. Im Grunde war die Rast also unnuetz lang, was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte.

In Civray habe ich die Etappe dann ueberraschend frueh beendet. Auch wenn die Campingplatz-Dichte zunimmt, war ein weiteres Exemplar, das bis Mitte Oktober geoeffnet hat, ein verlockendes Etappenziel.

Brossac - 142 km - 9887 km

8. October 2007, 21:44

Heute morgen entging meine waehrend der Tour gewonnene Haarpracht (mein Vater bezeichnete mich schon als Pilzkopf) nur knapp dem Kurzhaarschneider. Der direkt neben dem Campingplatz gelegene Frisoer war mit der Grund fuer die Platzwahl. Montag war aber leider Ruhetag, was ich nicht bedachte. Somit haben meine Zotteln noch eine Schonfrist erhalten, bis sich wieder mal Duschmoeglichkeit und Frisoer nahe kommen.

Die Gewichtsreduzierung durch den Haarschnitt haette ich heute gut gebrauchen koennen, die wellige Landschaft war mit scharfen Anstiegen gespickt. Leider war mit der Fernsicht, die ja meist die Belohnung fuer die erklommenen Hoehenmeter darstellt, nicht viel los. Die Sicht wurde morgens vom Nebel getruebt, auch spaeter war die Luft nicht klar genug um mehr als nur graue Konturen hinter dem naechsten Huegel zu erkennen.

Die Sonne sah ich heute gar nicht. Wie aber in den letzen Naechten, kann ich bei Dunkelheit (also in diesem Moment) die Sterne sehen, heute sogar einen wolkenfreien Sternenhimmel. Kann mir diese Abwechslung von Nebel bei Tag und Aufklarung bei Nacht mal jemand erklaeren?
Geregnet hat es aber nicht, dann soll es meinetwegen auch Nebel haben wie es will.

Manchmal koennte ich ueber die Inkonsequenz der Franzosen lachen. Heute gab es im Zusammenhang mit dem Campingplatz gleich mehrere Beispiele:
An der D731, die Hauptstrasse, die an Brossac vorbei fuehrt, war das “Centre des Loisirs” angeschrieben - mit Campingsymbol. Auch durch die Stadt durch sah ich diese Schilder. Auf den letzten Schildern vor dem Platz waren immer noch Symbole fuer den Kiosk, die Badestelle, und noch ein paar weitere Attraktionen, das Zeltsymbol fuer den Campingplatz war aber sichtlich vor nicht allzu langer Zeit entfernt worden. Man konnte die Umrisse noch sehen. Dass man den Touris kilometerlang einen Campingplatz unter die Nase reibt, um dann doch zu sagen “da steht doch nichts von Camping”, amuesiert mich schon ein wenig.
Ich habe mich auf dem schoenen aber verlassen wirkenden Gelaende trotzdem breit gemacht.
Die Toiletten und Duschen sind abgeschlossen, der Wasserhahn hinter dem Gebaeude funktioniert aber tadellos. Ebenso mit dem Strom: Alle Steckdosen sind tod, bis dann eben doch bei einer die Sicherung vergessen wurde und ich sie anzapfen kann. Eine findet man fast immer.
Die Unordentlichkeit der Franzosen hat zweifelsfrei Vorteile fuer mich.
Nebenbei steht mein Zelt heute unter einer ueberdachten Grillstelle. Sollte es sich der Sternenhimmel doch noch anderst ueberlegen…

Bild aufgenommen am
08.10.2007, 19:39.
Auf dem "Centre des Loisirs" bei Brossac.

Ein festes Dach über dem Zelt ist immer ein gutes Gefühl.
Schon allein deswegen, weil ich mein Zelt am nächsten Tag trocken einpacken kann.
 

La Reole - 123 km - 10010 km

9. October 2007, 20:43

Mit Sonne war heute wieder nicht viel los. Mit Regen aber gluecklicherweise auch nicht.
So konstant wie sich die Landschaft haelt, so hartknaeckig bleibt auch das Wetter. Was sich aendert, ist die Landwirtschaft. Immer wieder kommen ein paar zig Kilometer, auf denen Weintrauben angepflanzt werden, dann sieht man wieder eine Zeit nur Mais, Zuckerrueben und abgeerntete Felder. Dass ich momentan durch Felder mit Weintrauben fahre, duerfte bei der Naehe zu Bordeaux nicht verwundern.

An dem “Centre des Loisirs” war heute Morgen richtig viel Leben. Von mir wollte aber niemand etwas wissen, also blieb es eine weitere kostenlose Nacht. Seit ich Orleans verlassen habe, belaufen sich die Campingkosten auf fuenf Euro. Da hatte ich selbst in Skandinavien trotz des wilden Campings einen hoeheren Schnitt. Die Duschen an den Wasserfaellen waren aehnlich kalt wie die, die ich heute aus dem gekauften fuenf Liter Wasserkanister genommen habe. Nur stroemte dort vermutlich locker das Hundertfache an Wasser ueber mich.

Auch der heutige Campingplatz in La Reole ist schon im Winterschlaf. Optisch ist er schoen gelegen, direkt an der Garonne. Leider befindet er sich auch zwischen zwei stark befahrenen Strassen, die Nacht koennte etwas laut werden.

Der Jakobsweg wirft seine Schatten schon voraus. Heute habe ich zum ersten Mal Wegweiser von ihm gesehen.

Ich fuehle mich gerade so wie in Finnland. Dort war ich (beinahe) nur, um moeglichst schnell nach Norden zum Nordkap zu kommen. Hier ist es auch nicht die aktuelle Gegend, die mich beschaeftigt. Meine Gedanken sind schon ein paar Tage voraus: Mit den Pyrenaeen steht ein weiteres Highlight der Tour unmittelbar bevor, ich kann es kaum mehr erwarten.

Bild aufgenommen am
09.10.2007, 17:15.
Wieder eine runde km-Zahl auf meinem Fahrrad-Tacho.

Ich bin gespannt, wann ich meine nächste Fahrrad-Reise in Angriff nehmen werde, bei der ich wieder in solche Dimensionen bei der Gesamtdistanz vorstoße.
 
Bild aufgenommen am
09.10.2007, 19:04.
Dusche aus dem Kanister.
 

Barbotan les Thermes - 97 km - 10107 km

10. October 2007, 21:33

Gestern hatte ich noch geschrieben, dass es weder Sonne noch Regen gab, heute hatte ich beides. Erst gegen Mittag wurden die Pausen des in der Nacht begonnenen Regens laenger, weswegen ich bis 13 Uhr auf dem Campingplatz blieb. Waehrend der Fahrt wechselte sich der Regen mit Sonnenschein ab.

Nur wenige Kilometer nach Etappenstart aenderte sich die Landschaft im Vergleich zu den letzten Tagen komplett. Ich fuhr durch den “Parc Regionale des Landes de Gascogne”. In ihm waren die Strassen fast ausgestorben, auch die kleinen Doerfchen waren menschenleer. Anstiege gab es dort auch keine, weswegen ich einen Teil der durch das schlechte Wetter verlorenen Zeit wieder aufholen konnte.
Wenn man mit dem Rad in der Gegend ist, kann ich die Strecke durch diesen Park nur empfehlen. Er bot mir eine schoene Abwechslung zu der inzwischen gewohnten Landschaft seit Orleans.

In Barbotan ist der Tourismus noch nicht im Winterschlaf versunken. Schon bei der Einfahrt in die Stadt wird man mit Werbetafeln fuer Hotels und Restaurants ueberflutet.
Als ich einen gut gefuellten Wohnmobilstellplatz in der Stadt sah, hoffte ich wieder auf einen geoeffneten Campingplatz. Tatsaechlich hatte ich heute Glueck. Der Platz am Stadtrand ist schoen an einem See gelegen, zudem ist noch richtig viel los fuer die Jahreszeit. Deutsche habe ich allerdings noch keine gesehen, neben wenigen Englaendern habe ich nur noch Franzosen wahrgenommen.

Bild aufgenommen am
10.10.2007, 19:33.
Ein wirklich schön gelegener Campingplatz bei Barbotan les Thermes im Süden Frankreichs.
 

Arudy - 147 km - 10253 km

11. October 2007, 21:25

Obwohl in noch in Frankreich bin, fuehle ich mich schon richtig in Spanien angekommen. Speziell bei der Fahrt durch Pau habe ich mich nicht wie in Frankreich gefuehlt. Die Stierkampfarenen, die es hier gibt, machen nur einen kleinen Teil dieses Eindrucks aus. Es sind vielmehr die Menschen, die ich ohne zu zoegern Spanien zuordnen wuerde.

Auch das Wetter haette heute ab Mittag gut zur Iberischen Halbinsel gepasst. Morgens gab es wieder viel Nebel, der zusammen mit der herbstlichen Landschaft und der aufgehenden Sonne, die manchmal doch eine Luecke fand, eine wunderbare Kulisse bot. Ab Mittag dominierte die Sonne. Erst spaeter gewannen die Wolken wieder die Oberhand.
Wie noch aus Norwegen gewohnt, sind die Bergspitzen auch hier in Wolken gehuellt. Die Gipfel sind nicht zu erkennen.

Es war heute noch ueberraschend lange flach. Erst wenige Kilometer vor Arudy zog die Steigung auf deutlich ueber fuenf Prozent an.

Pau war sehr verkehrsreich, es hat mir aber trotzdem gut gefallen. Es gab viele schoene Ecken und Sitzgelegenheiten. Mal mitten in der Stadt, mal in einem ruhigen Park, mal mit Fernblick auf die Berge. Haette ich ueberall Pause gemacht, wo es mir gefallen hat, ich wuerde noch jetzt von einer Bank zur naechsten wechseln.

Campingplatz fand ich dort aber keinen, weswegen ich weiter nach Gan gefahren bin. Dort gab es zwar einen Wegweiser zu einem Campingplatz, es blieb aber leider bei dem einen. Auch Fragen brachte nur ratlose Antworten, also fuhr ich weiter bis kurz vor Arudy.
Ich freute mich ueber die mehrfache Ankuendigung eines “Camping a la ferme”. Irgendwann haette ich aber einem Wegweiser folgen sollen, der mich von der Hauptstrasse weg fuehrte - ohne Entfernungsangabe. Den Fehler, einem solchen Schild rund zehn Kilometer zu folgen, habe ich bereits in Schweden begangen, und ich habe etwas daraus gelernt. Besonders hier, wo zehn Kilometer auch schnell 500 hm bedeuten koennen, hatte ich keine Lust auf Experimente.
Ich fuhr also weiter und wurde auch in Arudy selbst fuendig. Der Campingplatz hier ist zwar nicht viel mehr als ein kleiner Gruenstreifen ohne Sanitaereinrichtung, aber er lag immerhin direkt auf meinem Weg.

Bild aufgenommen am
11.10.2007, 10:18.
Frühnebel über den Feldern.
 
Bild aufgenommen am
11.10.2007, 10:59.
Baumspalier entlang meiner Reiseroute.
 
Bild aufgenommen am
11.10.2007, 11:06.
Fahrt in den Nebel.
 
Bild aufgenommen am
11.10.2007, 16:35.
Rast in Pau.

Diese Stadt wirkte nicht mehr französisch, es fühlte sich bereits an wie Spanien.
 

Pierrefitte-Nestalas - 77 km - 10330 km

12. October 2007, 20:47

Jetzt bin ich also in den Pyrenaeen, auf die ich mich so gefreut hatte, und gleich der erste Tag verschafft mir einen nahezu perfekten Empfang: Eine wunderbare Landschaft, Fernsicht ohne Ende, Sonne mehr als genug und natuerlich Radsport-Feeling pur.
Aber der Reihe nach…

Die Suche nach einem Campingplatz dauerte gestern laenger als ich angenommen hatte. Ich hatte im Kopf, dass das Tal zwischen Pau und Laruns nur so von Campingplaetzen wimmelt. Das ist auch der Fall, aber diese Anhaeufung beginnt erst in Arudy. Ich bin heute an sicher 20 Plaetzen vorbei gefahren, nicht einer sah so schaebig aus, wie der, auf dem ich die letzte Nacht verbracht hatte. Dumm gelaufen, kann ich da nur sagen.

Nach einem kleinen Einkauf in Arudy machte ich mich auf den noch relativ flachen Weg nach Laruns. An dessen Ortsende gabelt sich der Weg. Man hat die Moeglichkeit weiter Richtung Sueden ueber den Puerto del Portale nach Spanien zu radeln, oder man biegt nach Osten ab und gelangt so zum Tal des Flusses Gave de Pau.
Beide Moeglichkeiten nehmen sich bezueglich der Hoehenmeter nicht viel.

Ich wollte nicht einfach auf dem schnellsten Weg durch die Pyrenaeen hindurch. Wenn ich schon mal hier bin, moechte ich das auch ein wenig auskosten. Folglich fuhr ich planmaessig die oestliche Variante, wo gleich zwei durch die Tour de France bekannt gewordene Berge auf mich warteten: Der Col d’Aubisque und der Col de Soulor, wobei der Soulor bei der Anfahrt aus Westen nur noch einen kleinen Zwischenanstieg auf der Abfahrt von rund 100 hm darstellt. Die eigentliche Aufgabe war heute also die 16 km lange Auffahrt zum Aubisque.
Der Anstieg beginnt eher verhalten und wird erst nach Eaux-Bonnes steiler. Das genuessliche Panorama-Stueck beginnt dann ab etwa 1350 hm, wenn man Gourette hinter sich gelassen hat. Bis Gourette faehrt man meist im Wald.
Nach der kleinen Stadt, die bedingt durch die Jahreszeit voellig ausgestorben war und wie eine Geisterstadt wirkte, hat man dann einen herrlichen Blick Richtung Laruns und auf die bereits zurueckgelegte Strecke. Baeume fehlen hier aufgrund der Hoehe.

Obwohl die Anstiege in Norwegen nicht so hoch waren wie der heute gefahrene, radelte es sich heute trotzdem viel leichter. Das bessere Wetter liess die Hoehenmeter viel einfacher purzeln. Hoffentlich verhaelt es sich auch die naechsten Tage so, an Hoehenmeter wird es nicht mangeln :-)

Der Ueberfluss an Campingplaetzen haelt uebrigens an, ich konnte mir heute regelrecht einen aussuchen.

Bild aufgenommen am
12.10.2007, 11:50.
Am Col d'Aubisque.

"Pace yourself and good luck."
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 12:02.
Beim Anstieg am Aubisque steht jeden Kilometer ein Schild und informiert über die restliche Strecke zur Passhöhe.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 12:40.
Entdeckt am Col d'Aubisque.

Baum frisst Schild.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 13:28.
Am Col d'Aubisuqe.

Eigentlich wollte ich mich im Anstieg fotografieren - aber der Selbstauslöser war schneller als ich wieder umdrehen konnte.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 13:57.
Am Col d'Aubisque.

Blick auf den Ski-Ort Gourette mit Pyrenäen-Panorama in Hintergrund
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 14:14.
Weg hinauf zum Col d'Aubisque.

Leider geht die Straßenmalerei weniger in Richtung Radsport sondern mehr in Richtung Politik.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 14:24.
Nochmal Blick zurück auf Gourette vom Col d'Aubisque aus.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 14:30.
Wolkenschleier am Col d'Aubisque.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 14:31.
Fahrrad mit dem Örtchen Gourette im Hintergrund
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 15:02.
Am Gipfel des Col d'Aubisque werden Fahrradfahrer stilecht empfangen.

Und so habe auch ich heute noch drei Fahrräder überholt.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 15:07.
Am Gipfel des Col d'Aubisque.

Den Ausblick habe ich mir redlich verdient.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 15:09.
Passhöhe des Col d'Aubisque.

Wie man mir ansehen kann, war der Anstieg anstrengend.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 15:34.
Verbindung des Aubisque mit dem Col du Soulor.

Mit dem tiefen und steilen Abgrund direkt neben Dem Fahrrad ist diese Teilstrecke sehr interessant zu fahren.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 16:01.
Am Gipfel des Col du Soulor.

Auch der zweite und letzte Pass für heute ist geschafft.
Von jetzt an geht es bergab.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 17:36.
Blick auf ein Tal nach der Abfahrt vom Col du Soulor.
 
Bild aufgenommen am
12.10.2007, 19:29.
Nach der Überquerung des Col d'Aubisque und des Col du Soulor:

Müde aber glücklich im Aufenthaltsraum des Campingplatzes.
 

Arreau - 81 km - 10411 km

13. October 2007, 21:20

Col du Tourmalet.
Viele Radfreunde bekommen allein bei dem Namen feuchte Haende. Ich gehoere dazu.
Heute war es endlich soweit, das eigentliche Ziel in den Pyrenaen war an der Reihe.

In der Nacht war es so kalt, dass ich das erste Mal seit Norwegen meinen Schlafsack schliessen musste. Meist ist das ein gutes Zeichen. Wenn die warme Luft nach oben abziehen kann, ist dies ein Indiz fuer einen wolkenarmen Himmel, und genau einen solchen hatte ich heute Morgen bei dem ersten Blick aus dem Zelt.
Dieses gute Wetter hielt den ganzen Tag an. Laut Wettervorhersage wird es auch morgen so sein. Sehr erfreulich.

Wie gestern gab es vor der Kletterei noch ein kleines Vorspiel, welches heute aber kuerzer, steiler und landschaftlich spektakulaerer ausfiel. Die Strasse fuehrte entlang des Gave de Pau durch ein schmales Tal bis Luz St. Sauveur, wo der eigentliche Anstieg begann. Schon die Fahrt durch dieses Tal war eindrucksvoll und trotz der niedrigen Temperaturen schweisstreibend.

In Luz St. Saveur angekommen, folgte dann der 17 km lange und durchgehend steile Anstieg zur Passhoehe auf etwa 2100 m.
Zwangslaeufig war es eine sehr anstrengende Angelegenheit, aber oben auf Hoehe der umliegenden Berge zu stehen und die Aussicht auf die Taeler zu geniessen, entschaedigte fuer alle Muehen.
Wie gestern gab es auch heute viele Mitstreiter. Andere Radreisende habe ich aber nicht gesehen. Es waren nur Rennradfahrer unterwegs, die ihre Sportgeraete, die etwa soviel wiegen duerften wie meine beiden Fronttaschen, den Berg hoch trieben. Die Spezies der Rennradler ist meinen Beobachtungen zufolge weit weniger kontaktfreudig als die der Fernradler. Auch untereinander. Die Kommunikation geht selbst auf Passhoehe kaum ueber einen freundlichen Gruss hinaus.

Bei der Abfahrt kam ich durch La Mongie. Eigentlich kann man es weder als Stadt noch als Dorf bezeichnen. Es ist eine reine Ansammlung von Hotels und Restaurants mit ein paar winzigen Geschaeften. Ein paar Restaurants hatten sogar geoeffnet und erfreuten sich angesichts des tollen Wetters an reichlich Zulauf. Allgemein war heute mehr los auf den Strassen als gestern, vermutlich die Auswirkung des Wochenendes.

Nach der Abfahrt bis Ste. Marie de Campan auf etwa 850 m fuehlte ich mich aber noch halbwegs einsatzbereit und frueh genug am Tag war es auch noch. Ich entschied mich, den Weg nach Arreau noch heute zurueckzulegen, was mich erneut auf fast 1500 m den Col d’Aspin hinauf fuehrte. Er fuhr sich voellig unterschiedlich wie der Tourmalet.

Die ersten acht Kilometer hielt sich die Steigung schwer in Grenzen. Erst die letzten fuenf Kilometer waren wieder weit ueber der fuenf Prozent Marke und somit sehr anstrengend. Heute war ich ganz froh, dass sich der grosse Teil des Anstiegs im Wald befand und ich so schattig bis einen Kilometer vor die Passhoehe des Aspins fahren konnte. Selbst dort oben war es bei der Kletterei richtig heiss.

Gerade sitze ich in dem Fernsehraum des Campingplatzes in Arreau. Es laeuft ein Rugby-Spiel. Scheinbar das Halbfinale der Weltmeisterschaft, falls mich mein Franzoeisch nicht im Stich gelassen hat. Frankreich gegen England.
Ich habe keine Ahnung von den Regeln, aber ich werde mir mal ein paar Minuten anschauen. Alt werde ich hier allerdings sicher nicht, dafuer bin ich bereits jetzt zu muede.

Bild aufgenommen am
13.10.2007, 13:13.
Am Col du Tourmalet.

Man kann den Straßenverlauf von der Bildmitte rechts zur linken oberen Bildecke gut verfolgen.
Mit dem Fahrrad durchaus eine Herausforderung.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:09.
Am Col du Tourmalet gibt es (wie auch gestern am Aubisque) viele Schilder, die die Fahrradfahrer über die noch bevorstehende Strecke bis zum Gipfel informieren.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:16.
Am Col du Tourmalet.

Wenn man hier angekommen ist, hat man nicht nur einen wunderbaren Ausblick, sondern auch schon einen großen Teil des Anstiegs hinter sich.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:47.
Nochmal die gleiche Stelle am Col du Tourmalet - nur dieses mal stilecht mit Fahrrad-Lenker.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:50.
Am Gipfel des Col du Tourmalet angekommen.

Es sollte auch der höchste Gipfel meiner Fahrradreise bleiben.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:52.
Blick auf La Mongie hinter meinem Fahrrad.

Hier werde ich mich gleich in die Abfahrt stürzen.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 14:53.
Die gleiche Stelle am Col du Tourmalet, aber dieses mal nicht mit Fahrrad sondern mit Fahrer.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 15:05.
Das Skidorf La Mongie währen der Abfahrt vom Col du Tourmalet.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 15:17.
Blick ins Tal bei der Abfahrt vom Col du Tourmalet.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 16:58.
Grandiose Fernsicht beim Aufstieg zum Col d'Aspin.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 17:06.
Schönster Sonnenschein am Col d'Aspin.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 17:19.
Am Gipfel des Col d'Aspin angekommen.
 
Bild aufgenommen am
13.10.2007, 17:25.
In der Talschneise die links zu sehen ist, liegt Arreau, das heutige Etappenziel.
 
Bild aufgenommen am
14.10.2007, 10:19.
Campingplatz von Arreau.

Den Fernsehraum habe ich nicht nur zum Abendessen und Frühstücken genutzt, ich war so frei und habe auch darin geschlafen.
 

Avajan - 78 km - 10489 km

14. October 2007, 20:30

Gestern Abend hatte ich herzlich wenig Lust, aus dem warmen Fernsehzimmer in mein kaltes Zelt zu wechseln. Da ich die einzige Person in dem Raum war, holte ich einfach meine Isomatte samt Schlafsack aus dem Zelt und verbrachte die Nacht mit einem festen Dach ueber dem Kopf und einer Heizung neben mir.

Urspruenglich wollte ich heute auf direktem Weg durch den Tunnel de Bielsa nach Spanien radeln. Schon am Ortsende von Arreau war aber angeschrieben, dass der Tunnel gesperrt waere. Da mir bekannt war, dass die Strecke zum Tunnel hinauf sehr schoen sein soll und ich zudem Hoffnung hatte, mit dem Rad am Sonntag vielleicht doch durch die Roehre schluepfen zu koennen, macht ich mich ungeachtet der Sperrung auf den Weg. Es war nicht viel Verkehr auf der Strecke, aber die wenigen Autos ermutigen mich trotzdem, dass vielleicht ein Durchkommen moeglich sein koennte.
Leider kam es anders. Die Strecke war zweifellos sehr schoen, allerdings nicht zielfuehrend. Der Tunnel war wegen Bauarbeiten gesperrt und zwar so, dass ich nicht einmal ohne Fahrrad an der Absperrung vorbeigekommen waere.

Da stand ich also auf ueber 1800 m und durfte den hochgestrampelten Weg wieder zurueckfahren. Pech gehabt, aber ich wollte ja auch nicht auf das Schild hoeren.

Die Frage ist nun, wie ich stattdessen nach Spanien gelangen werde. Westlich waere von Laruns aus die naechste Moeglichkeit. Dazu muesste ich aber die letzten beiden Tage retour fahren oder den grossen Umweg ueber Tarbes in Kauf nehmen. Alternativ koennte ich von Tarbes gleich weiter nach St. Jean Pied de Port, dem offiziellen Beginn des Jakobswegs, und dann ueber den relativ niedrigen (gut 1000 m) Puerto d’Ibaneta nach Pamplona radeln. Auf den Weg zurueck nach Tarbes hatte ich aber keine Lust. Ich habe mich entschieden in den Pyrenaen weiter nach Osten zu fahren und bei Bagneres de Luchon die Grenze zu passieren.
Wenn ich dann allerdings noch auf den Jakobsweg moechte, wird der Weg nach Wesen ganz schoen weit. Ich koennte mir vorstellen, den Pilgerpfad sausen zu lassen und mit einer weniger westlichen Route die Strecke durch Spanien etwas abzukuerzen.

Als ich heute zurueck in Arreau war und die Entscheidung zugunsten der Ost-Variante getroffen hatte, fuhr ich noch ein paar Kilometer bis Borderes-Louron. Ich haette es mir ja denken koennen, natuerlich kam kein Campingplatz. Es schien schon fast so, als muesste ich den Col de Peyresourde auch noch heute nehmen, da lief mir in Avajan doch noch einer ueber den Weg.

Auf wildes Campen habe ich in dieser Gegend wenig Lust. Erstens haengt an der Einfahrt zu fast jeder Wiese ein Schild “Privatbesitz, Betreten verboten”. Zudem liegen hier auf der Strasse viele (meistens bereits ueberfahrene und somit tote) Schlangen, die mein Verlangen, eine Wiese mit hohem Gras zu durchschreiten, ganz erheblich mindern. Ob ein Biss dieser Exemplare wirklich gefaehrlich waere, weiss ich allerdings nicht.

Bild aufgenommen am
14.10.2007, 14:01.
Im letzten Drittel des Aufstiegs zum Tunnel de Bielsa.
 
Bild aufgenommen am
14.10.2007, 14:57.
Vom Tunnel de Bielsa bergabwärts fotografiert.

Hier oben wächst kaum mehr etwas.
 
Bild aufgenommen am
14.10.2007, 15:08.
Der Tunnel de Bielsa - oder zumindest das, was ich davon zu sehen bekam.
 
Bild aufgenommen am
14.10.2007, 16:27.
Rückweg vom Tunnel de Bielsa nach Arreau: Schwer auf dem Bild zu erkennen, aber dort vorne handelt es sich um eine "drive through Kirche."
 

Avajan - Tag 2

15. October 2007, 18:22

Ich hatte damit gerechnet, dass es mich irgendwann treffen koennte, jetzt ist es soweit. Eine Erkaeltung hat mich fest im Griff.
Die Nase laeuft, der Hals kratzt und manchmal schmerzt der Kopf. An anstrengendes Radfahren ist nicht zu denken.

Heute bin ich bei schoenstem Wetter in Avajan auf dem Campingplatz geblieben, da ich noch genuegend Essen bei mir hatte. Weil es aber in dem kleinen Dorf kein Geschaeft gibt, werde ich morgen hier weg muessen.
Den geplanten Weg nach Sued-Osten kann ich vergessen. Dort warten mehrere hundert Meter hohe Anstiege. Die moechte ich in der jetzigen Verfassung nicht radeln.
Ich werde mich ein paar Kilometer bergab nach Arreau rollen lassen. Komme ich dort eben zum dritten Mal vorbei. Jedenfalls gibt es dort einen Supermarkt, auch eine Apotheke waere vorhanden.
Zwar ist auch der dortige Campingplatz kein ideales Krankenlager, er sollte aber ausreichen. So schlimm hat es mich gluecklicherweise nicht erwischt.

Vermutlich werde ich in den naechsten Tagen nicht gerade viel Interessantes zu schreiben wissen. Wie den heutigen Tag werde ich wohl viel Zeit mit Buechern, Musik und Hoerbuechern verbringen. Ich werde mich trotzdem immer kurz melden und ueber meinen Gesundheitszustand sowie meine weitere Planung (die sich inzwischen ja fast taeglich aendert) berichten.

Falls es jemand vorhaben sollte: Grund sich Sorgen zu machen gibt es keinen!

Bild aufgenommen am
14.10.2007, 18:23.
Auf dem Campingplatz von Avajan.

Der Campingplatz liegt sehr schön, umgeben von vielen Berggipfeln.

Durch meine leichte Erkrankung musste ich hier leider etwas länger verweilen als geplant.
 

Arreau - 16 km - 10505 km

16. October 2007, 19:04

Wie geplant habe ich mich heute nur bis Arreau hinab rollen lassen. Dort bin ich jetzt wieder auf dem Campingplatz, in dessen Fernsehraum ich bereits vor zwei Tagen uebernachtet habe.

Gesundheitlich geht es mir zwar besser als gestern, voellig fit fuehle ich mich aber noch nicht. Ich habe gleich zwei Naechte fuer den Campingplatz bezahlt, morgen wird also auf alle Faelle ein weiterer Ruhetag auf mich warten.

Zweck der Fahrt nach Arreau war ja der, dass ich hier eine Einkaufsmoeglichkeit habe, meine Vorraete waren heute Morgen aufgebraucht. Aber die Rechnung hatte ich ohne “Murphys Law” gemacht. Der kleine Supermarkt in der Stadt wird nicht gerade woechentlich Inventur machen, ich habe mir heute aber zielsicher diesen Tag gewaehlt. Das Geschaeft war somit geschlossen.
Problem war es keines. Es gab noch einen Baecker und ein Obstgeschaeft, damit kann man ueber die Runden kommen. Baguette mit Banane - mal was Neues.
Etwas ausserhalb gaebe es sogar noch ein groesseres Geschaeft, aber davon trennen mich einige Hoehenmeter und die wollte ich mit meiner Erkaeltung nicht fahren.

Ich weiss nicht, wann ich den letzten Reiseradler auf einem Campingplatz getroffen habe. Es muss mehrere Wochen her sein. Vor einer Stunde kam hier ein Franzose per Fahrrad auf den Platz. Mit etwas Glueck ist er des Englischen maechtig genug, dass wir uns etwas austauschen koennen. Das werde ich jetzt testen gehen.

Bild aufgenommen am
16.10.2007, 13:51.
Geschlossener Supermarkt in Arreau.

Wie könnte es auch anders sein?
 

Arreau - Tag 2

17. October 2007, 19:56

Aus der Unterhaltung mit dem Radkollegen wurde gestern leider nichts. Er war an seinem Zelt nicht aufzufinden. Vermutlich hatte er sich in die Stadt begeben. Ich sah ihn nur heute Morgen kurz als er abreiste. Grosses Interesse an einem Austausch schien er aber eh nicht gehabt zu haben.

Sonderlich spannend war weder der gestrige Abend noch der heutige Tag. Auf der Suche nach etwas Unterhaltung schaltete ich gestern den Fernseher des Campingplatzes ein. Dort liefen aber nur gute Argumente fuer die Abschaffung dieses Unterhaltungsmediums. Das franzoesische Programm scheint mir dem deutschen leider sehr aehnlich zu sein. Ich landete schliesslich wieder bei meinen Hoerbuechern. Zum Glueck hat mich meine Liebste bei unserem Zusammentreffen mit ordentlich Nachschub davon versorgt.

Meine Gesundheit hat sich auch heute wieder einen Schritt gebessert. Wenn ich mich morgen so fuehle wie gerade eben, werde ich aufbrechen und ein weiteres Stueck aus den Bergen hinausfahren. Meine Planung sieht vor, dass ich mich etwas aus den Pyrenaeen zurueck ziehe und ueber Pau ein Stueck nach Westen fahre. Auf dem Weg nach St. Jean Pied de Port, der mich vermutlich drei bis vier Tage kosten wird, kann ich dann in den tiefen Lagen bei kurzen Etappen meine Gesundheit festigen. Dort angekommen sollte ich wieder fit genung fuer ein paar Berge sein. Ueber den Ibaneta moechte ich dann nach Spanien radeln und die Pyrenaeen hinter mir lassen. So bekomme ich auch noch ein klein wenig vom Jakobsweg mit. Zwar kostet mich das einige Tage mehr als die direkte Sued-Ost-Variante, aber es scheint mir nicht sinnvoll, unmittelbar nach der Genesungspause schwere Bergetappen auf kalte Passhoehen hinaufzufahren.

Bild aufgenommen am
17.10.2007, 15:50.
Wieder im Fernsehraum auf dem Campingplatz von Arreau.

Wenn schon solche Bilder entstehen, könnt Ihr Euch vorstellen, wie sehr ich mich gelangweilt habe.
 

Capvern les Bains - 39 km - 10545 km

18. October 2007, 20:43

Erstaunlich, was 40 km doch bewirken koennen. Aus der eindrucksvollen Gebirgskulisse wurde eine liebliche Landschaft mit leichten Huegeln. Von den nahen Pyrenaeen ist nichts mehr zu spueren.

Die heutige Etappe war hauptsaechlich dazu gedacht, um meinen Gesundheitszustand zu pruefen. Ich wuerde den Test als eine gelungene Generalprobe bezeichnen. Waehrend der Fahrt fuehlte ich mich voellig normal und auch jetzt kann ich keine negativen Auswirkungen erkennen. Mal sehen, wie es mir morgen frueh geht.

Auf dem Campingplatz angekommen, suchte ich mir ein halbwegs ebenes Plaetzchen und kam eher zufaellig an einem Schild vorbei, das Hundebesitzer dazu aufforderte, ihre Vierbeiner an der Leine zu fuehren. In meinen Augen sollte das auf einem Campingplatz eine absolute Selbstverstaendlichkeit sein. Ich nahm waehrend des Zeltaufbaus also eher beilaeufig wahr, dass ein Herr seinen Hund an der geforderten Leine ueber den Campingplatz fuehrte. Als er bei mir angekommen war, was gleichzeitig die letzte belegte Parzelle auf seinem Weg bedeutete, liess er den Hund Sitz machen und nahm ihm die Leine ab. Das Duo war dabei keine 10 m von mir entfernt.
Der Hund blieb so lange sitzen bis er das Signal zum Aufstehen bekam. Scheinbar war er gut erzogen. Scheinbar.
Trotz der Rufe seines Herrchens, trottete der Hund auf direktem Weg quer ueber mein am Boden ausgebreitetes Zelt. Um groesseren Schaden zu verhindern, ging ich mit meiner aufgerollten Isomatte drohend auf den Hund zu, der sich sofort aengstlich davon machte.
Sicher war der Hund nicht aggressiv und er bedrohte mich nicht im geringsten. Meine Zelthaut reagiert aber aeusserst perforationsfreudig auf scharfe Hundekrallen und auf den Sternenblick verzichte ich innerhalb meines Zeltes gerne.
Ich regte mich derart ueber den Kerl auf, dass ich ihm praktisch saemtliche mir auf franzoesich bekannten Schimpfwoerter an den Kopf warf, was leider (oder zum Glueck?) keine sehr grosse Anzahl war. Meine Gesten duerften allerdings auch die letzten Unklarheiten bezueglich meiner Intension beseitigt haben.
Er grinste nur, waehlte auf dem Rueckweg um des Friedens willen aber eine andere Strecke.

Was ich mich auf dem Fahrrad ueber unverantwortliche Hundefuehrer schon aufgeregt habe, geht auf keine Kuhhaut. Vielleicht sollte man die hier in Frankreich zu Hauf praktizierte Zwingerhaltung (franzoesiche Hunde scheinen nicht mehr als 4 qm zu brauchen) fuer solch umsichtige Hundealter ebenfalls in Erwaegung ziehen.

Soumoulou - 68 km - 10612 km

19. October 2007, 19:52

Heute gibt es gleich einen doppelten Grund zur Freude.
Erstens scheint mir meine Erkaeltung endgueltig ueberstanden zu sein.
Zum Zweiten war mir jetzt doch tatsaechlich 7 Tage am Stueck Regenfreiheit vergoennt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auf dieser Tour schon vorher eine ganze Woche ohne Regen hatte.
Haette man mir vorher gesagt, dass ich dafuer bis Mitte Oktober warten muss, haette ich es hoechstwahrscheinlich nicht geglaubt. Wenn doch, haette ich die Tour vermutlich um ein Jahr verschoben. :-)

Das Wetter war heute wirklich traumhaft: sommerlich warm, beinahe wolkenlos und annaehernd windstill. Da ich die Etappenlaengen nach meinem krankheitsbedingten Aussetzer aber langsam steigern wollte, habe ich trotz der Verlockung, das Wetter ausgiebig zu nutzen, den kurz vor Pau gesichteten Campingplatz als heutiges Ziel gewaehlt. Ab morgen plane ich wieder mit einer “normalen” Tagesdistanz.

Bezueglich der Streckenplanung hat sich wenig Neues ergeben. Ich plane noch immer ueber St. Jean Pied de Port und den Ibaneta nach Spanien zu radeln. Dem Jakobsweg werde ich dann aber nicht weiter folgen. Von Pamplona aus wird es mich direkt weiter an Madrid vorbei Richtung Tarifa ziehen.

Bild aufgenommen am
19.10.2007, 10:30.
Von diesen Kameraden gab es hier viele.
 

St. Jean Pied de Port - 136 km - 10745 km

20. October 2007, 21:03

Wer heute meine Route verfolgt, koennte meinen, ich sei mir nicht sicher gewesen, wo ich eigentlich hin wollte. Der direkte Weg von Pau nach St. Jean waere aber ganz schoen huegelig gewesen. Da die Tage inzwischen sehr kurz sind und ich bei Dunkelheit eher ungern fahre, bin ich mir nicht sicher, ob ich den direkten und eigentlich kuerzeren Weg ueberhaupt an einem Tag geschafft haette.
Ich entschied mich die Strecke nach Westen entlang des Flusses Gave de Pau zurueckzulegen und danach nach Sueden abzubiegen. Nach etwa 75 flachen Kilometern liess ich das Flusstal hinter mir zurueck und brauchte dann fuer die restlichen 60 Kilometer eine ganze Weile laenger als fuer die zuvor gefahrene weitere Strecke.
So eben wie der erste Teil der Etappe verlief, so huegelig war die zweite Haelfte.

Die Pilgerwege nach Compostella, zum Grab des heiligen Jakob, fuehren ja auf vielen verschiedenen Strecken quer durch Europa. Spricht man aber von DEM Jakobsweg, meint man meist den hier in St. Jean beginnenden Teil. Entsprechend touristisch ist der Ort gestaltet. Vielleicht war es nicht die schlechteste Entscheidung, den Jakobsweg nur kurz zu befahren. Nach Pamplona werden sich unsere Wege bereits wieder trennen.

Das Wetter war heute erneut spitze. Erst als ich gegen 18:30 Uhr in St. Jean ankam und die Sonne gerade hinter den Bergen verschwand, zogen Wolken um die noch etwas suedlich von mir liegenden Bergspitzen auf. Inzwischen sind auch hier keine Sterne mehr zu sehen. Der Campingplatzbesitzer warnte mich, dass es morgen frueh neblig sein wuerde.
Besser als Regen waere das allemal. Schade waere es natuerlich trotzdem, wenn ich morgen bei meiner letzten Bergfahrt in den Pyrenaeen auf den Fernblick verzichten muesste.

Bild aufgenommen am
20.10.2007, 10:38.
Etwas außerhalb der Pyrenäen.

Am Horizont sehe ich die Strecke, die ich die letzten Tage genau in die andere Richtung gefahren bin.
 
Bild aufgenommen am
21.10.2007, 10:58.
Auf dem Campingplatz bei St. Jean Pied de Port.

Wie vorhergesagt, gab es während der Nacht dichten Nebel. Daher war mein Zelt am morgen klitschnass.
Um es in der Sonne schneller trocken zu bekommen, stelle ich es gerne hochkant.
 

Bei Campanas - 99 km - 10847 km

21. October 2007, 21:13

Der Nebel war heute morgen tatsaechlich ziemlich dicht, loeste sich aber in Rekordgeschwindigkeit auf. Als ich vom Campingplatz rollte, hatte ich bereits wieder Sonnenschein pur, wobei es heute auch den ganzen Tag blieb.

Bei der Fahrt durch St. Jean sah ich nicht einen Wanderer mit Rucksack oder einen Radreisenden. Die vielen Strassencafes und -restaurants waren voll mit Menschen, die nicht unbedingt nach Pilger aussahen. Da man mich aber scheinbar fuer einen hielt, wurden eifrig Kameras gezueckt und ich wurde zigfach abgelichtet. Wenn die meine wirkliche “Pilgergesinnung” kennen wuerden…
Na egal, ich wollte jedenfalls schnell raus aus diesem Schmierentheater und so machte ich mich direkt auf den Weg zum Ibaneta. Der Anstieg begann zwar unmittelbar nach St. Jean, es gab aber immer wieder Zwischenabfahrten.
Der Weg zum Gipfel war wie ueblich schweisstreibend, im Vergleich zu den bisher in den Pyrenaeen befahrenen Bergen war er mit 1050 hm aber eher ein harmloser Vertreter seiner Art.
Die Abfahrt war mit vielen weiteren Anstiegen versehen. Erst wenn man nach einer teilweisen Abfahrt den Erro mit rund 800 hm erklommen hat, geht es wirklich hinab ins Tal nach Pamplona.

Die Stadt habe ich zuegig hinter mich gebracht. Der Besuch war von der Suche nach einem Campingplatz dominiert, leider fand ich keinen. Ich bin zwar noch immer der festen Ueberzeugung, dass es einen geben muss, ich suchte aber auch nicht gerade gruendlich und verliess stattdessen die Stadt bald Richtung Sueden.
Auf dem Weg nach Campanas (wenn es dort keinen Campingplatz gibt, wo dann? :-) ) wurde es schon langsam dunkel und eine grosse Erddeponie am Strassenrand bot mir einen sichtgeschuetzen Zeltplatz, auf dem ich mein Lager aufgebaut habe.
Ich stehe auf einer Anhoehe und habe einen wunderbaren Blick zurueck auf die Pyrenaeen und auf den Flughafen von Pamplona.

Der Himmel ist noch immer voellig klar, es kam im Laufe des Abends aber Wind auf. So etwa fuenf Windstaerken begruenden meine Hoffnung, dass es morgen keinen Nebel hat und nicht wie die letzten Wochen vom Tau morgens alles nass ist.

Ein weiterer Grund zur Freude ist der, dass morgen Montag ist. Im Gegensatz zur arbeitenden Bevoelkerung ist das fuer mich immer erfreulich (vielleicht sollte ich schreiben “der NUR WERKTAGS arbeitenden Bevoelkerung” :-) ).

Zum einen, weil die Geschaefte wieder offen haben. Am Sonntag abend tendieren meine Vorraete meist gegen Null. Am heutigen Sonntag bedeutet dies beispielsweise vier Kekse und etwa fuenf Zentimeter Chorizo.
Zum anderen, weill ich dann wieder eine Woche von den Motorradfahrern verschont bleibe. Gerade in den Pyrenaeen waren sie heute wirklich ein Uebel.
Nicht, dass ich generell etwas gegen die motorisierten Zweiradler haette, aber der Anteil der Motorradfahrer, die fahren, als waere hier der Nuerburgring, ist wirklich bedenklich hoch.
Ich nehme ab morgen lieber wieder die LKWs in Kauf.

Bild aufgenommen am
21.10.2007, 14:31.
Der Puerto de Ibaneta.

Im Vergleich zu Tourmalet, Aspin und Aubisque zwar nur ein kleiner Vertreter seiner Art. Trotzdem bietet die Überquerung per Fahrrad ein tolles Panorama

Er sollte mein letzter Pass in den Pyrenäen und gleichzeitig mein Abschied von Frankreich sein.

Nun ist Spanien an der Reihe um unter die Laufräder genommen zu werden.
 
Bild aufgenommen am
21.10.2007, 18:40.
Die ersten landschaftlichen Eindrücke von Spanien.
 
Bild aufgenommen am
21.10.2007, 19:27.
Kurz nach Pamplona in Spanien.

Der erste wilde Zeltplatz auf einer Baustelle.
 
Bild aufgenommen am
21.10.2007, 19:31.
Aussicht von meinem Zeltplatz aus.
 
Bild aufgenommen am
22.10.2007, 08:40.
Die Windräder auf dem Bergkamm strahlen schon in der Sonne, ich werde hier unten noch kurz auf ihre Wärme warten müssen.
Alternativ setze ich mich auf mein Fahrrad und radle los, dabei wird es auch warm.
 

Agreda - 124 km - 10971 km

23. October 2007, 17:39

Mit der Stromversorgung ist das ohne Campingplatz eine etwas schwierige Sache. Der Bericht zu gestern kommt deshalb erst jetzt. Gestern hatte mein Handy keinen Saft mehr.
Falls E-Mails unbeantwortet bleiben sollten, bitte ich das aus diesem Grund zu entschuldigen.

Auf der Erddeponie habe ich niemanden gestoert, es blieb eine windige aber ansonsten ruhige Nacht. Nur der Vollstaendigkeit halber sei erwaehnt, dass es trotz des passenden Namens auch in Campanas keinen Campingplatz gegeben haette.

Die Fahrt begann erst ziemlich locker. Mit Rueckenwind ging es bis Mittag in das Tal des Ebro hinab. Danach begann die Steigung. Bis zum Etappenende ging es staendig bergauf. Mal nur mit 1-2 %, dann wieder richtig steil. Es schien nur die eine Richtung “nach oben” zu geben.

Die Landschaft hier ist etwa so, wie man sie von Western-Filmen kennt. Wenig Baeume, meist nur rot-braune Erde soweit das Auge reicht. Zwar gibt es fast ueberall Felder, allerdings sind diese bereits abgeerntet. Gruene Flecken sind somit selten zu sehen.

Vielleicht erinnern sich manche noch an meine Worte waehrend der ersten Wochen der Tour: von “trocken und staubig” war da die Rede. Besser koennte ich das Wetter von gestern nicht beschreiben. Die Sonne brannte fast den ganzen Tag auf mich herunter und die trockene Erde wirbelte wegen des Windes durch die Luft. Ich konnte trinken soviel ich wollte, der Hals war sofort wieder staubtrocken. Was ich gestern getrunken habe, haette in Norwegen fuer mindestens drei Tage gereicht.

Die Waesche haelt es gluecklicherweise ebenso. Hier trocknet nachts mehr als waehrend des Nebels in Frankreich in zwei ganzen Tagen.

Da waehrend der kompletten Etappe kein Campingplatz zu sehen war, hoffte ich abends gar nicht erst auf so viel Glueck. Nahe des Industriegebiets von Agreda gab es am Ende einer langen Sackgasse ein brauchbares Plaetzchen, auf dem ich die Nacht verbracht habe.

Bild aufgenommen am
22.10.2007, 13:26.
Straße in Spanien.

Mein Fahrradweg führt mich schnurgerade Richtung Süden.
 
Bild aufgenommen am
22.10.2007, 18:21.
Wenig romantischer Zeltplatz im Gewerbegebiet von Agreda.

Durch die Straße im Hintergrund war es in der Nacht nicht sonderlich leise.
 

Almazan - 92 km - 11063 km

23. October 2007, 18:41

Das Wetter hatte heute mit dem von gestern nicht viel gemeinsam. Schon morgens war der Himmel voller Wolken. Die Sonne sah ich heute nicht eine Minute. Die Fahrt ueber blieb ich immerhin trocken.

Die Strecke setzte sich fort, wie sie gestern aufgehoert hatte: immer weiter sanft nach oben. Nach knapp 20 km kam schliesslich ein Gipfelschild. Auf knapp 1200 m hatte ich es ohne laengere steile Anstiege geschafft. Leider folgte keine nenneswerte Abfahrt. Ohne Sonne war es dort oben ziemlich frisch, windig war es noch dazu.

Die weitere Etappe spielte sich auf dem welligen Hochplateau ab. Bis nach Almazan ging es durch eine ziemlich karge Landschaft, wieder gab es ausser braun-roter Erde nicht viel zu sehen.
Zwar kreisten sie noch nicht ueber mir, am Strassenrand sassen die Geier aber bereits.

Im Zentrum von Almazan fragte ich einen Bauarbeiter, ob ich mein Handy an seiner Kabeltrommel laden duerfte und er hatte nichts dagegen.
Waehrend ich also Pause machte und Strom zapfte, begann es leicht zu regnen. Ohne grosse Lust auf eine Regenfahrt radelte ich nur bis vor die Stadtgrenze und suchte mir eine trockene Bleibe.

Bereits in Norwegen, als ich in dem Carport uebernachtete, hatte meine Mutter mit mir darueber gewitzelt. Mama, ich habe es nun tatsaechlich geschafft: Ich schlafe unter der Bruecke :-)

Bild aufgenommen am
23.10.2007, 12:07.
Die Geier am Straßenrand machten die Wüsten-Stimmung perfekt.
 
Bild aufgenommen am
23.10.2007, 12:25.
Die Landschaft in Spanien hat nichts mehr mit der in Skandinavien gemeinsam. Wenig Verkehr habe ich aber glücklicherweise hier wie dort vorgefunden.
 
Bild aufgenommen am
23.10.2007, 17:49.
Bei Almazan in Spanien.

Nach ein paar Tagen ohne Regen hatte ich mich so sehr an das Trockene gewöhnt, dass ich keine Luste hatte, mein Zelt im Regen aufzustellen. Zudem ist die rote Erde bei Regen als Zelt-Untergrund viel unangenehmer (da matschiger) als eine grüne Wiese.

Somit habe ich mich für eine Schotterstraße als Übernachtungsplatz entschieden, die 100 m nach der Brücke als Sackgasse endete.
 

Guadalajara - 149 km - 11212 km

25. October 2007, 22:54

Gestern war mein Akku leer, deshalb hier erst der Nachtrag zu Mittwoch.

Die Bruecke war eine praktische Sache. Es regnete waehrend der Nacht immer wieder, erst in den Morgenstunden blieb es trocken.
Obwohl der Himmel es nicht vermuten liess, regnete es darauf auch den ganzen Tag nicht mehr.
Wie ich unter der Bruecke schlafen konnte, ist mir aber noch immer ein kleines Raetsel. Die ganze Nacht ueber fuhren Autos auf der Strasse darueber. Sie hatten mich an meinem Schlaf aber nicht gehindert.

Noch immer hatte ich einige Hoehenmeter auf meinem Konto gutgeschrieben. Etwa 60 km ging es auf gleichbleibender Hoehe weiter, danach fuehrte mich die Strecke schrittweise abwaerts. Etwa 20 km vor Guadalajara, das ich mir als Etappenziel ausgesucht hatte, durfte ich noch eine 8 km lange Baustelle durchfahren. Eigentlich war die Strasse gesperrt, die Arbeiter gaben mir aber Zeichen, ich solle einfach durch. Die Umleitung sei fuer Fahrraeder zu umstaendlich. Sehr nett von ihnen, auch wenn die 8 km Schlaglochpiste durch die Baustelle nicht unbedingt ein Vergnuegen waren.

Kurz vor der Stadt muendete die Strasse auf eine autobahnartig ausgebaute Schnellstrasse. Daneben konnte ich auf einem kleinen Trampelpfad radeln. Allerdings endete der etwa 500 m vor der Ausfahrt “Guadalajara Nord”. Autobahn war es ja keine, Verbotsschilder fuer Fahrraeder sah ich ebenfalls nicht, also fuhr ich die letzten Meter bis zur Ausfahrt wie auf der Autobahn. Als ich heilfroh auf die Ausfaedelspur fahren konnte, radelten gerade zwei Rennradler die Einfaedelspur auf der entgegenkommenden Seite entlang.
Ich hatte schon auf der kurzen Strecke ein mulmiges Gefuehl, aber scheinbar ist das in Spanien nichts Ungewoehnliches.

Guadalajara bescherte mir noch ein paar Kilometer mehr als notwendig. Nach einer kleinen Runde durch die Stadt, wollte ich mir moeglichst noch bei Tageslicht einen Zeltplatz etwas weiter suedlich suchen. Praktisch alle Ausfahrten in suedlicher Richtung endeten aber auf der Schnellstrasse Richtung Madrid und darauf wollte ich keinesfalls nochmal eine Runde mit dem Fahrrad drehen.
Nach einigen Umwegen durch die Stadt fand ich dann einen passenden Weg und suchte mir nur wenige Kilometer nach dem Ortsschild bei inzwischen schon voelliger Dunkelheit einen Schlafplatz. Ein Acker am Ende eines Schotterwegs wurde mein Zeltplatz fuer die Nacht. Campingplatz hatte ich erneut den ganzen Tag ueber keinen zu Gesicht bekommen.

Bild aufgenommen am
24.10.2007, 14:48.
Auf dem Weg nach Guadalajara.

Braun ist hier die landschaftlich dominierende Farbe.
Wie man sehen kann, ist die Topographie zum Fahrrad fahren gut geeignet.
 
Bild aufgenommen am
24.10.2007, 15:29.
Die Landschaft im spanischen Hinterland.
 
Bild aufgenommen am
24.10.2007, 17:16.
An der Stadtgrenze werden Fahrradfahrer entsprechend begrüßt.
 
Bild aufgenommen am
24.10.2007, 20:46.
Guadalajara bei Nacht

Von meinem Camping-Feld aus hatte ich einen Blick auf die Stadtlichter von Guadalajara.
 
Bild aufgenommen am
25.10.2007, 10:02.
Guadalajara bei Tageslicht am nächsten Morgen.

 

Aranjuez - 113 km - 11325 km

25. October 2007, 23:24

Heute morgen wurde ich wieder von einem solchen Wetter begruesst, wie ich es von Spanien erwarte: Den ganzen Tag gab es nur blauen Himmel zu sehen. Die Temperaturen duerften ein kleies Stueck ueber der zwanzig Grad-Marke gelegen haben. Insgesamt also ideales Radwetter - vom starken Rueckenwind mal ganz abgesehen.

Nach gut 20 km bremste mich ein Platten am Vorderreifen. Direkt vor einer Baustelle flickte ich meinen Schlauch und erbat mir bei dieser Gelegenheit gleich wieder etwas Strom fuer mein Handy.
Es ist erst der zweite Platten seit Tourbeginn. Da kann ich nicht meckern, ich haette weit mehr erwartet.
Als Uebeltaeter zog ich eine Dorne aus dem Mantel, die den Schlauch durchstossen hatte.

Das Tagesziel fuer heute war Aranjuez und dafuer gab es einen Grund. Nicht nur meine elektrischen Geraete riefen schon foermlich nach einer Steckdose, auch ich wollte endlich wieder unter eine Dusche. In Aranjuez sollte es angeblich einen Campingplatz geben, also steuerte ich es an.
Die Etappe war durch die idealen Wetterbedingungen und die vielen flachen Kilometer entlang verschiedener Fluesse schnell vorueber und ich wurde tatsaechlich fuendig. Auf dem Campingplatz kam ich seit St. Jean, was in Frankreich und somit knapp 600 Radkilometer zurueck liegt, endlich wieder in den Genuss einer richtigen Dusche. Ich hatte mir zwar schon ueberlegt, in den naechstbesten Fluss zu springen, aber da kaeme ich vermutlich dreckiger heraus als ich hinein gesprungen waere. Vielleicht ist es nur Sand oder Erde, aber die Gewaesser sehen hier nicht sehr einladend aus.

Als Parzellennachbar habe ich einen Rueckreisenden aus Marokko. Er war dort einige Wochen mit dem Gelaendewagen unterwegs. Das verlangte natuerlich nach einer gemuetlichen Runde mit umfangreichem Erfahrungsaustausch ueber die beiden unterschiedlichen Touren.

Toledo - 76 km - 11400 km

26. October 2007, 20:36

Der Tag begann gleich mit etwas Action. Nicht mein deutscher Nachbar Gerd, der gerade aus Afrika kam, sondern ein ebenalls neben mir platzierter Spanier hatte Schwierigkeiten mit seinem BMW. Das Fahrzeug wollte nicht anspringen. Da das Starthilfekabel keinen Erfolg brachte, war Gerd mit seinem martialischem Toyota-Gelaendewagen sofort zum Ziehen zur Stelle. Mit einer Ausruestung, die jeden eingegrabenen LKW senkrecht aus dem Sandboden haette hiefen koennen (”Sahara-Version” nannte Gerd es), befestigte er den 5er an seinem Fahrzeug.
Tatsaechlich lief der Motor nach wenigen Metern, aber dass die Abschleppoese nach der Aktion noch am BMW hing, wunderte mich. Gerd heizte mit einem Affenzahn los, der PKW wie ein Spielzeugauto dahinter an der Leine. Das Gesicht des Spaniers im Fahrzeug und das seiner Frau daneben waren koestlich.

Die Nachbarschaft mit dem Afrikareisenden war nicht nur unterhaltsam, sie war auch hilfreich. Zuerst konnte ich mit seinem Notebook die Bilder meiner Kamera auf meinen USB-Stick kopieren um wieder mehr Platz fuer weitere Bilder zu haben, dann vermachte er mir noch einige Nahrungmittel, die von seiner Tour uebrig geblieben waren. Mein Thunfischsalat, den ich zum Abendessen hatte, ist die letzten acht Wochen also noch weiter herumgekommen als ich :-)

Ich startete relativ spaet. Der Grund hierfuer war meine Waesche, die noch etwas feucht auf der Leine baumelte und nur langsam von der Sonne getrocknet wurde. Gegen 13 Uhr rollte ich vom Campingplatz los Richtung Toledo. Madrid hatte ich mir gespart. Es war mir schlicht zu gross und die Anfahrt mit dem Rad somit zu umstaendlich. Toledo wollte ich mir aber nicht entgehen lassen.

Die Stadt liegt wirklich malerisch. Von innen betrachtet empfand ich sie gar nicht so besonders huebsch. Die vielen auf Touristen ausgerichteten Geschaefte trueben das Stadtbild ein wenig und durch die engen Strassen war die Fahrt mit dem Rad auch nicht unbedingt ein Vergnuegen. Richtig schoen ist aber der Blick vom einem der suedlich gelegenen Berge. Das Stadtzentrum von Toledo liegt auf einem Huegel, den nach Sueden hin nur das tiefe Tal des Tajo von den dortigen Erhebungen trennt. Man faehrt wie an einer Schlucht entlang und hat dabei eine wunderbare Sicht auf den Stadtkern.
Bei den Anstiegen zu diesen Aussichtspunkten lieferte ich mir mehre Rennen mit der Touri-Bimmelbahn. Trotz Anfeuerung der Insassen verlor ich jedesmal haushoch gegen die Diesel-Pferdchen. Vielleicht sollte ich morgen noch einen Versuch ohne Gepaeck starten :-)

Der Campingplatz, den ich heute Abend gluecklicherweise gefunden habe, liegt etwas weit ausserhalb. Ansonsten waere ich vielleicht fuer ein paar Nachtaufnahmen nochmal zurueck geradelt.

Bild aufgenommen am
26.10.2007, 18:12.
Toledo

Von den südlichen Bergen hat man eine herrliche Aussicht auf die Stadt.
 
Bild aufgenommen am
26.10.2007, 18:13.
Toledo und der Rio Tajo.

Wie man erkennen kann, ist Toledo nicht gerade einladend für eine Fahrradtour. Die Gassen waren teils so eng, dass entgegenkommende Autos nicht an meinen Fahrrad vorbei kamen.
Zudem hat man ständig Steigungen zu bewältigen.
 
Bild aufgenommen am
26.10.2007, 18:14.
Toledo

Die Stadt ist sehr malerisch am Rio Tajo gelegen, von innen empfand ich sie aber schon fast als zu touristisch.
 

Am Rio Estenilla - 128 km - 11528 km

28. October 2007, 10:26

Gleich morgens stand eine Entscheidung bezueglich des weiteren Streckenverlaufs an. Ich konnte entweder dem Lauf des Tajo folgen und die Montes de Toledo umfahren oder ich konnte direkten Kurs nach Sued-Westen halten und wuerde somit durch die Bergkette radeln. Der Weg nach Toledo am Tag zuvor war stark befahren und ich befuerchtete, dass mir dieses Schicksal im Tajo-Tal auch weiterhin nicht erspart bleiben wuerde. Die Entscheidung fiel zugunsten der Kletterpartie durch die Berge, weil ich mir dort mehr Ruhe und Genuss, wenn auch bei mehr Anstrengung erhoffte.Bis nach Navahermosa waren eher sanfte Steigungen zu fahren. Noch nie habe ich auf so kurzer Distanz so viele Moebelgeschaefte wie auf der Strecke dorthin gesehen. Scheinbar muss ganz Spanien dort Moebel kaufen.
Kurz nach der Stadt wechselte ich von der CM-401 auf die viel kleinere CM-4157 und alles war wie ausgewechselt.Die folgenden 60 km waren landschaftlich mit Abstand die schoensten in Spanien bisher. Ich wuerde sogar fast sagen, dass mir seit Norwegen keine Strecke so gut gefallen hat.
Die Strasse war sehr schmal und annaehernd unbefahren. Anstiege und Abfahrten wechselten sich ab, eine gewisse Mindesthoehe behielt man aber durchgehend, wodurch man fast die ganze Zeit einen traumhaften Blick auf umliegende Berge, Taeler, Fluesse und winzige Doerfchen hatte. Die Vegetation war auch wieder zurueck. Seit Pamplona habe ich fast nur Erde gesehen, von weiss ueber braun bis rot waren alle Farben dabei, aber hier war es endlich wieder richtig gruen und stark bewachsen. In den Abendstunden machte die tief stehende Sonne die Traumkulisse vollkommen. Leider war der Strassenbelag waehrend der ganzen Zeit grauenvoll, aber ansonsten waere es wohl zu perfekt gewesen. Campingplatz war keiner zu finden, aber das wunderte mich nicht. Es gab so gut wie keine Gebauede entlang der Strecke. Alle paar Kilometer gab es eine Einfahrt zu einer Finka, mehr Zivilisation war nicht zu sehen.Etwas suchen musste ich zwar schon nach einem halbwegs ebenen Schlafplatz, aber an einem Feldweg hinab zum Rio Estenilla fand ich eine Ausbuchtung, die geradezu ideal fuer mich schien: ebener Boden, tolle Aussicht und von der Strasse nicht einzusehen.Einen Nachteil hat der Platz allerdings: Ich habe kein Netz. Wann diese E-Mail auf Reisen geht, kann ich also noch nicht genau sagen, aber im Laufe des Sonntags sollte sie auf der Homepage ankommen.

Bild aufgenommen am
27.10.2007, 16:27.
In den Montes de Toledo.

Eine grüner Fleck in dem sonst eher rotbraunen Spanien.
 
Bild aufgenommen am
27.10.2007, 16:47.
Die Montes de Toledo bieten immer wieder faszinierende Fernsichten.

Mit dem Fahrrad war die Durchquerung zwar anstrengend, aber auch lohnenswert.
 
Bild aufgenommen am
27.10.2007, 17:19.
In den Montes de Toledo sah ich viele solcher halb "geschälten" Bäume.

 
Bild aufgenommen am
27.10.2007, 18:07.
Der Straßenbelag machte mir und meinen Fahrrad in den Montes de Toledo einige male zu schaffen.
 
Bild aufgenommen am
27.10.2007, 18:34.
Blick zurück auf die Montes de Toledo in der Abendsonne.
 

Bei Talarrubias - 91 km - 11620 km

28. October 2007, 17:24

Knapp 30 km waren heute Morgen noch zu radeln, bis ich wieder Anzeichen von Zivilisation zu sehen bekam. Zudem wurde die Strasse wieder besser zu befahren, auch wenn es heute erneut nicht einen flachen Kilometer gab. Rauf oder runter, etwas anderes gibt es hier scheinbar nicht.

Landschaftlich muss sich die Etappe nicht weit hinter die von gestern einordnen. Zwar waren heute immer wieder einige eher langweilige Abschnitte dabei, das Gebiet um den “Embalse de Garcia da Sola” hielt aber auch einige Leckerbissen bereit. Die vielen Fluesse schlaengeln sich wie durch einen Grand Canyon hindurch, bevor sie in den See fliessen. Ich hoffe, die Natur bleibt auf meiner Strecke weiterhin so faszinierend. Das Radeln macht in solch einer Umgebung gleich noch mehr Spass.

Dass ich die Etappe heute schon so frueh beendet habe liegt daran, dass ich auf dem naechsten Streckenstueck keine weiteren Campingplaetze weiss. Laut meiner Karte kommen erst suedlich von Cordoba weitere offizielle Campingmoeglichkeiten.
Deshalb habe ich heute die Chance genutzt, um nochmal zu duschen und um Strom zu tanken, bevor wieder ein oder zwei Naechte in der Wildnis angesagt sind.

Als ich hier am Campingplatz ankam, waren noch ein paar Wohnwaegen auf dem Areal verteilt. Inzwischen bin ich der einzige Gast. Viel los ist auch auf den spanischen Plaetzen nicht. Ich bin aber positiv von der Sauberkeit der Sanitaereinrichtungen ueberrascht. Meine Befuerchtung, dass es suedlich zunehmend dreckiger wird, trifft bisher nicht zu. Abgesehen von den schlechten Erfahrungen in Belgien hat sich im Tourverlauf noch kein Land mehrere grosse Ausrutscher geleistet.

Was mir schon in den Pyrenaeen gut gefallen hat und was auch in Spanien weiterhin schoen anzusehen ist, das sind die vielen Raubvoegel am Himmel. Ich haette mir vorher nicht vorstellen koennen, was daran interessant sein soll. Inzwischen beobachte ich sie aber richtig gerne und haeufig, egal ob auf dem Rad, waehrend der Rast oder wie hier auf dem Campingplatz.
Wenn sie nur durch die Luft gleiten, sieht das schon majestaetisch aus, wenn sie sich dann auch noch balgen, geht es richtig zur Sache.

Bild aufgenommen am
28.10.2007, 09:02.
Mein Fahrrad samt Gepäck - oder zumindest die Konturen davon.
 
Bild aufgenommen am
28.10.2007, 09:56.
Die Morgensonne zaubert in Kombination mit den Brückenpfeilern ein Streifenmuster auf den Strand.
 
Bild aufgenommen am
28.10.2007, 10:01.
Embalse de Cijara

Diese Seenlandschaft war wirklich ein optischer Leckerbissen. Zudem war kaum etwas los. Man hat dieses wunderschöne fleckchen spanische Erde fast für sich allein.
 
Bild aufgenommen am
28.10.2007, 14:15.
Es lagen viele Schlangen auf der Straße.

Nach der Erfahrung mit den Fröschen in Schweden kontrollierte ich deshalb jeden Morgen meine Schuhe.
 
Bild aufgenommen am
28.10.2007, 14:31.
Traumhafte Seenlandschaft in Spanien.
 

Posadas - 226 km - 11845 km

30. October 2007, 08:47

Da ich am Sonntag etwas getroedelt hatte, wollte ich gestern eine laengere Etappe fahren. Dass es so weit wird, war allerdings nicht geplant.

Die Strecke kam mir aber auch entgegen. Zwar waren immer noch viele Anstiege zu fahren, allerdings schlaengelte sich die Strasse nicht mehr so sehr durch die Landschaft und so kam ich gut nach Sueden voran. Auch mischten sich immer wieder flache Stuecke unter die Etappe.

Die Landschaft verlor nach den ersten 100 km ein wenig an Reiz, erneut dominierte die trockene und braune Erde das Bild.

Als ich in Espiel ankam, war es schon leicht am Daemmern. Die letzten 40 km fuhr ich dann im Dunkeln, nun aber leider wieder im Wald. Staendig raschelte und knisterte es am Wegrand, weswegen ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut fuehlte. Die Eidechsen werden mich zwar nicht gerade anfallen, aber meine Sorge bezog sich auf straeunende Hunde, die mir das Leben schon haetten schwer machen koennen. Ich sah zwar ein Reh vor mir ueber die Strasse rennen und ein paar Maeuse meinen Weg queren, aber dabei blieb es gluecklicherweise auch.

Wenn wir schon bei Tieren sind: Ich habe mal wieder ein Negativerlebnis mit einem Hund zu berichten. Etwa 15 km nach Espiel sahen mich von ihrem Grundstueck aus zwei Hunde. Sie waren mehrere hundert Meter vom Zaun entfernt, weswegen sich einer damit begnuegte, mich im Liegen anzubellen. Der andere rannte auf das Tor zu, welches dummerweise offen stand. Ich war etwa noch 70 m von ihm entfernt, als der Hund mir bellend die Strasse versperrte. Ich drehte um, fuhr noch ein paar Meter zurueck, was auch bergab bedeutete, und hielt dann an. Nur zweimal musste ich laut rufen, da kamen auch schon die Bewohner des Grundstuecks aus dem Haus, die den Hund auf meine Zeichen hin zurueck holten. Mein Glueck war, dass sich der Hund damit begnuegte, am Tor stehen zu bleiben und nicht versuchte, mir nachzulaufen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit der schweren Beladung schnell genug davon kommen wuerde.
Zu Tourbeginn hatte ich nichts gegen Hunde, so langsam scheinen sie mir der natuerliche Feind des Radreisenden zu sein.

In Posadas angekommen suchte ich mir einen Schlafplatz. An einem kleinen Weg zwischen einem Industriegebiet und Bahngleisen fand ich eine geeignete Moeglichkeit, wo ich schliesslich auch uebernachtete.

Bild aufgenommen am
29.10.2007, 09:24.
Morgennebel bei Talarrubias.

Dort vorne kreuzt ein Tal die Straße. In diesem steht förmlich der Nebel am Morgen.
Abgesehen davon war aber bestes Wetter.
 
Bild aufgenommen am
29.10.2007, 09:36.
Auf der Brücke war durch den Nebel kaum mehr etwas zu sehen.
 
Bild aufgenommen am
29.10.2007, 09:38.
Ein See, eingehüllt in den morgentlichen Nebel.
 
Bild aufgenommen am
29.10.2007, 12:10.
Etwa eine spanische Pyramide?
 
Bild aufgenommen am
29.10.2007, 12:26.
Bei näherer Betrachtung entpuppte sich diese Insel tatsächlich als ein Kreisverkehr.

Wer es nicht glaubt: Hier die Insel bei Google-Maps in der Satelliten-Ansicht.
 
Bild aufgenommen am
30.10.2007, 08:55.
Sonnenaufgang in Posadas.

Die Stelle war weder malerisch gelegen, noch war sie gut gegen Blicke geschützt.
Aber nach der nächtlichen Fahrt war mir so ziemlich jeder Rastplatz recht.
 

Arcos de la Frontera - 197 km - 12043 km

30. October 2007, 21:13

Die Nacht war angenehm ruhig. Erst in den Morgenstunden waren die unmittelbar neben und nur wenige Meter ueber mir gelegenen Schienen zu sehr befahren, um lange schlafen zu koennen. Andererseits hatte ich das auch nicht vor. Die fruehe Dunkelheit ist beim Radeln nicht gerade hilfreich, bei der Schlafplatzwahl ist sie aber manchmal sogar von Vorteil, wie ich feststellen musste. Gleichzeitig wird man zum Aufstehen bei Tagesanbruch gezwungen, wenn der Schlafplatz nur durch die Dunkelheit geschuetzt liegt. Es hat mal wieder alles seine Vor- und Nachteile.

Ich war somit jedenfalls frueh auf dem Sattel und da Tarifa schon foermlich nach mir ruft, wurde es auch heute eine weite Etappe. Die ersten flachen 50 km fuhren sich mit ordentlich Rueckenwind beinahe von allein. Erst spaeter wurde es durch die huegelige Landschaft wieder anstrengend. Speziell bei der Fahrt durch Arcos zeigte mein kleiner Neigungsmesser bis dato ungesehene Werte weit ueber der zehn Prozent-Marke. Da macht Verfahren wirklich kein Vergnuegen.

Arcos hat eine sehr exponierte Lage. Es liegt auf einem Berg, der an einer Seite steil abfaellt. Man hat von der Stadt aus einen tollen Blick auf die weite karge Praerie und auch von aussen betrachtet ist die Stadt durch die Haeuser auf den Klippen ein optischer Leckerbissen.
Wer sich einen besseren Eindruck machen moechte, als ich es hier beschreiben kann, sollte bei der Google-Bildersuche einige Schnappschuesse dazu finden.

Einen Schlafplatz muss ich zwar noch suchen, die Etappe ist also noch nicht ganz vorueber. Ich koennte mir aber in der Gegend kaum einen schoener Platz zum Tippen ausdenken, als der kleine Park innerhalb von Arcos, in dem ich mich gerade befinde. Er liegt direkt an einer Klippe, wodurch man auf die Lichter der umliegenden Doerfer sieht. Ich habe mir diese Gelegenheit also nicht entgehen lassen und gleich hier den Bericht geschrieben.

Ich mache mich jetzt auf und suche eine Uebernachtungsgelegenheit.
Das Ziel fuer morgen duerfte ja allen Mitlesern bekannt sein :-)

Zum Schluss noch ein klein wenig Statisitk: Die Google-Karte steht kurz vor ihrem 5000. Aufruf. Nicht schlecht!

Bild aufgenommen am
30.10.2007, 14:12.
Die auf mich wartende Strecke windet sich dort unten wie eine große Schlange durch die Landschaft.
 
Bild aufgenommen am
30.10.2007, 18:08.
Der Weg entlang meiner Fahrrad-Strecke kam mir zunehmend wie eine Wüste vor.
 
Bild aufgenommen am
30.10.2007, 21:30.
In Arcos de la Frontera.

Hier habe ich den obigen Tagesbericht geschrieben und zu Abend gegessen. Direkt vor mir liegt die Klippe, für die Arcos de la Frontera berühmt ist.
Im Anschluss musste ich noch eine passende Stelle für mein Zelt suchen.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 08:24.
Diese Baustelle vor der Toren von Arcos de la Frontera wurde mein Domizil für die letzte Nacht vor dem Erreichen des südlichen Wendepunkts meiner Reise.
 

Tarifa - 131 km - 12174 km

31. October 2007, 15:59

Vor wenigen Minuten bin ich nach einer kleinen Stadtrundfahrt am Campingplatz bei Tarifa angekommen.

Ich richte mich jetzt erst “haeuslich” ein, spaeter melde ich mich nochmal.

Bild aufgenommen am
31.10.2007, 09:00.
Hier nochmal ein Blick auf die Klippe von Arcos de la Frontera.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 10:14.
In Andalusien

Ich weiß nicht was hier einmal so groß beflaggt wurde, aber es scheint schon ein paar windige Tage her zu sein.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 14:20.
Der berühmte spanische Stier, kurz vor meiner Ankunft in Tarifa.

Wobei ich den Stierkämpfen und auch dem Stiertreiben in Pamplona äußerst kritisch gegenüberstehen.
 

Tarifa - Teil 2

31. October 2007, 19:11

Inzwischen habe ich mein Lager aufgebaut, den Strassendreck von der Haut gewaschen und meine Waesche trocknet bereits im Wind. Ich habe also wieder Zeit, um vom heutigen Tag und meiner Ankunft am suedlichen Wendepunkt meiner Reise zu berichten.

Morgens fuhren gegen 6:40 Uhr die ersten Bagger auf das Areal, auf dem ich genaechtigt hatte. Es war eine Baustelle kurz vor der Stadt, die ausser grosse Erdhuegel nichts zu bieten hatte. Diese Huegel waren allerdings ein perfekter Sichtschutz.
Ich packte also in Windeseile zusammen und machte mich vom Acker.

Wind war nachts aufgekommen. Gluecklicherweise wehte er aus Nord-Ost und somit fuer den Grossteil der Strecke zu meiner Unterstuetzung. Erst die letzten 20 km, als ich nach Osten drehte, wurde es muehsam.

Am Meer entlang und mit tollem Blick auf den schwarzen Kontinent, den ich uebrigens das erste Mal in Natura gesehen habe und der momentan nur noch 15 km entfernt ist, fuhr ich nach Tarifa hinein und machte am Hafen Rast. Die Stadt hat fuer Nicht-Surfer wenig Besonderes zu bieten, also fuhr ich nach einem Einkauf wieder ein paar Kilometer nach Westen zu einem der dort gelegenen Campingplaetze.

Nach vielen Tagen ohne grossen Tourismus ist hier noch relativ viel los.
Wie schon das Paar, das ich am anderen Ende der Reise getroffen hatte, kommt auch hier mein Zeltnachbar aus der Gegend bei Zuerich. Zufaelle gibt es…

Im Gegensatz zum Nordkap wird mich in Tarifa nicht viel halten. Wenn das Wetter mitspielt, fahre ich morgen weiter in Richtung Barcelona. Wie ich ja bereits geschrieben habe, plane ich dort einen Besuch als naechstes groesseres Ziel.

Leider sieht das Wetter momentan nicht sehr gut aus. Der Himmel zog im Laufe des spaeten Nachmittags immer mehr zu. Ich befuerchte, ich werde heute seit laengerer Zeit mal wieder ungewollt nass.

Ab dem Eintrag vom 08.10. kann man nun auch wieder ein paar neue Bilder anschauen.

Bild aufgenommen am
31.10.2007, 15:30.
Hier der Atlantik...
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 15:30.
... und direkt gegenüber das Mittelmeer.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 15:37.
Kitesurfer in Tarifa.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 18:10.
Am Ziel!

Europa "Nord-Süd" war die Idee hinter dieser Fahrradreise und mit der Ankunft hier in Tarifa habe ich diesen Gedanken erfolgreich in die Tat umgesetzt.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 18:13.
Hinter mir Afrika und der Atlantik, vor mir die Berge nördlich von Tarifa.

Mit denen werde ich mich in den nächsten Tagen irgendwann befassen.
 
Bild aufgenommen am
31.10.2007, 18:22.
Sandstrand bei Tarifa.
 

Noch immer in Tarifa

1. November 2007, 13:40

Langsam traue ich mich kaum mehr ueber meine Planung zu schreiben, sie haelt ja eh selten laenger als ein paar Stunden.

Schon den ganzen Tag weht hier ein heftiger Ostwind. Meine Lust, gegen diesen anzutreten haelt sich aber sehr in Grenzen. Ich habe deshalb kurzerhand entschlossen noch einen Tag zu faulenzen, was ich gerade in vollen Zuegen mache.

Einige haben es sicher schon bemerkt: Es gibt neue Bilder auf der Seite.
Viel Spass damit.

Bild aufgenommen am
01.11.2007, 09:03.
Wolken über dem Campingplatz bei Tarifa.

Nein, bei dieser Wetterlage muss ich nicht unbedingt losfahren.
 
Bild aufgenommen am
01.11.2007, 09:06.
Sandstrand bei Tarifa mir Sicht auf Afrika.
 
Bild aufgenommen am
01.11.2007, 17:35.
Mein Fahrrad in Tarifa, am südlichsten Punkt seines "Lebens".
 

Benadalid - 119 km - 12293 km

2. November 2007, 22:29

Gestern abend war ich mit meinem Nachbar aus der Schweiz und einem weiteren Surfer, der aus Oesterreich kam, in Tarifa. Erst gab es in einer kleinen urigen Bar etwas zu Essen, spaeter wechselten wir in eine andere Kneipe.

Ein Schweizer, ein Oesterreicher und ein Schwabe - sprachlich eine sehr lustige Kombination. Ich glaube, dass der erste Satz auf Hochdeutsch erst fiel, als noch drei junge Damen aus Deutschland, die gerade fuer ein Jahr in Marbella arbeiten, zu unserer Runde hinzustiessen.
Im Vergleich zu den Etappentagen wurde es sehr spaet.
Ich bin im Nachhinein froh, dass ich noch einen Tag laenger geblieben bin und mit der Runde somit ein klein wenig meine Ankunft am Wendepunkt meiner Reise gefeiert habe.

Mit der Stadt selbst wurde ich nicht warm. Fuer meinen Geschmack ist alles zu sehr von den Surf-Klischees dominiert. Erstaunlicherweise sah man aber trotz vieler entsprechender Touristen, ordentlichem Wind und schoenstem Wetter kaum Segel oder Kites. Viele Gaeste auf dem Campingplatz hatten Bretter dabei, auf dem Wasser sah ich davon aber nur meine beiden Begleiter. Mir scheint, als moegen manche “Surfer” das Surf-Image lieber als den Sport selbst.

Was ich an Tarifa allerdings mochte, waren die Reisenden und ihre Geschichten. Den Pauschaltouristen, der zwei Wochen in Tarifa verbringt, habe ich dort nicht gesehen. Im einfachsten Fall sind es Rentner, die ihren Urlaub im Warmen verbringen. Oft aber sind es Reisende wie ich, die Tarifa als Startpunkt oder Ziel ihrer Unternehmung gewaehlt haben, oder sie nutzen die Stadt als Tor nach Afrika. Zudem spricht dort bezueglich des Zeitrahmens kaum jemand von “Wochen”. Mit wem immer ich gesprochen habe, es ging um mehrere Monate oder gar Jahre, die die Reise oder der Aufenthalt dauern sollte.
Heute morgen lief es bei der Abfahrt nicht richtig rund bei mir. Der Ruhetag bekam mir offensichtlich weniger gut. Die Knie schmerzten etwas und meine Muskulatur hatte sich ueberraschend schnell auf das Strandliegen umgestellt und sah scheinbar keinen Anlass diese Haltung aufzugeben. Erst nach ueber 20 km fuehlte ich mich wieder halbwegs fit. Bis dahin haette mich vermutlich manch Rentner mit der Einkaufstuete am Lenker ueberholen koennen.

Zwar warteten mit dem El Cabrito und dem Puerto de Bujeo keine ernsten Bergpruefungen auf mich, ein paar hundert Hoehenmeter waren aber trotzdem zu bewaeltigen, bevor ich wieder hinab nach Algeciras rollen konnte.
Als groesster Spielverderber setzte sich aber wie bereits gestern auch heute der Levante in Szene. Etwa fuenf Windstaerken hatte ich bei der Abfahrt am Campingplatz gegen mich, weiter oben auf den Bergen wurde es sogar noch etwas mehr.
Als haette das nicht schon gereicht, war auf der Strasse unangenehm viel Verkehr.
Nicht erst in Algeciras, wie ich finde eine der haesslichsten Staedte bisher in Spanien, war mir klar, dass der Weg entlang der Kueste kein grosses Vergnuegen werden wuerde. Nach einigen unangenehmen Kilometern durch die Stadt fuhr ich bei San Roque Richtung Norden in die Berge. Zwei Stunden spaeter war ich inmitten der wunderschoenen Bergwelt, fuhr auf Strassen mit wenig Verkehr, hatte den Abgasgestank der Staedte hinter mir gelassen und konnte die Fahrt wieder in vollen Zuegen geniessen. Der Blick auf das Mittelmeer zuvor war zwar auch nicht uebel, ich muesste ihn aber mit den vielen grossen Staedten auf dem Weg und dem dichten Verkehr zu teuer erkaufen.

Nach Ronda habe ich es nicht ganz geschafft, rund 20 km davor wurde es dunkel. Hinzu kommt, dass ich mich inzwischen auf knapp 1000 m Hoehe befinde und es dort die heute Mittag in Algeciras angezeigten 26 Grad bei weitem nicht mehr hat.
Ein Campingplatz war zwar gegen Ende der Etappe angeschrieben, ich haette dazu aber sieben Kilometer abfahren muessen. Da mir der Sinn nicht danach stand, die gutgemachten Hoehenmeter wieder aufzugeben, habe ich mir am Strassenrand eine Uebernachtungsmoeglichkeit gesucht.
In Spanien stehen oft verlassene Haeuser oder Huetten an der Strasse. Ich moechte keines dieser Gebaeude betreten, da die Daecher teils schon eingestuerzt sind oder aber noch drohen, dies zu tun. Heute habe ich trotzdem solch ein verlassenes Haus ausgesucht und sozusagen im Garten hinter dem Haus mein Zelt aufgeschlagen.

Bild aufgenommen am
02.11.2007, 13:52.
Blick zurück.

Die Küstenstraße war mir zu sehr befahren, wodurch der Spaß auf der Strecke blieb.
 
Bild aufgenommen am
02.11.2007, 18:38.
Auf dem Weg nach Ronda.

Nur wenige Stunden von dem Küsten-Rummel entfernt, war ich wieder in meinem Element: Kleine Straßen in den Bergen mit wenig Verkehr und wunderbarer Fernsicht.
 
Bild aufgenommen am
02.11.2007, 19:15.
Die Ortschaften kleben hier regelrecht am Berg.
 
Bild aufgenommen am
02.11.2007, 19:44.
Auch die Fahrt in der Dämmerung hat ihre optischen Reize.
 

Puente-Genil - 158 km - 12451 km

3. November 2007, 19:03

Mein Schlafplatz heute Nacht war etwas unguenstig gelegen. Ich hatte keinerlei Windschutz und somit fiel die Nacht ziemlich unruhig aus. Morgens musste ich eh frueh los, da allein die Dunkelheit mein Zelt davor schuetzte, von der Strasse aus gesehen zu werden. Insgesamt haette die Nacht also erholsamer ausfallen koennen.

Dementsprechend war ich schon gegen 8:30 Uhr in Ronda, was noch voellig ausgestorben schien. Die kleine Stadt ist sehr schoen gelegen, aehnlich wie Arcos befindet sie sich auf einer scharf abfallenden Klippe. Ansonsten gab es dort aber nicht viel, was mein Interesse weckte. Allein wegen Ronda braucht man meiner Meinung nach nicht in die Berge fahren. Der schoene Weg von gestern Nachmittag macht es aus, dass sich die Strecke fuer mich trotzdem gelohnt hat.

Nach Ronda ging es noch rund 25 km auf gleicher Hoehe weiter, danach kam gluecklicherweise die Abfahrt. Oben in den Bergen hingen Wolken, kurz vor Ronda regnete es sogar leicht. Unten war es wieder angenehm warm und der Himmel aenderte sich zu reinem Blau.

Viele Campingplaetze werden mich auf dem Weg nach Barcelona nicht erfreuen.
Aus diesem Grund stehe ich gerade in einem Olivenfeld zwischen den Baeumen und warte, bis die Dunkelheit in wenigen Minuten den Startschuss zum Zeltaufbau gibt.

Da ich jeden Tag mindestens eine Dose der kleinen gruenen Leckereien verputze, betrachte ich die Wahl dieses Uebernachtungsplatzes also als eine reine Vertiefung der Kundenbeziehung. Hoffentlich muss ich das heute Nacht keinem Bauer auf spanisch erklaeren :-)

Bild aufgenommen am
03.11.2007, 10:16.
In Ronda.

Auch diese Stadt ist direkt an einen tiefen Abgrund gebaut.
 
Bild aufgenommen am
03.11.2007, 12:13.
Auf der Abfahrt von Ronda.

An der Küste war noch viel Grün zu sehen. Langsam dominiert wieder das gewöhnte Braun.
 
Bild aufgenommen am
03.11.2007, 18:47.
Felder so weit das Auge reicht.

Wie man an der Aufnahmezeit des Bildes sehen kann, geht die Sonne inzwischen schon recht früh unter, was zum Fahrrad fahren nicht gerade ideal ist.
 

Mancha Real - 144 km - 12595 km

4. November 2007, 20:46

Eigentlich war ich der festen Ueberzeugung, dass ich wegen des heutigen Sonntags etwas laenger im Olivenfeld ausschlafen kann. Der Bauer, der gegen 6:10 Uhr bei noch voelliger Dunkelheit kreuz und quer ueber das Nachbarfeld fuhr, um hier und da mit lauten Schlaegen etwas im Boden zu versenken, sah das allerdings nicht so. Kurz vor sieben hatte ich also bereits gepackt und war abgefahren.

Kalt war es. Tagsueber ist die Sonne sehr angenehm, es ist eher 2 zwei Grad zu warm als zu kalt. Abends bleibt es auch lange genug mild, bei den fruehen Abfahrten ist es aber schon immer etwas frisch. Zwar mit kurzen Hosen aber auch mit Handschuhen bekleidet, ging ich heute auf die ersten Kilometer, bis die Sonne ueber die Berge blinzelte.

Die Etappe fuehrte erneut mitten durch die spanische Bergwelt, was sie landschaftlich sehr schoen, andererseits nicht minder anstrengend machte. Die Durchschnittsgeschwindigkeit (die ich nie berechne) fuehlte sich heute so niedrig an wie schon seit Langem nicht mehr.

Etwas deprimierend war es schon, als heute eine Landstrasse ploetzlich zur zweispurigen Schnellstrasse wurde und ich sie nicht mehr nutzen durfte. Insbesondere deshalb, weil mir ein grosses Schild daneben unter die Nase rieb, dass ich ueber den Umweg der EU diesen Ausbau auch noch mitfinanziert hatte.
Ansonsten sind diese “EU-Bezuschusst”-Schilder meist ein Anlass zur Freude, da sie einen guten Fahrbahnbelag versprechen. Heute hatte ich mal Pech und die EU hat es ZU gut fuer mich gemeint.

Manchmal wundere ich mich ueber mich selbst.
Als ich die Stadt Jaen passiert habe, sah ich bei einem kurzen Blick im Vorbeifahren von der Umgehungsstrasse aus ein historisches Bauwerk auf einem Huegel und dachte mir dabei etwas wie “sieht ganz nett aus”. Auf eine ausfuherliche Besichtigung, sowohl des Bauwerks als auch der Stadt, hatte ich aber nicht die geringste Lust.
Keine Stunde spaeter schlage ich mich eine halbe Ewigkeit durch das Gemuese, um den vorhin von der Strasse aus zu erahnenden Schlafplatz mit Blick herab auf eben diese Stadt als Lagerplatz zu suchen. Als dann das Zelt steht (im heutigen Fall auf einer Anhoehe zwischen zwei Olivenfeldern), blicke ich minutenlang hinab ins Lichtermeer und geniesse den Moment.
Bei Tageslicht werde ich morgen solche Staedte wieder interessenlos links liegen lassen.
Ich finde es zugegebenermassen selbst eine merkwuerdige Art zu reisen, aber sie bereitet mir einfach so viel Vergnuegen, dass ich nicht von ihr lassen moechte.

Bild aufgenommen am
04.11.2007, 18:53.
Bei Mancha Real.

Hier gibt es Olivenfeld an Olivenfeld.
Angesichts der Tatsache, dass mir diese Felder auch als wilde Zeltplätze dienen, hat das auch seine praktische Seite.
 
Bild aufgenommen am
04.11.2007, 19:57.
Mancha Real bei Nacht von meinem Zeltplatz aus fotografiert.
 
Bild aufgenommen am
05.11.2007, 10:06.
Zelt und Fahrrad zwischen zwei Olivenfeldern bei Mancha Real.
 

Arroyo del Ojanco - 122 km - 12716 km

5. November 2007, 20:06

Die spanischen Bauern scheinen meine Google-Karte sehr genau zu verfolgen. Jedenfalls war auch heute Morgen auf dem Feld unmittelbar neben mir schon einer mit dem Traktor fleissig unterwegs. Da ich mich aber so platziert hatte, dass er mich nicht sehen konnte, liess ich mich nicht vertreiben und startete heute wesentlich spaeter als an den Tagen zuvor. Nach einem Einkauf unweit meines Schlafplatzes machte ich mich gegen elf Uhr auf die Etappe.

Die Landschaft besteht hier hauptsaechlich aus zwei Teilen. Entweder sind steile felsige Berge zu sehen, oder es sind kleinere Huegel, die dann nahezu lueckenlos mit Olivenbaeumen bewachsen sind. Meist ist man von riesigen Olivenplantagen umgeben, nur die Berge in oft weiter Entfernung begrenzen die Sicht. Insgesamt gefaellt mir die Gegend recht gut. Durch die Olivenbaeume wirkt die trockene Erde gleich viel weniger wuestenartig.
Nur eine Sache habe ich zu bemaengeln: Die Strasse, auf der ich seit gestern fahre und der ich auch die naechsten Tage folgen werde, scheint keinen Huegel auszulassen. Ich habe langsam die Vermutung, die Planer wurden nach Hoehenmeter bezahlt.

Die Temperaturen, wie auch das sonstige Wetter, waren heute wieder spitze. Ich kann mich nicht erinnern auch nur eine Wolke am Himmel gesehen zu haben. Zudem ging ein leichter Wind, der bei den vielen Anstiegen ein wenig Kuehlung brachte.
Man koennte das Wetter als “nicht verbesserungsfaehig” bezeichnen.
Auch heute musste ich zweimal Getraenke nachkaufen. So sechs bis acht Liter brauche ich bei solchen Temperaturen und der trockenen Luft.

Morgen muesste ich an einem Campingplatz ankommen. Er ist nur noch rund 70 km entfernt, also eigentlich zu nahe fuer eine ganze Etappe. Ich koennte mir aber vorstellen, dass ich dem Sirenengesang der Campingplatzdusche nicht widerstehen kann.
Eigentlich zelte ich direkt am Fluss, aber das ist so eine dreckige Bruehe, da werde ich keinesfalls reinhuepfen.

Ein Olivenfeld hat es mir mal wieder als Uebernachtungsplatz angetan. Mehr aus der Not heraus, denn es kam nichts anderes. Diesmal habe ich mich aber nicht zwischen den Baeumen versteckt, sondern mich am Rio Guadalimar, der mitten durch das Feld verlaeuft, platziert. So habe ich immerhin noch ein klein wenig Ausblick.

Bild aufgenommen am
05.11.2007, 15:44.
Im Hintergrund Berge und ansonsten Olivenfelder in Massen.
 

Penascosa - 74 km - 12791 km

6. November 2007, 21:22

Noch vor Tagesanbruch fuhren heute morgen zwei gut besetzte Gelaendewaegen auf das Olivenfeld, das ich als Schlafplatz ausgesucht hatte. Schon oft hatte ich unterwegs beobachtet, dass Aeste und Laub auf den Olivenfeldern verbrannt wurden, und genau dies hatten die etwa zehn Mann vor. Kaum hatten die Fahrzeuge angehalten, brannte auch schon ein Feuer und eifrig wurde von allen Ecken des Feldes von kleinen Haeufchen Brennmaterial herangetragen. Ich hatte an der Stelle nahe des Flusses nicht weit weg von ihrer Feuerstelle gezeltet. Das habe ich ja mal wieder prima getroffen :-(

Unauffaellig verschwinden war nicht moeglich, sie hatten mich beim Heranfahren im Lichtkegel ihrer Autos sicherlich laengst entdeckt. Mein Zelt ist zwar gruen und bei Daemmerung schlecht zu sehen. Die roten Taschen meines Fahrrads, die nebenbei ueber und ueber mit Reflektoren beklebt sind, waren ihnen aber sicher nicht verborgen geblieben. Als ich aus meinem Zelt kroch, wurde ich freundlich gegruesst. Einer versuchte sogar mich ein wenig ueber meine Tour auszufragen, die Sprachbarriere verhinderte aber einen Austausch grossteils. Wenige Minuten spaeter, als ich abfuhr, bekam ich noch ein nettes Winken von der ganzen Mannschaft. Gestoert hat sich also niemand an meiner Anwesenheit.
Ich frage mich, wie ich es immer schaffe, genau DIE Plaetze auszusuchen, an denen morgens jemand arbeitet. Ich schaetze, dass hoechstens auf jedem 30. Feld, das ich passiere, Menschen zu sehen sind. Stets suche ich mir aber eines zum Uebernachten aus, auf dem ich morgens geweckt werde.

Wieder war es kalt vor Sonnenaufgang, so dass die Handschuhe zum Einsatz kamen. Blinzelt die Sonne dann aber ueber die Berge, wird es in Minutenschnelle so warm, dass man sich vorkommt wie ein Eskimo in der Wueste.
Das Zwiebelprinzip, immer eine Schale nach der anderen abzulegen, kommt hier nicht zum Einsatz. Bis Sonnenaufgang sind Handschuhe, Beinlinge und Fleecejacke angesagt, sofort danach haelt man es nur noch in kurzer Hose und T-Shirt aus.

Nebenbei: Das Wetter empfinde ich als geradezu ideal. Wenn das hier tagsueber aber normale Temperaturen fuer November sind, bringen mich im Sommer keine zehn Pferde her. Zum Radfahren schon gleich dreimal nicht.

Durch den fruehen Start war ich gegen Mittag bei Alcaraz, wo es angeblich einen Campingplatz geben sollte. Tatsaechlich kam zwei Kilometer nach der kleinen Stadt ein Schild, dass mir acht Kilometern abseits der Hauptstrasse eine offizielle Zeltmoeglichkeit versprach. Leider liegt suedlich der Hauptstrasse die Sierra de Alcaraz, also fand ich den Campingplatz erst einige hundert Hoehenmeter ueber meinem eigentlich geplanten Streckenverlauf.

Normalerweise haette ich nur wegen eines Campingplatzes keinen so grossen Umweg eingelegt. Meine letzte richtige Dusche in Tarifa lag allerdings schon einige Tage zurueck. Deutlicher ausgedrueckt: Ich beneidete schon manch ueberholenden Schweinetransporter um seine vortreffliche Hygiene.
Zudem werde ich die naechsten zwei bis drei Naechte auch nicht sehr viele Chancen in dieser Hinsicht bekommen. Ich nahm den Umweg also in Kauf.

Entgegen meinen Befuerchtungen war der Campingplatz geoeffnet, auch wenn ausser mir nur ein paar verlassene Wohnwaegen auf dem Areal stehen.
Die zweite Tageshaelfte verbrachte ich mit “Hausarbeit”. Die Waesche ist gewaschen und tollerweise auch fast schon wieder trocken, das Zelt ist geputzt, das Fahrrad bekam etwas Pflege ab und ich fuehle mich auch wieder wie ein Mensch.
So ein Campingplatz kann schon etwas Tolles sein.

Bild aufgenommen am
06.11.2007, 08:12.
Zielsicher habe ich mir wieder einen solchen Übernachtungsplatz ausgesucht, der frühmorgens von Landwirten aufgesucht wird.
 
Bild aufgenommen am
06.11.2007, 15:18.
Mein Zelt und Fahrrad auf dem Campingplatz in Penascosa.
 

Casas Ibanez - 125 km - 12915 km

8. November 2007, 08:11

Wie fast immer auf Campingplaetzen, kam ich gestern etwas spaeter los, als bei einer wild gecampten Nacht.
Ich hatte bei der Abfahrt die Wahl entweder den bekannten Weg zurueck zur Hauptstrasse zu nehmen, oder weiter in den Bergen zu radeln und erst 40 km weiter wieder auf meine eigentliche Strecke zu stossen. Da mir die Sierra de Alcaraz gut gefiel, entschied ich mich fuer die zweite Variante.

Als ich etwa die Haelfte der Etappe hinter mir hatte, wurde es nach vielen Tagen das erste Mal wieder richtig flach. Schoenerweise blieb das fast die ganzen restlichen Kilometer so. Ein wenig Rueckenwind tat das Uebrige.

Campingplatz kam wie erwartet keiner, also bog ich kurz vor Sonnenuntergang nahe Casas Ibanez in einen Feldweg ein und folgte ihm mehrere hundert Meter. Ich entdeckte etwas, das wie ein Damm aussah, der ebenso an der Nordsee haette stehen koennen. Er reicht so weit mein Auge sehen kann, ist mehrere Meter hoch und hat oben eine vielleicht vier Meter breite Flaeche. Was dieses Bauwerk bezwecken soll, ist mir schleierhaft. Auf beiden Seiten des Damms liegen Felder - und oben darauf liege momentan ich.

Schon beim Aufwachen heute Morgen fuehlte sich das Zelt an wie eine Tropfsteinhoehle. Ein Blick ins Freie verriet mir dann warum: Draussen haengt eine dicke Nebelsuppe in der Luft. Man sieht keine 100 m.
Das schmaelert meinen Drang zum Aufbruch ganz erheblich. Mal abwarten, vielleicht kaempft sich in den naechsten ein oder zwei Stunden die Sonne ihren Weg durch die Nebelwand.

Bild aufgenommen am
07.11.2007, 19:02.
Ich habe mein Fahrrad auf diesen Damm geschoben und mein Zelt darauf errichtet.